Indirekter Freistoss "Wir müssen nicht früh aufstehen"

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Winnie Schäfers Erfolgsgeheimnis, technische Unzulänglichkeiten im deutschen Lager, Fußballboom in China und der Grund für das regelmäßige Versagen der spanischen Nationalmannschaft auf internationaler Ebene.


Kameruns Rigobert Song bei der Ankunft in Japan
AFP

Kameruns Rigobert Song bei der Ankunft in Japan

Afrikas Fußball ist auf dem Weg nach oben. Aber ist es tatsächlich nur eine Frage der Zeit, wann zum ersten Mal ein Team des schwarzen Kontinents den WM-Titel erringt? Nach dem spektakulären Auftritt Kameruns bei der WM 1990 in Italien grassiert diese Prognose in den Diskussionszirkeln der Experten - und wurde seitdem enttäuscht. Bei dem bevorstehenden Turnier in Fernost ist es erneut die Mannschaft des kontinentalen Titelträgers, der gute Erfolgsaussichten eingeräumt werden. Folglich bezieht das Duell der "unbezähmbaren Löwen“ mit der deutschen Elf (11. Juni in Shizuoka) seine Brisanz erstens aus der Frage, ob die alten Fußballmächte ihre Vormachtstellung weiterhin behaupten können. Zweitens sitzt auf Kameruns Trainerbank ein hierzulande alter Bekannter: Ex-Bundesligatrainer und -profi Winfried Schäfer. Dieser hat bei seiner Mannschaft offenbar den richtigen Ton angeschlagen.

"Quälend langsam tickt die Uhr“, beschreibt Peter Heß ("Frankfurter Allgemeine Zeitung“) das Warten der Spieler, Trainer und Betreuer auf den Beginn des Turniers. Im Vorfeld des Weltereignisses droht nicht nur dem deutschem Kader "innere Abstumpfung und Lagerkoller“ ("Süddeutsche Zeitung“).

"In China hat die Qualifikation für die Endrunde der Fußball-WM weit mehr Enthusiasmus ausgelöst als etwa der Beitritt der Welthandelsorganisation.“ Ulrich Schmid ("Neue Zürcher Zeitung“) kommentiert den Fußball-Boom in China "vor dem Hintergrund der sozialistischen Vergangenheit“. Wie kann ausgerechnet ein WM-Neuling und krasser Außenseiter den Fußball als Plattform "nationaler Selbstdarstellung und öffentlicher Anerkennung für Größe und Macht“ entdecken?

Außerdem: begeisternder Empfang für die Italiener in Japan und gegensätzliches in Spaniens Fußballkultur.

"Wir müssen nicht früh aufstehen"


Über das Erfolgsgeheimnis von Kameruns Nationaltrainer berichtet Christoph Biermann ("Süddeutsche Zeitung“). Schäfer nimmt sich offensichtlich im richtigen Maße zurück. "Er war intelligent genug, zu verstehen, was afrikanische Fußballer brauchen und hat uns Freiheiten gegeben“, sagt Mboma (Nationalspieler), "wir können essen, was wir wollen. Wir müssen nicht zu früh aufstehen. Wir haben Spaß im Training. Wenn wir lachen, heißt es nicht gleich, dass uns Konzentration fehlt.“ Angesichts dieser Bereitschaft, seinem Team Freiräume zu lassen, ist der Trainer mit der blonden Mähne aus Sicht von Mboma "fast zum Afrikaner geworden“. Die eher emotionale Arbeitsweise von Schäfer passt zu einer Mannschaft, die "sowieso weiß, worum es geht.“

Zur Bedeutung des Fußballs im Land nimmt Hardy Hasselbruch ("Frankfurter Allgemeine Zeitung“) Stellung. "Solidität, Stabilität und Kontinuität sind nicht gerade verbreitet im afrikanischen Fußball, und Kamerun macht da keine Ausnahme. Man lebt auch sportlich von der Hand in den Mund. Trotzdem bringt das Land mit seinen 16 Millionen Einwohnern Jahr für Jahr so viele Talente hervor, dass sich keiner der begeisterungsfähigen Anhänger um Gegenwart oder Zukunft der Nationalmannschaft sorgen muss. Fußball ist in Kamerun Staatsangelegenheit. Vor jedem großen Turnier lässt Staatspräsident Paul Biya die Mannschaft nach Yaoundé einfliegen, um sie mit markigen Worten auf die bevorstehende Aufgabe einzustimmen. Die übrigen Minister folgen. Jeder will sich im Glanz der Fußballhelden sonnen, jeder malt mit Pathos und vor allem Patriotismus die glorreiche sportliche Zukunft in den hellsten Farben. Und zum Abschluss wird gemeinsam die Nationalhymne gesungen.“

Technische Unzulänglichkeiten


Für die deutsche Nationalmannschaft gibt es neben Kamerun, Irland und Saudi-Arabien einen weiteren gefährlichen Gegner: den Lagerkoller im Vorfeld des Turniers. Ludger Schulze ("Süddeutsche Zeitung“) berichtet von der "längsten Woche des Jahres“. "Wie viele seiner Kollegen sucht der Leverkusener Bernd Schneider harmlose Zerstreuung bei Computerspielen und an der Playstation, scheiterte aber an technischen Unzulänglichkeiten: Keinen Anschluss gefunden, das macht uns Kopfzerbrechen. Schließlich hat nicht jeder eine Bibel dabei wie Gerald Asamoah oder gleich fünf Bücher wie Marco Bode.“

"Mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu werben“, wie Christian Zaschke ("Süddeutsche Zeitung“) schreibt, "ist etwas Besonderes. Die großen Unternehmen werben nicht einfach, sie werden Partner der Mannschaft. Die Idee dahinter ist recht einfach nachzuvollziehen. Wer eine Anzeige in einer Zeitung schaltet oder einen Spot im Fernsehen zeigt, der verweist nur auf sich. Als Partner profitiert man vom Image des anderen. Oder, wie zuletzt bei der Nationalelf, leidet darunter. Bei der Europameisterschaft 2000 ist die deutsche Mannschaft ausgeschieden. Die Bild-Zeitung rief den nationalen Notstand aus. Partner Mercedes gab bekannt, selbstverständlich stehe man auch in der Krise zum Team. Partner, hieß es, gingen durch dick und dünn (...) Das funktioniert, weil die Deutschen nicht auf ihre Geschichte stolz sind, nicht auf ihre Kraft oder etwas in der Art. Wie alle Völker wollen sie dennoch öffentlich stolz sein, aber unverdächtig. Die Lösung: die deutsche Nationalmannschaft.“

"Das Knie, das sensibelste Gelenk eines Fußballprofis"


Die Knieverletzung Sebastian Deislers wird ihn zu einer halbjährigen Spielpause zwingen. Christian Ewers ("Frankfurter Allgemeine Zeitung“) macht sich Sorgen um die Zukunft des 22-Jährigen. "Deisler, der von Hertha BSC für neun Millionen Euro Ablösesumme nach München wechselt, sollte gemeinsam mit dem ehemaligen Leverkusener Ballack Regie im Mittelfeld führen. Aus diesem Plan wird in naher Zukunft nichts. Es ist sogar fraglich, ob sich Deisler jemals von seinem Knieschaden erholt. Denn er reiht sich ein in die prominente Riege von Profis, die durch eine Knieverletzung zu Sportinvaliden wurde: Karsten Bäron, Michael Skibbe und auch Matthias Sammer. Ihre Krankheitsgeschichten zeigen, wie schwer das Knie, das sensibelste Gelenk eines Fußballprofis, zu heilen ist.“

Säuberungsaktionen auf dem Sexmarkt


Über den herzlichen Empfang der italienischen Nationalmannschaft in Sendai (Japan) berichtet "La Repubblica“ (Ausgabe vom 24. Mai). Die Azzurri wurden begeistert aufgenommen: Applaus, Lächeln, Verbeugungen allenthalben. Bereits vor Monaten wurden überall in Sendai "Club Azzurri“ gegründet, in denen Fan-Artikel feilgeboten werden. Die italienischen Restaurants erleben einen Boom. Selbst Trapattonis Entscheidung, den einzigen buddhistischen Fußballspieler Italiens, Roberto Baggio zuhause zu lassen, tat der kollektiven Leidenschaft für die italienische Elf keinen Abbruch. Im Hotel finden in diesen Wochen besonders viele Hochzeiten statt - traditionsgemäß finden japanische Hochzeiten an Orten statt, die besonders von Fortuna geküsst sind. Nur unter den Bossen der japanischen Mafia herrscht Trauer, nachdem die Polizei just zur WM den Sex-Markt einer "Säuberungsaktion“ unterzogen hat. Die Yazuka hatte in der ganzen Stadt Flyer verteilt und Plakate aufgehängt, auf denen sich japanische "Studentinnen“ begierig zeigten, die schönen Italiener kennen lernen zu wollen. Die Polizei hat jedoch alle Plakate inzwischen entfernen lassen.

Chinesisches Manko


Ulrich Schmid ("Neue Zürcher Zeitung“) berichtet über die historischen Hintergründe des Fußball-Booms in China, einem von vier WM-Neulingen. "Bis vor etwa 20 Jahren war Sport, ähnlich wie in der Sowjetunion, praktisch die einzige Möglichkeit, auf internationaler Ebene Größe zu demonstrieren. Zur Hebung des nationalen Prestiges wurden Unsummen an staatlichen Ressourcen aufgeworfen. Die Coaches avancierten in diesem Habitat zu wichtigen Identifikationsfiguren; sie waren es, die den Erfolg "garantierten“ (und die im Falle des Misserfolges sofort entlassen wurden). Auffallend war jedoch, dass es den Chinesen sehr viel leichter fiel, Siegertypen in Einzelsportarten – Kunstturnen, Leichtathletik, Schwimmen – zu produzieren und das die Teams, von den Fußballspielerinnen einmal abgesehen, weit weniger Erfolge einheimsten. Für ein Land, das nichts so sehr verehrt wie das Kollektiv, war das stets ein enormes Manko. Siege in Mannschaftssportarten, Fußball an erster Stelle, lassen das patriotische Herz auch in China höher schlagen.“

Hymne ohne Text


"Spaniens Verein dominieren in Europa seit Jahren, auch diesmal standen wieder drei im Viertel- und zwei im Halbfinale der Champions League. Die eigene Nationalmannschaft gehört dagegen fast traditionell zu den Versagern.“ Ralf Itzel ("Süddeutsche Zeitung“ vom 24. Mai) ist diesem Widerspruch auf den Grund gegangen. "Es gibt dafür sportliche Gründe, aber auch gesellschaftliche. Die Hymne hat nicht zufällig keinen Text, man würde sich ja nicht mal auf die Sprache einigen können: Hochspanisch, Katalanisch, Baskisch, Galizisch? Spanien ist ein dezentralisiertes Land, unterteilt in 17 autonome Regionen. Die Menschen fühlen sich in erster Linie als Katalanen oder Basken und erst dann als Spanier.“



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