Indirekter-Freistoss "Die Mittagspause wird verlängert"

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Die ästhetische Dimension der Fußball-Weltmeisterschaft und wie sich die Arbeitgeber auf das Turnier in Fernost einstellen.


TV-Fußball: Ablenkung am Arbeitsplatz
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TV-Fußball: Ablenkung am Arbeitsplatz

Fußball ist in den USA noch immer eine "bemitleidenswerte Randerscheinung" ("Tagesspiegel"). Ob man dort von der bevorstehenden Weltmeisterschaft überhaupt Notiz nehmen wird, lautet die vielleicht voreilige Kritik aus der Ecke des "alteuropäischen Anti-Amerikanismus" ("Süddeutsche Zeitung").

Dahingegen befürchten italienische Arbeitgeber anlässlich des Turniers "Seitensprünge", womit freilich keine außerehelichen Affären gemeint sind. Vielmehr bedrohen die frühmorgendlichen Anstoßzeiten alltägliche Arbeitsabläufe in Büro und Lagerhalle. "Millionen italienischer Tifosi sind nämlich bereit, die Arbeit niederzulegen, um ihre Nationalmannschaft im Fernsehen zu sehen", behauptet "La Repubblica". Folglich sehen sich die Unternehmer dazu gezwungen, Vorkehrungen wie die "Match-Pause" zu treffen, um der Fußballleidenschaft ihrer Rangniederen Rechnung zu tragen und somit Betriebsklima und Produktivität aufrechtzuerhalten.

Außerdem - so erfahren wir aus der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" - machen sich internationale Designer das "aufpolierte Fußballimage" zu Nutze und orientieren ihre aktuellen Kollektionen an Ringelstulpen und Bolzplatzästhetik. Hätte man es vor 20 Jahren für möglich gehalten, dass glamouröse Figuren wie Giorgio Armani und Yves Saint-Laurent dem "harten Zweikampf" etwas abgewinnen können? Mittlerweile jedoch gelingt der raffinierte Doppelpass zwischen Mode und Fußball.

"Schichtwechsel den Spielzeiten anpassen"

Die Fußball-WM scheint das Bruttosozialprodukt Italiens negativ beeinflussen zu können. Oder "wird diese WM heimlich und eilig konsumiert werden wie ein Seitensprung?" fragt Emilio Marrese ("La Repubblica" vom 8. Mai). "Großer Verlierer der WM wird entweder das Fernsehen sein, das in Italien bisher nie weniger als 20 bis 25 Millionen Zuschauer hatte, oder die Arbeitgeber. Viele Unternehmen versuchen, im voraus Schadensbegrenzung zu betreiben, um nicht während der WM mit einer Flut von Urlaubsanträgen oder Krankmeldungen konfrontiert zu werden. Pirelli zum Beispiel (7000 Beschäftigte in 17 Betrieben) wird alles tun, um den Arbeitnehmern entgegenzukommen und gleichzeitig den Arbeitsablauf und die Sicherheit nicht zu gefährden. Fernsehen soll erlaubt sein, jedenfalls dort, wo keine Unfallgefahr droht. Die Mittagspause wird verlängert, in den Kantinen werden Großbildschirme aufgestellt. Die Verantwortlichen werden versuchen, die Schichtwechsel den Spielzeiten anzupassen."

"Geguckt werden wird"

Wolfram Eilenberger ("Tagesspiegel" vom 19. Mai) vermutet in der asiatischem "Terminpolitik" eine ökonomische Strategie der Asiaten. "Bereits in der Vorrunde lächelnd ausscheiden und gleichzeitig unsere schöne europäische Wirtschaft für einen langen Monat lahm legen. Nein, so kann, darf und muss es nicht kommen! Geguckt werden wird. Das ist nicht die Frage. Und sicher kursieren sie schon, dunkel geschätzte Zahlen, was dieser kontinentale Arbeitsausfall kosten und also Schreckliches für die Zukunft der Gemeinschaft bedeuten wird."

"Für Soccer war einfach kein Platz mehr"

Amerikanische Fußballexperten und -freunde sind rar. Der Soziologe Andrei S. Markovits ist beides. Vergangene Woche hat er in Berlin sein Buch "Offside. Soccer & American Exceptionalism" vorgestellt (im Herbst auch auf deutsch). Arno Orzessek ("Süddeutsche Zeitung" vom 18. Mai) war bei der Präsentation dabei. "Warum haben die Amerikaner ausgerechnet die Weltsportart Nummer Eins links liegen lassen, obwohl sie sonst alles in petto haben, was Pop ist und globale Vermarktung verspricht? Jede Öffentlichkeit oder jeder Kulturraum hat nur ein begrenztes Aufnahmevermögen für Sport, und die Amerikaner haben laut Markovits ihren Raum in der entscheidenden Zeit, nämlich während der Industrialisierung des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, an die "großen dreieinhalb Sportarten" verteilt und diese wiederum den Jahreszeiten zugeordnet: Baseball (Frühling und Sommer), Football (Herbst) und Basketball (Winter), dazu als halber Riese Eishockey (Winter). Football war vom Rugby und vom englischen Fußball geprägt, bildete aber bald eigenes Profil aus. Für Soccer war einfach kein Platz mehr."

"Aus dem Abseits herauskommen"

Ausgerechnet die Frauen-Nationalmannschaft hat in den USA eine exponierte Stellung. Ob diese in der Lage dazu ist, Soccer eine breite Öffentlichkeit zu verschaffen, fragte bei dieser Gelegenheit Robert Ide ("Tagesspiegel" vom 18. Mai). "Markovits winkt ab. Frauen könnten zwar die sportliche Kultur beeinflussen (die Kür der Eiskunstläuferinnen war in Amerika der olympische Quotenrenner), doch sie werden wohl niemals willens sein, so viel Zeit in Sport und Statistik und Drama zu investieren wie Männer. Erst wenn die US-Männer in ein wichtiges Halbfinale einziehen oder in einem Endspiel heroisch scheitern, werden sie aus dem Abseits herauskommen."

"In Schönheit sterben"

"Pünktlich zur Weltmeisterschaft entdecken Top-Designer ihre Faible für den Fußball." Axel Botur ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vom 19. Mai) hat sich die Kollektionen angesehen. "Recht subtil nimmt sich der Vorschlag von Paul Smith aus. Er ließ die Namen ehemaliger Heroen wie Pelé oder Platini in japanischen Schriftzeichen auf T-Shirts seiner aktuellen Sommerkollektion drucken. Smith entwarf zudem die komplette Reiseausstattung für das englische Nationalteam, inklusive aller Taschen. Angesichts der übermächtigen Vorrundengruppe F mit Argentinien, Schweden und Nigeria werde die Mannschaft, so prophezeien manche Briten, wohl in Schönheit sterben."

"Völler-Truppe als elitäres Premiumensemble"

Der DFB - traditionell in den Farben Schwarz-Weiß - hat sich bei den Ausweichtrikots für ein "dezent schimmerndes Graphit" entschieden. Knut Hornbogen ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 19. Mai) kann einer davon ausgehenden möglichen Signalwirkung nichts Negatives abgewinnen: "Will sich die Nationalmannschaft also verstecken und bloß nicht auffallen? Gewiss nicht. Wie die Käufer der dezent lackierten Autos betreiben auch die Fußballer das leise Spiel des Understatement. Das Team um den ergrauten Völler umgibt sich vielmehr bescheiden mit der Aura unanfechtbarer Zurückhaltung: Sein Truppe empfiehlt sich als elitäres Premiumensemble."



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