Interview "Ein kleiner Schritt nach vorn"

Nach dem 4:1-Sieg über Spanien ist die Welt für Interimsteamchef Rudi Völler noch nicht ganz die alte. Ein ordentliches Spiel reiche nicht, um die katastrophale EM vergessen zu lassen.


"Ich freue mich unwahrscheinlich, dass es geklappt hat"
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"Ich freue mich unwahrscheinlich, dass es geklappt hat"

Herr Völler, wie bewerten Sie ihren Einstand als Teamchef?

Rudi Völler:

Man muss kein Prophet sein, um sagen zu können, dass das ein ganz wichtiges Spiel war. Wir standen alle sehr unter Druck. Ich als Teamchef und vor allem die Mannschaft. Es war ein kleiner Schritt nach vorn. Ein kleiner Schritt, dass wir wieder an die Nationalmannschaft glauben können. Aber mit dem einen Spiel haben wir die EM nicht vergessen gemacht. Da müssen noch weitere folgen.

Wie erklären Sie sich die geradezu euphorische Stimmung bei den Fans nach der desolaten EM?

Völler: Die Unterstützung des Publikums war toll, aber auch die Mannschaft hat was rübergebracht. Wille, Einsatz, Engagement, Courage, nach vorn spielen, etwas Risiko einstreuen und sich gegenseitig helfen - all das war von Anfang an da, fast bis zur Besinnungslosigkeit. Die Leute haben gespürt, dass sich bei uns etwas verändert hat. Und die Mannschaft hat gespürt, dass die Nationalmannschaft das Lieblingskind der Deutschen ist.

...die überraschenderweise auch ungeahnte spielerische Qualitäten entwickelt hat.

Völler: Das ist richtig. Wir haben gezeigt, dass wir nicht nur rennen und kämpfen, sondern auch ganz ordentlichen Fußball spielen können. Die erste Viertelstunde nach der Halbzeit war sogar richtig toller Fußball.

Für Sie war der Platz auf der Trainerbank eine völlig neue Rolle. Können Sie Ihre persönlichen Gefühle beschreiben?

Völler: Ich freue mich unwahrscheinlich, dass es geklappt hat. Das nimmt auch ein bisschen den Druck von der Entscheidung, die bei meiner Ernennung in Köln getroffen wurde. Da gab es ja auch skeptische Stimmen. Ich war die ganzen Tage über sehr angespannt.

Am kommenden Donnerstag werden Sie das Aufgebot für das WM-Qualifikationsspiel am 2. September gegen Griechenland benennen. Darf der jetzige Kader komplett mit einer Einladung rechnen?

Völler: Es gibt einen gewissen Stamm, dazu können noch einige jüngere Spieler aus der A-2-Mannschaft kommen. Letztendlich entscheidet die Leistung in der Bundesliga, im Europapokal und in diversen internationalen Spielen, wer eine Chance bekommt.

Aufgezeichnet von Oliver Hartmann, dpa



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