Indirekter-Freistoss "Die Löwen haben die Hähne ungebraten verspeist"

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Die große Freude über den Sensationssieg des Senegal gegen Titelverteidiger Frankreich und die ausbleibende WM-Stimmung in Japan.


Tanz der Sieger: Die senegalesischen Spieler feiern den Triumph über Frankreich
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Tanz der Sieger: Die senegalesischen Spieler feiern den Triumph über Frankreich

"Einer Weltmeisterschaft kann nichts Besseres passieren, als wenn schon bei der Ouvertüre die vermeintlichen Kräfte des Markts durcheinander geraten", beschreibt "die tageszeitung" - stellvertretend für die deutschen Fußballexperten - ihre Freude über den 1:0-Sieg Senegals im Eröffnungsspiel gegen Titelverteidiger Frankreich.

"So ist Fußball, so soll er rollen bei einer Weltmeisterschaft, die auf Klassenunterschiede gut und gerne verzichten kann", stimmt ihr die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu. In der Bewertung des Geschehens auf dem Rasen ist sich die deutschsprachige Zeitungslandschaft jedoch nicht ganz einig. Von einem "unterhaltsamen Spiel" spricht die "Frankfurter Rundschau", wohingegen die "Frankfurter Allgemeine" das Tempo vermisst hat. Die "Süddeutsche Zeitung" stört sich an der "lustfeindlichen Methodik" des senegalesischen Defensivfußballs und befürchtet darin gar einen allgemeinen Trend. Die senegalesische Presse ist natürlich begeistert.

Hoffen auf den ganz großen Wurf eines Außenseiters

Den Außenseitersieg könnte man als weitere Etappe des afrikanischen Emanzipationsprozesses deuten. "Womöglich ist Afrikas Fußball doch viel besser, als im Vorfeld des Turniers von Europäern und Südamerikanern behauptet wurde" ("die tageszeitung"), lautet daher die vorsichtige Schlussfolgerung. Doch welchen Aussagewert dieses Spiel tatsächlich für die interkontinentale Hierarchie besitzt, wird sich erst im weiteren Turnierverlauf zeigen.

"Jedenfalls wäre es erfreulich, wenn ein Land der Dritten Welt den Pokal gewinnt. Je kleiner das Land, desto höher schlägt mein Herz", wird der Rhetorikprofessor Walter Jens in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zitiert. Außerdem: "Sapporo hat sich auf die Fußball-Weltmeisterschaft vorbereitet, als ob der Einfall der Hunnen bevorstünde", wie die "Frankfurter Allgemeine" bemerkt. Und: über die Eröffnungsfeier.

"Zeichen der Ermutigung für alle Außenseiter"

Martin Hägele ("die tageszeitung") über den Matchwinner des Eröffnungsspiels. "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird El Hadji Diouf, der beste Spieler Afrikas, nicht nur für einen Abend als Sternschnuppe glühen. Sein Solo in der 29. Minute legte den Grundstein für die Sensation, den 1:0-Sieg der Turnierdebütanten aus Senegal über die Weltmeister aus Frankreich (...) Die einzige Angst der ruhmreichen Equipe schien es zu sein, den respektlosen Gesellen mit dem Furcht erregenden Kosenamen "Serial Killer" (Serienmörder) irgendwie von ihrem Strafraum fernzuhalten. Aber dieser Diouf wagte sich immer wieder in den Grenzbereich."

Roland Zorn ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") über das Spiel. "Mit einem weit leuchtenden Zeichen der Ermutigung für alle Außenseiter und Debütanten der Fußball-Weltmeisterschaft in Korea und Japan ist am Freitag Abend (Ortszeit) das einmonatige Turnier im mit 62.500 Zuschauern fast ausverkauften Weltcup-Stadion von Seoul eröffnet worden (...) Schockiert mussten die Titelverteidiger in diesem ersten Duell zwischen der Grande Nation und einer ihrer ehemaligen Kolonien zur Kenntnis nehmen, dass der Fußball von heute kaum noch Privilegien vergibt."

"Der Lehrling hat den Meister übertroffen"

"Fa-bu-leux!" titelt die größte senegalesische Zeitung "Le Soleil" und ordnet den Auftaktsieg gegen den amtierenden Weltmeister historisch ein. "Unsere Löwen haben sicherlich noch nicht die internationale Reputation wie ihre unbezwingbaren Cousins aus dem Kamerun", aber der Sieg des WM-Debütanten im ersten Spiel sei ebenso historisch wie der "unseres Dia Ba National, des Mannes der, genau hier in Seoul bei den Olympischen Spielen 1988 im Finale des 400 Meter-Hürden-Laufes den großen Edwin Moses bezwungen hat".

"Vor den Augen der ganzen Welt", fährt das Blatt begeistert fort und schätzt, "dass diese Jungs noch nicht so bald realisieren werden, was sie gestern getan haben. Sie träumten davon, ohne allzu sehr daran zu glauben. Aber sie haben es getan ohne zu zittern, ohne einen Augenblick zu zweifeln. Die Löwen haben die Hähne ungebraten verspeist, der König des Waldes war ohne Mitleid für das Goldhähnchen im Hühnerhof. Der Lehrling hat den Meister übertroffen. Der Auftritt gestern war einfach fabelhaft."

"Sieg einer französischen Klubauswahl"

Hunderttausende waren in Senegal auf den Strassen, unter ihnen der "Präsident der Republik, in blau gekleidet, auf seinem Four-Wheel-Drive sitzend, die Fahne des Senegal um seinen Körper geschlungen und ohne den Versuch, die immense Freude zu kaschieren, die ihn ergriffen hatte." Zum Matchwinner erklärte "Le Soleil" El Hadj Diouf, den "Jungen aus St-Loius", der früheren Hauptstadt des Senegal und einstmals Sitz des französischen Generalgouvernements über ganz Afrika. Der gewohnte Torschütze (zuletzt beim französischen Vizemeister RC Lens und in der WM-Qualifikation) habe sich gestern als Meister der Vorlage erwiesen, und es wurde bekannt, dass er in der nächsten Saison zum FC Liverpool wechselt.

Ludger Schulze ("Süddeutsche Zeitung") relativiert den Erfolg des Außenseiters. "Merkwürdigerweise ist der Sieg der Senegalesen gleichzeitig ein Sieg der Franzosen. Gewonnen hat eine französische Klubauswahl, die unter dem Namen Senegal firmiert, gegen eine französische Weltauswahl, deren Mitglieder in England, Italien, Deutschland und Spanien Ruhm und Reichtum mehren. Es wäre also irreführend, von einem Zweikampf zwischen Europa und Afrika zu sprechen."

"Fest der Farben und der Verständigung"

Die Eröffnungsfeier kommentiert Andreas Burkert ("Süddeutsche Zeitung"). "Die Gastgeber haben wie gewohnt den Anspruch, die Bestmarken der Vorgänger zu übertreffen. Bei den Kosten ist ihnen ein Rekord bereits sicher: Einen Etat von 560 Millionen Euro hat der Weltfußballverband Fifa für die erste WM in Asien veranschlagt, womit sich das Budget im Vergleich zur WM '98 in Frankreich verdoppelte. 50 Millionen Euro sind allein für die massiven Sicherheitsvorkehrungen verplant, welche die Fifa nach den Terroranschlägen des 11. September anordnete. Trotzdem soll diese WM ein Fest des Sports, der Farben und der Verständigung werden. Da passte es gut, dass ein Friedensnobelpreisträger vor dem Auftaktspiel die Eröffnungsformel sprach: Kim Dae Jung, Südkoreas Staatspräsident, der den Versöhnungsprozess mit dem kommunistischen Nordkorea in Gang gebracht hat. "Durch die Fußballspiele wird sich die ganze Welt vereinen, unabhängig von Abstammung und Religion", sagte er."

"Die Freude könnte auf der Strecke bleiben"

Die Stimmung in Sapporo - unter anderem Austragungsort des Spiels Deutschland gegen Saudi-Arabien - ist getrübt, was durch die Intensität der dortigen Sicherheitsvorkehrungen zusätzlich verstärkt wird. Anne Scheppen ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") dazu. "Kurz vor dem ersten Spieltag in Japan herrscht im hohen Norden mehr Unsicherheit als Freude. Aus Angst vor den Gästen werden Geschäfte geschlossen, Kinder im Haus gehalten. Die Aussicht auf Horden betrunkener Fußballfans hat den Enthusiasmus gebremst, noch ehe er richtig ausbrechen konnte. Seit Wochen berichten die Medien landauf, landab über ein Schreckensgespenst: den Hooligan. Kaum ein Tag verging, ohne dass die Polizei mit großem Aufgebot an einem der zehn Austragungsorte den Ernstfall probte und mit Helmen und Schlagwaffen zum Einsatz schritt. Die Bilder sollten beruhigen, sie bewirkten aber das Gegenteil (...) Die Ängste - zumindest vor den Hooligans - wirken so überzogen, dass sogar Prinz Takamado, der als Mitglied der kaiserlichen Familie für die Eröffnung nach Seoul gereist ist, warnt, bei all den Sicherheitsvorkehrungen könnte die Freude auf der Strecke bleiben."

"Selber den ersten Fußballschrei ausstoßen"

Auch Benjamin Henrichs ("Süddeutsche Zeitung") wird sich von einem grassierenden Virus anstecken lassen wollen. "Bald wird einen das WM-Fieber doch befallen, ob man sich wehrt oder nicht. Bald wird man selber den ersten Fußballschrei ausstoßen, und es wird nicht der letzte bleiben. Und irgendwann wird man selber dem brüllenden Torhüter Kahn vielleicht ähnlicher sehen als dem Menschen, der man heute ist. Herr K., Kafka, Kahn: Auch diese Geschichte, die jetzt beginnt, könnte dereinst den Titel "Die Verwandlung" tragen. Wenngleich sie wohl leider nicht in die Weltliteratur eingehen wird."



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