Derby in Tirana Das brisanteste Fußballspiel Albaniens

Das Derby in Tirana zwischen KF und Partizani ist mehr als ein sportlicher Wettkampf: Die Rivalität der Vereine ist längst zum gesellschaftlichen Sprengstoff geworden - das zeigte auch die jüngste Eskalation im Stadion.

Beim Derby in Tirana zwischen KF und Partizani ist Pyrotechnik ein fester Bestandteil
Hardy Grüne

Beim Derby in Tirana zwischen KF und Partizani ist Pyrotechnik ein fester Bestandteil

Aus Tirana berichtet Hardy Grüne


Eine Dreiviertelstunde vor dem Anpfiff des Lokalderbys zwischen dem KF Tirana und Partizani Tirana eskalierte die Lage im Selman-Stërmasi-Stadion plötzlich. Beide Fangruppen hatten sich mit melodischen Chören warmgesungen, die Atmosphäre im mit 9000 Zuschauern - darunter 500 Gästefans - ausverkauften Stadion war intensiv aber entspannt.

Dann jedoch drangen Gästefans in den Innenraum ein und bewarfen die Heimkurve mit Böllern und bengalischen Feuern. Sofort kam die Reaktion, stürmten auch Fans der Heimmannschaft auf das Spielfeld, und es kam zu wüsten Raufereien. Während haufenweise Sitzschalen aufs Spielfeld flogen und Fackeln entzündet wurden, erhob sich ein tausendstimmiger Chor mit den Worten "Partizani, wir f**** deine Mutter, wir f**** deine Töchter". Erst als nach mehreren Minuten die Polizei aufmarschierte, konnten die Gruppen getrennt werden.

Ein ganz normales Derby in diesem Land, bei dem Pyrotechnik, Böller, Platzstürme, Beleidigungen und Gewalt an der Tagesordnung sind? Schließlich ging die Partie anschließend pünktlich über die Bühne, sorgten selbst die zahlreichen Würfe von Böllern und Bengalos während des laufenden Spiels auf das Spielfeld für keinerlei Unruhe oder gar Unterbrechungen. Normalität in Albaniens Fußballalltag, mit dem Blick des bundesligaverwöhnten Zuschauers nicht verstehbar.

Kisten mit Pyrotechnik im Gästeblock versteckt

Und doch erreichte die Gewalt in der albanischen Hauptstadt am vergangenen Sonntagabend eine neue Dimension. Denn wie sich am Tag darauf herausstellte, hatten Fans der Heimmannschaft in der Nacht zuvor drei, wie es heißt, "Sprengsätze" im Gästeblock versteckt. Über Stromleitungen sollten diese während des Spiels ferngezündet werden. Die "Sprengsätze" bestanden nach Aussage der Polizei zwar "nur" aus pyrotechnischen Gegenständen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte aber wohl vor allem die dann ausbrechende Panik für zahlreiche Verletzte gesorgt.

Dichter Nebel hing über dem Stadion Selman Stërmasi
Hardy Grüne

Dichter Nebel hing über dem Stadion Selman Stërmasi

Seitdem steht Tiranas Fußball unter Schock. Von einem "Terrorakt" sprach Gastverein FK Partizani. Gastgeber KF Tirana veröffentlichte eine Erklärung, in der man sich von seinen Fans distanzierte und Aufklärung der Vorfälle versprach. Das Sportblatt "Panorma Sport" sah einen "Sportkrieg" und schrieb: "Beispiellos, skandalös und kriminell, was gestern im Stadion passiert ist."

"Wir haben uns eine Woche lang intensiv vorbereitet", verteidigt sich KF-Tirana-Präsident Refik Halili in der Presse. Zwar wurden mehr als hundert Securitymitarbeiter angeheuert, doch die Eingangskontrollen waren lasch. Rucksäcke wurden nicht durchsucht, sondern lediglich von außen abgetastet, und wie ein riesiges Banner ins Stadion gelangen konnte, obwohl Transparente drei Stunden vor dem Spiel auf ihren Inhalt überprüft werden müssen, ist unklar.

Rivalität ist auch politisch begründet

Die Rivalität zwischen dem KF Tirana - im lokalen Slang "Tirona" genannt - und Partizani ist legendär. Der 1920 gegründet KF Tirana ist einer der ältesten Klubs des Landes und gilt als bürgerlicher Großstadtverein. Partizani war zu kommunistischen Zeiten das Team der Armee, dem sich vor allem die aus der Provinz nach Tirana Verzogenen verschrieben. Bis zum Zusammenbruch des Kommunismus dominierte Partizani gemeinsam mit Dinamo, Klub des Innenministeriums und der Sicherheitspolizei, Albaniens Fußball.

"Tirona Fanatics" - Fans des KF Tirana
Hardy Grüne

"Tirona Fanatics" - Fans des KF Tirana

Tirona wurde als Klub mit bürgerlichen Wurzeln hingegen unterdrückt, trug lange den Namen "17. November", nach dem Tag der Befreiung von der deutschen Besatzung im Jahr 1944. Darin liegt die Wurzel des Hasses. Für Tirana-Fans ist Partizani bis heute das Sinnbild des alten Regimes und Symbol des verhassten Kommunismus. Beim Derby am Sonntagabend zeigten Heimfans ein Banner, auf dem zwei Personen mit roten Sternen an Galgen hängend zu sehen waren.

Beide Klubs machten schwere Zeiten durch, stürzten in die zweite und sogar dritte Liga ab. Seit einigen Jahren ist die Rivalität wieder aufgelebt, Partizani wurde 2019 erstmals seit 1993 wieder Landesmeister. Längst stehen sich die beiden Fangruppen auch politisch gegenüber. Tirana gilt als konservativ bis rechtslastig, Partizani steht für linkes Gedankengut und Antirassismus. Die Tirana-Fangruppe "Capital Crew", die verantwortlich war für das Banner mit den beiden aufgeknüpften Kommunisten, kommentierte auf Facebook "The only good communist is a dead one. Goodnight left side. United we stand!" Dass Partizani seit drei Jahren wegen des Neubaus des Nationalstadions als Untermieter im Tirana-Stadion spielt, hat ihren Hass noch verschärft.

Sicherheitskräfte sind überfordert

Am Morgen nach dem Spiel begann die Suche nach den Verantwortlichen für die Eskalation. Die Sicherheit in den Stadien Albaniens wird häufig privaten Sicherheitsdiensten übertragen. Die Polizei hält sich zurück, steht in der zweiten Reihe. Für die Sicherheitsdienste sind oft unerfahrene und schlecht bezahlte Männer unterwegs, die weder taktisches Geschick noch die erforderliche Ausrüstung haben.

Auch dieses Plakat schaffte es ins Stadion
Hardy Grüne

Auch dieses Plakat schaffte es ins Stadion

Videos zeigen, dass die an ihren gelben Westen zu erkennende Security minutenlang zuschaut, wie sich Fans beider Seiten Boxkämpfe liefern. Niemand schreitet ein, die Angst der Security-Männer ist offensichtlich. Die Lage unter Kontrolle brachte erst die Polizei mit Schlagstöcken und Plastikschilden.

Erschwert wird die Situation durch die Instrumentalisierung des Fußballs seitens der Politik. Ex- Premierminister Sali Berisha sprach von einem "Angriff" des "Clans" des amtierenden Premierministers Edi Rama und behauptete, in den drei Sprengboxen hätte sich lediglich blaues Pulver befunden, das nur "dem Spektakel" habe dienen sollen. Das ist die Version, die auch die "Capital Crew" herausgab. Die Polizei weist das vehement zurück. Der Fußballkrieg in Albanien geht längst über den Sport hinaus.



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