Illgners Enthüllungsbuch Inside Bianca

Bodo Illgner, Weltmeister-Torwart von 1990, und seine Frau Bianca haben ein sogenanntes Enthüllungsbuch geschrieben. „Alles“ will mit schlüpfrigen Details aus der Fußball-Branche für Zündstoff sorgen, ist aber vor allem eins: peinlich.
Von Jens Todt

"Die deutschen Beckhams" wollen "mit entwaffnender Ehrlichkeit die Szene schildern", droht der Verlagsprospekt, allerdings liefert "das ultimative Glamour-Power-Paar" eher eine Handlungsanweisung für abgezockte Spielerfrauen oder jene, die es mal werden wollen.

"Wir wollten die Doppelmoral der Branche aufdecken", erklärt Bodo Illgner, 54-facher Nationalspieler und Champions-League-Sieger mit Real Madrid. "80 Prozent der Schilderungen sind wahr", beteuert seine Frau Bianca, "die Handlung ist unser Leben."

Aus dem Leben der Illgners hatte die Öffentlichkeit lange nichts mehr gehört. Nach dem Karriereende des herausragenden Ballfängers im Jahr 2001 zog sich das Paar in sein Domizil in der Nähe von Alicante zurück. Jetzt melden sich Bodo und Bianca mit einem "fiktiven Tatsachenroman" zurück. Aber wie das so ist mit so genannten Enthüllungsbüchern; manchmal sagen sie mehr über ihre Autoren aus als über die Branche, deren Missstände angeprangert werden sollen.

Enthüllt wird tatsächlich allerlei auf über 350 Seiten, in erster Linie jedoch die Leiber der Protagonisten Jasmin und Kevin Bergen. Es geht reichlich zur Sache in "Alles", die erotischen Passagen entwickeln dabei allerdings den verschwitzten Charme klebriger "Praline"-Heftchen.

Um Fußball geht es auch in dem Buch, allerdings haben sich die Illgners, wohl aus Angst vor juristischen Scharmützeln, dafür entschieden, die Namen der Weggefährten notdürftig zu verfremden. So heißen die Nationaltrainer "Hans Eckenhauer" und "Peter Wadenbein", ein Kollege, den alle den "Tiger" nennen, "Stefan Zoffe" und so weiter.

Schon der erste Satz des Buches lässt den Leser ahnen, dass er einen langen, steinigen Weg vor sich hat: "Was macht man als 17-jährige, gut aussehende, intelligente Abiturientin?", philosophiert Heldin Jasmin in bester Tradition des Arzt- oder Pferderomans, überwindet ihre Sinnkrise jedoch rasch. "Viel reisen und reichlich Geld verdienen", lautet der Plan. Klar, dass man sich dann eine "Set-Karte anlegen" muss, um "als Model nebenbei Geld für meinen extravaganten Lebensstil dazu zu verdienen."

Jasmin beschließt, "nichts dem Zufall zu überlassen" und ist für Kevin Bergen, den hoffnungsvollen Nachwuchstorwart, "bereit, in die Vollen zu gehen und alles zu geben". Obwohl auch Kevins Auto ("Was für ein Geschoss") durchaus ins Beuteschema der ehrgeizigen Traumfrau passt, teilt sich Jasmin ihre Kräfte zu Beginn dieser wunderbaren Liebe gut ein. Und das, obwohl Kevin "ständig versuchte, mir ein Kleidungsstück zu entlocken".

Zum Glück für den Leser finden die Zwei doch noch zueinander. Auf einer abgelegenen Insel im Indischen Ozean, selig erschöpft von einem "einzigartigen Orgasmus", erklärt Kevin Jasmin seine Liebe und wählt dabei Worte so schön wie eine Glanzparade im Gegenlicht: "Du bist eine tolle Frau, und im Bett bist du die absolute Granate."

Explosive Berichte aus der Waagerechten ziehen sich durch das gesamte Buch der Illgners, so auch die Anekdote, dass Kevin bei seiner ersten Nationalmannschafts-Nominierung Zeuge ungewöhnlicher Dienstleistungen wird: "Meine Helden lagen splitterfasernackt auf dem Bett und ließen sich von jeweils einer Frau verwöhnen." Wie sagte Bianca Illgner, 80 Prozent der Handlung entsprechen der Wahrheit.

Ein ebenso stattlicher Teil der Romanhandlung spielt sich deutlich unterhalb der Gürtellinie ab, nur noch übertroffen von einem weiteren Aspekt: Jasmins ständigem Lamento über die unwürdige Behandlung der Spielerfrauen durch Funktionäre und die Presse.

Beispielsweise fühlt sich die selbstbewusste Spielerfrau bei der EM 1992 in Schweden nicht angemessen hofiert: "Wir Frauen wurden bei weitem nicht so behandelt, wie ich es gewohnt war." Doch nicht nur uneinsichtige Delegierte erregen den Zorn der Torwartgattin, nein, selbst die Natur stellt sich gegen Jasmin, was ihre Stimmung zusätzlich drückt. Sie entdeckt ungewöhnliche, ja nahezu unglaubliche Himmelsphänomene im Norden Europas: "Bei Nacht war es taghell, es wurde einfach nicht richtig dunkel." Kein Wunder, dass die Deutschen das Endspiel gegen Dänemark 0:2 verlieren - bei derart widrigen Bedingungen.

Zwei Jahre später, bei der WM in den USA sind die anderen mitgereisten Spielerfrauen Stein des Anstoßes: "Die Mehrzahl von ihnen war einfach nur hohl, dafür aber bis in die Haarspitzen gestylt", analysiert Jasmin.

Derlei Unbill ist zwar hart, lässt sich jedoch verkraften von einer Powerfrau, die neben Kindern und Haushalt auch noch die Vertragsverhandlungen ihres Mannes managt. Richtig schlimm wird es erst, als Jasmin erfährt, dass Kevin an einer Mannschaftssause im Bordell teilgenommen hat - doch frau kann verzeihen und nimmt den reuigen Sünder wieder in den Schoß der Familie auf.

Nicht jedoch, ohne vorher einige winzige Details des zukünftigen Zusammenlebens zu klären: "Okay, die Scheidung ziehe ich zurück, aber ab jetzt mache ich die Regeln. Ich werde nichts mehr tolerieren, aber auch rein gar nichts. Erstens ziehst du nachts nicht mehr allein um die Häuser, und zweitens kommst du nach Spielende direkt heim und amüsierst dich nicht noch stundenlang in irgendwelchen Bistros oder Kneipen."

Ein fairer Deal, erkennt Kevin und akzeptiert die Bedingungen. Endlich findet Jasmin angemessene Betreuung: "In den darauf folgenden Wochen und Monaten trug er mich auf Händen. So stellte ich mir eine gut funktionierende Ehe vor."

Gestern präsentierten Bianca und Bodo Illgner ihr Buch im Kölner Geißbockheim. Die Weltmeister von 1990 waren eingeladen, doch es hagelte Absagen. Auch Johannes B. Kerner verhinderte einen Auftritt der beiden in seiner Sendung kurz vor dem geplanten Termin, das Buch sei "nicht interessant genug".

Gut möglich, dass vielen in der Branche die Denunziationen der Illgners aus der sicheren Deckung heraus sauer aufstoßen. Jeder Fan kann leicht herausfinden, wer gemeint ist, wenn von dem jungen FC-Trainer Josch Dorn die Rede ist, der sich bei wilder Autofahrt sturzbetrunken auf Kevins Windschutzscheibe erbricht - wehren können sich die beschriebenen Personen nicht.

Andere Fußballer waren mit ihren Buchveröffentlichungen mutiger - unabhängig von deren literarischer Qualität. So verursachte Toni Schumachers "Anpfiff" (Droemer Knaur) im Jahr 1987 einen Skandal, der ihn den Job beim 1. FC Köln und den Posten im Tor der Nationalelf kostete. Illgner, pikanterweise Schumachers Nachfolger auf beiden Positionen, und seine Frau jedoch riskieren nichts mit dem Roman, höchstens eine Nominierung als neue Trash-Ikonen des Boulevards.

Schon melden sich Fans zu Wort, die die pädagogische Wirkung des Werks loben. So schrieb "Kai aus NRW" am 13. April ins Gästebuch der Illgner-Homepage (www.bodo-illgner.de): "Bianca und Bodo, ihr seid Schuld, dass ich mein erstes Buch lese, sonst lese ich nur Bild und Express."

Derlei Zuspruch scheint für die Jung-Autoren Ansporn und Verpflichtung zu sein - Bianca hat schon die Ideen für ein zweites Buch im Kopf.

Bodo & Bianca Illgner: "Alles" - Ein fiktiver Tatsachenroman Edition Steffan ISBN 3-923838-50-6

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