Indirekter Freistoss Zidanes seidener Muskel

Der tägliche Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Der Unterscheid zwischen Europäern und Südamerikanern, die Rhetorikkünste der Fußballspieler und Frauen-Frust während der WM-Zeit.


Zinedine Zidane: "Zu gut geworden"
REUTERS

Zinedine Zidane: "Zu gut geworden"

"Erst einmal, 1958 in Schweden, hat nicht eine Heimmannschaft des WM-Gastgeber-Kontinents den Titel gewonnen", schreibt Ralf Wiegand ("Süddeutsche Zeitung" vom 29. Mai). Dieses Jahr müssen die beiden mächtigen Fußball-Kontinente Südamerika und Europa "erstmals auf neutralem Boden um die WM-Krone streiten". Wird von dieser Konstellation ein Außenseiter profitieren, zum Beispiel ein afrikanisches Team? Oder kommt den klimatischen Bedingungen entscheidende Bedeutung zu, wovon eher Argentinier und Brasilianer profitieren würden? Was wird mit den Gastgebern sein und mit den beiden anderen asiatischen Mannschaften China und Saudi-Arabien? Ab morgen wissen wir mehr.

Japan und Südkorea verfügen jeweils über moderne rechtsstaatliche Demokratieapparate. Zudem unterhalten sie seit geraumer Zeit politische, wirtschaftliche und militärische Bündnisse zu den gleichen - westlichen - Partnerländern. Doch das "Erbe einer schweren Geschichte" ("Neue Zürcher Zeitung") belastet das Verhältnis der beiden Gastgeberländer, da "Japan von 1909 bis 1945 als brutale Kolonialmacht über die koreanische Halbinsel herrschte". Wird die Fußball-Weltmeisterschaft frischen Wind in die nachbarliche Beziehung bringen?

Obwohl er unter massiver und gleichzeitig vielfältiger Kritik stand (indirekter-freistoss vom 29. Mai), ist der Schweizer Joseph Blatter mit deutlicher Mehrheit zum Fifa-Präsidenten wiedergewählt worden. Wird er künftig seinen Führungsstil ändern?

"Das Mikrofon ist rund." Michael Horeni ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") klärt uns über mediale Strategien der deutschen Nationalspieler auf. Von stereotypen Vorstellungen über einen rhetorisch unterentwickelten Berufsstand müssen wir uns demnach ebenso verabschieden wie vom Leitbild des unpolitischen Fußballprofi.

Außerdem: über die Perspektiven von Titelverteidiger Frankreich und Neues über Frauen und Fußball.

"Kein Anlass, einfach zur Tagesordnung überzugehen"


Nach dem Wahlsieg Blatters fragt Felix Reidhaar ("Neue Zürcher Zeitung") nach dessen künftiger Amtsführung. "Wie geht Sepp Blatter mit dem demonstrativen Vertrauensbeweis der Basis um? Nimmt er ihn zum Anlass, eigenmächtige und anrüchige Praktiken endlich zu überdenken und einen neuen, offenen Führungsstil zu entwickeln? Nimmt er seinen potenziellen Kritikern endlich den Wind aus den Segeln und pflegt Transparenz und Demokratie nicht nur als Worthülsen? Es gibt auch für ihn keinen Anlass, einfach zur Tagesordnung überzugehen; dazu haben Anschuldigungen und Enthüllungen der letzten Woche zu viel Aufsehen erregt."

Den unterlegenen Herausforderer Issa Hayatou beschreibt Martin Hägele ("Tageszeitung") als "Leichtgewicht" und "Strohmann der Europäer". "Was soll man von einem Kandidaten halten, der von einer Sportagentur bezahlt und vom Kontinentalverband Uefa gefüttert wurde, in den drei Tagen seiner Wahlkür nicht einmal als Mitläufer auffiel, seine Präsentation vom Blatt haspelte und nach einer debakelartigen Niederlage noch seinen Dank in die Mikrofone sprach für die 56 Stimmen."

"Die Wahrheit liegt auf neutralem Platz"


Ralf Wiegand ("Süddeutsche Zeitung" vom 29. Mai) berichtet vom "Kampf der Kontinente". "Es wird zum ersten Mal keine der beiden Fußballschulen einen Heimvorteil haben: Noch nie fand eine WM nicht auf dem amerikanischen oder europäischen Kontinent statt. Die Wahrheit liegt also erstmals auf neutralem Platz, in Asien. Auf den ersten Blick ist der europäische Fußball viel stärker vom südamerikanischen beeinflusst als umgekehrt. Das liegt schon allein daran, dass der Spielerfluss sehr einseitig verläuft, heraus aus den riesigen Talentreservoirs von Rio bis Buenos Aires, hinein in die zahlungskräftigen Top-Ligen Europas (...) Womöglich kommt Asien den Südamerikanern entgegen, durch die zu erwartende Hitze zum Beispiel oder die Neigung vieler Brasilianer, ihre Karriere in der japanischen J-League ausklingen zu lassen. Doch längst halten die Experten den europäischen Fußball nicht nur von der Disziplin und der Taktik her für mindestens ebenbürtig, auch technisch müssen sich nicht mehr alle Nationen hinter den Ballkünstlern aus der südlichen Hemisphäre verstecken."

Urs Schoettli ("Neue Zürcher Zeitung") erinnert an die Verbrechen der japanischen Kolonialmacht in Korea. "Nicht nur wurden Unabhängigkeitsbewegungen blutig unterdrückt, die Japaner lancierten auch gezielte Kampagnen, die koreanische Kultur und Sprache auszulöschen. Noch heute sieht man Zeugnisse davon. Vor manchem historischem Gebäude in Seoul steht eine Tafel, der zu entnehmen ist, dass es während der japanischen Besatzung zerstört wurde. Häufig handelt es sich dabei um Tempel und Palastanlagen, die keinen militärischen Wert besaßen. Während sie über Korea herrschten, ließen die Japaner vor allem während des Zweiten Weltkriegs, als die eigenen Männer von der Armee eingezogen wurden, zahlreiche Koreaner als Zwangsarbeiter nach Japan überführen. Koreanische Frauen wurden als Prostituierte für die japanischen Truppen zwangsrekrutiert. Beide Gruppen kämpfen bisher ohne Erfolg um Kompensationen für das erlittene Unrecht."

"Anzeichen von Arroganz"


Josef Kelnbeger ("Süddeutsche Zeitung" vom 29. Mai) befasst sich mit den Perspektiven des amtierenden Welt- und Europameisters. "Sieht man genau hin, haben sich in ihr Spiel Anzeichen von Arroganz geschlichen. Sie könnten am Ende ihres Weges sein (...) Sie sind fast schon zu gut geworden, zu groß, schon jetzt Legenden des Fußballs. Sie haben die französische Schule zu einem Modell für die Welt gemacht (...) Sie können mit grandiosen Toren Weltmeister werden, sie können aber auch grandios abstürzen. Sie hängen an einem seidenen Faden, wie sie beim 3:2 im Test gegen Südkorea zeigten, so fein wie eine Muskelfaser von Zinedine Zidane."

"Wer sagt was über wen und wo"


Michael Horeni ("Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 29. Mai) über den Fußballprofi in der Mediengesellschaft. "Mit der unmittelbaren Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft, die für die Deutschen im besten Fall bis zum Endspiel am 1. Juli dauert, werden die prominentesten der Nationalspieler wie in einem Brennglas für rund einen Monat - noch mehr als sonst - zu öffentlichen Personen. Ihre Äußerungen werden genauestens registriert und exzessiv interpretiert, als müssten die Profis keine Fußballspiele gewinnen, sondern einen Wahlkampf. Vor allem dann, wenn sie über Dinge sprechen, die weit über den Fußball hinausreichen (...) Manche Stars autorisieren ihre Interviews selbst, andere bitten bei womöglich heiklen Aussagen um professionelle Hilfe aus der Presseabteilung. Doch da geht es fast nie um Beiträge von potentiell politischen Dimensionen. Gefürchtet wird vielmehr, dass zuviel Ehrlichkeit über den einen oder anderen Kollegen durchrutscht oder auch nur ein missverständlicher Halbsatz, der für Ärger in der Mannschaft, im Heimatklub oder beim Management führen könnte. Denn Fußballklatsch führt garantiert zu Schlagzeilen in dem vor allem in Deutschland leidenschaftlich betriebenen Spielchen zwischen Medien und Fußballprofis: Wer sagt was über wen und wo."

"Einen Abend lang in Andeutungen"


Zu Fußball und Technik halten Frauen - um es mit einem politischen Modewort zu sagen - Äquidistanz. So will es zumindest das Klischee. Dass ein Tor aber, wenn es von einer Frau geschossen wurde, nicht die gleiche Qualität haben soll wie das eines Mannes, diese bittere Erfahrung machte Mareen Linnartz ("Frankfurter Rundschau" vom 25. Mai) in ihrer Kindheit. Sie beneidete die Jungs in ihrer Nachbarschaft, denn: "Sie haben Fußball. Und wir haben das nicht". Wir, das sind die Mädchen, die eben keinen Sport haben, "den man immer und auf fast jedem Belag (Rasen, Beton, Sand) ausüben kann, bei dem sogar eine Hauswand reicht, wenn gerade niemand da ist, und der einen so großen Kreis von Eingeweihten kennt, dass man sich selbst mit vietnamesischen Taxifahrern über Franz Beckenbauer unterhalten kann." Linnartz vermisst "diese geheime Verbundenheit" zwischen Mädchen und wünscht sich, genau wie die Jungen "einen Abend lang in Andeutungen wie "damals in Cordoba" oder dieses "2:1 in Barcelona" verlieren zu können". Lennartz macht es nichts aus, dass ihre Welt nicht so überschaubar daherkommt wie die der fußballbegeisterten Männer; eine Welt, in der "Freunde und Feinde an der Farbe ihrer Trikots auszumachen sind". Aber traurig ist sie schon, zwar mal "gönnerhaft" an den Ball gelassen worden zu sein, ohne je wirklich dazugehören zu können.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.