DFB-Sieg in Estland Ein sportliches Like

Ilkay Gündogan war der Mann des Abends. Erst das umstrittene Instagram-Like, dann zwei Tore gegen Estland. Wer ihn spielen sieht, fragt sich, warum er im DFB-Team nicht dominanter ist.
Ilkay Gündogan freut sich über seine beiden Tore gegen Estland

Ilkay Gündogan freut sich über seine beiden Tore gegen Estland

Foto: Martin Rose/Getty Images

Diesmal griff der DFB in Sachen Ilkay Gündogan sofort durch. Im Vorjahr war dem Verband noch der Vorwurf gemacht worden, er habe die Affäre um das berühmte Erdogan-Foto mit Gündogan und Mesut Özil viel zu sehr laufen lassen. Jetzt jedoch wurde noch am selben Abend reagiert.

Als in der Pressekonferenz nach dem Spiel in Estland (0:3, lesen Sie hier mehr zum Spiel) bereits die zweite Frage zum zustimmenden Like zum Salutgruß des türkischen Fußballers Cenk Tosun durch Gündogan und Mitspieler Emre Can gestellt wurde, schritt DFB-Pressesprecher Jens Grittner sofort ein und bat darum, den Bundestrainer doch bitte sehr mit sportlichen Fragen zu bedenken. Schließlich könne Joachim Löw kaum etwas zu dem aktuellen Fall sagen.

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Deutschland gegen Estland: Die 14 Minuten des Emre C.

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Das wenige dazu hatte Löw ohnehin schon kundgetan. "So weit ich gehört habe, haben beide den Like schon wieder entfernt", wer beide kenne, "weiß, dass beide eigentlich gegen Terror und Krieg sind", die Zustimmung, die beide dem Post von Tosun und dessen militärischem Gruß zukommen ließen, sei "in keinem Fall ein politisches Statement gewesen." Ähnlich hatten sich Gündogan und Can schon vor dem Spiel geäußert.

Nach dem Spiel sagte Gündogan: "Es ist krass, aus was heutzutage Geschichten werden. Ich dachte, ich like ein Foto von einem sehr guten Freund von mir, mit dem ich eine zeitlang in Manchester gelebt habe, der eine schwierige Zeit bei Everton gerade hat." Tosun spiele bei seinem Klub kaum und Gündogan habe sich einfach gefreut, dass er die Türkei zum Sieg geführt habe und so neues. Selbstvertrauen bekäme.

Wieder nur eine solide Halbzeit

Im Grunde war der ManCity-Profi selbst verantwortlich dafür, dass er und seine zumindest unglücklichen Internetaktivitäten nach dem Spiel das Hauptthema waren. Hätte er nach dem Seitenwechsel nicht zweimal schnell zur 2:0-Führung getroffen und die DFB-Elf damit vor einer Blamage bewahrt, hätte sich der Bundestrainer wohl zu einer sportlichen Misere äußern müssen.

Erneut hatte sein Team in fast schon beeindruckender Konstanz eine extrem schwache Hälfte hingelegt. Wie schon gegen die Niederlande, wie gegen Nordirland, wie auch im Testspiel gegen Argentinien. Der Elf fehlt nicht nur wegen der zahlreichen Ausfälle derzeit die Konstanz, eine Leistung über 90 Minuten zu halten. Diesmal kam der schnelle Platzverweis für Emre Can hinzu, der die Mannschaft schon nach einer Viertelstunde personell dezimierte. "Danach mussten wir uns erst einmal wieder ordnen", so Löw. Dennoch war es schon sehr bedenklich, wie das Team danach bis zum Pausenpfiff die Struktur verloren hatte und gegen die wackeren, aber extrem biederen Esten sogar um einen Rückstand fürchten musste.

Es ist die Geschichte dieses Spiels, dass es von den zwei Spielern geprägt wurde, die im Vorfeld mit ihrem Instagram-Like so viel Aufregung verursacht hatten. Can, der durch seinen Platzverweis die Elf in Unordnung brachte, Gündogan, der danach die Ordnung wiederherstellte.

Auf dem Feld fast trotzig reagiert

In einem Mittelfeld ohne Toni Kroos, dazu mit einem Joshua Kimmich, der nach der Roten Karte für Can in die Defensive zurückweichen musste, wurden Gündogans Qualitäten umso sichtbarer. Je länger das Spiel dauerte, je mehr wurde er das, was im Reportersprech Dreh- und Angelpunkt heißt. Was allein durch seine 180 Ballkontakte dokumentiert ist.

Im Vorjahr hatte die Geschichte um das Erdoganfoto bei Gündogan deutliche Spuren hinterlassen. Bei der WM in Russland war er ein sportlicher Ausfall, seine Leistung eine Karikatur dessen, was er kann. Jetzt reagierte er auf dem Platz fast trotzig, wirkte wie angespornt. Zumindest in dieser Hinsicht scheint er sich gegenüber dem Vorjahr weiterentwickelt zu haben.

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Es ist das 35. Länderspiel für Gündogan gewesen, er zählt damit im DFB schon zu den Routinierteren. Dennoch hat der 28-Jährige die Rolle, die zu ihm passen würde, in der Nationalmannschaft noch nicht gefunden. Mit Kimmich und Kroos sind im Mittelfeld schon zwei Spieler mit Platzhirschcharakter, die schwer zu verdrängen sind und beim Bundestrainer höchste Anerkennung haben. Verletzungen kamen hinzu, die Sache mit Erdogan hatte ihm zudem im Fanvolk Sympathien gekostet und manches Ressentiment geweckt. All das hat das Durchstarten im Nationalteam für ihn erschwert.

An seinen Fähigkeiten gemessen müsste Gündogan längst eine Führungsposition im Team einnehmen. Von Pep Guardiola bei Manchester City hoch geschätzt, mit Meisterehren in England dekoriert, seine Ballbehandlung ist eine Pracht. Zudem gilt er als ein intelligenter Spieler, umso mehr irritiert, dass er nun zum zweiten Mal aufgrund einer Onlineveröffentlichung im Mittelpunkt einer Diskussion steht, wie er es mit dem türkischen Präsidenten hält.

"Nach dem letzten Jahr ist das Letzte, was ich wollte, ein politisches Statement zu setzen", hat er noch vor dem Spiel dem SPIEGEL mitgeteilt. Passiert ist es dennoch. Und wird wahrscheinlich dazu führen, dass die Debatten vom Vorjahr wieder an die Oberfläche kommen. Das lässt sich selbst mit zwei Toren für Deutschland kaum verhindern.

Estland - Deutschland 0:3 (0:0)
0:1 Gündogan (51.)
0:2 Gündogan (57.)
0:3 Werner (71.)
Estland: Lepmets - Baranov, Tamm, Mets, Pikk - Antonov - Kams, Ainsalu, Vassiljev (61. Käit), Liivak (77. Ojamaa)- Sappinen (56. Zenjov)
Deutschland: Neuer - Klostermann, Can, Süle, Halstenberg - Havertz, Kimmich, Gündogan - Brandt (86. Amiri), Waldschmidt (66. Werner), Reus (76. Serdar)
Schiedsrichter:
Kabakov (Bulgarien)
Gelbe Karten: Lepmets, Baranov
Rote Karte: Can (14.)
Zuschauer: 12.062

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