Interview mit Bayerns Stadionsprecher "Ich werde mich nicht umbringen"

Laut "Bild"-Zeitung soll Bayerns Stadionsprecher Lehmann auf Wunsch von Jürgen Klinsmann bei der WM nicht ans Mikro gelassen werden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über sein Verhältnis zum Bundestrainer, einen DFB-Putschversuch und kostenlose Gesichtsenthaarung.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Lehmann, die "Bild"-Zeitung schreibt in ihrer heutigen Ausgabe, dass Bundestrainer Jürgen Klinsmann Bayerns Stadionsprecher rasieren will. Das sind Sie.

Stephan Lehmann Das habe ich auch schon gelesen und bin sehr erfreut. Andere Leute müssen für eine Rasur viel Geld ausgeben, ich bekomme sie umsonst. Und dann sogar noch von dem prominentesten Barbier nach dem von Sevilla.

Moderator Lehmann: "Das ist doch Kindergeburtstag"
Antenne Bayern

Moderator Lehmann: "Das ist doch Kindergeburtstag"

SPIEGEL ONLINE: Der Bundestrainer hatte sich nach dem Eröffnungsspiel in der Allianz Arena zwischen der Nationalmannschaft und dem FC Bayern vehement über Sie beklagt.

Lehmann: Die ganze Sache war doch absolut lächerlich. Jens Lehmann, der bei den Bayern-Fans eh nicht so beliebt ist, hatte nach ungefähr 20 Minuten Publikumsliebling Bastian Schweinsteiger unnötig in die Bande gecheckt, natürlich gab es da Pfiffe von rund 1000 Hardcore-Olli-Sympathisanten.

SPIEGEL ONLINE: Die Sie nach Meinung von Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann per Ansage hätten unterbinden sollen.

Lehmann: Das ist doch Kindergeburtstag. Ich kann doch dem Zuschauer nicht sagen, wann und wie er seinen Unmut zu äußern hat. Ich kann eingreifen, wenn Gegenstände auf das Spielfeld fliegen, das war aber nicht der Fall. Es ist nicht meine Aufgabe als Stadionsprecher, den Fans einen Maulkorb zu verpassen. Außerdem hatte sich das Publikum schon in der zweiten Halbzeit beruhigt. Wenn Oliver Bierhoff das Thema nach dem Spiel nicht wieder aufgegriffen hätte, wäre da gar nichts mehr gekommen.

SPIEGEL ONLINE: So waren Sie der Buhmann, der jetzt deswegen sogar um die WM zittern muss.

Lehmann: Mir drängt sich der Verdacht auf, als hätte sich jemand das kleinste Licht vom Feindbild FC Bayern rausgepickt. Es kommt mir so vor, als würde da ein Machtkampf auf dem Rücken des vermeintlich Schwächsten ausgetragen, aber wenn Fußball-Deutschland keine anderen Probleme mehr hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also wirklich, dass der Bundestrainer sich in Stadionsprecher-Planungen einmischt?

Lehmann: Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Allerdings rechne ich seit dem Konföderationen-Cup mit allem. Damals war ich weit vor dem Turnier von der Fifa für das Halbfinale in Nürnberg eingeteilt, bei dem dann ja Deutschland und Brasilien aufeinander trafen. Während der Probe habe ich mitbekommen, wie der DFB zwei Stunden vor dem Spiel versucht hat, mich abzusetzen und einen anderen Kollegen aufzutreiben. Das ist ihnen aber nicht gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Laut "Bild" ist für die WM jetzt ihr Kollege Stefan Schneider von 1860 München im Gespräch, der fairer moderieren soll als Sie.

Lehmann: Dieser versteckte Vorwurf ärgert mich. Ich mache den Job beim FC Bayern im zehnten Jahr und noch nie hat mir jemand mangelnde Fairness vorgeworfen. Das entbehrt jeder Grundlage. Aber wenn der DFB meint, wir sollen beide drei der sechs Spiele machen, hab ich damit auch kein Problem. Ich fahre auch nach Stuttgart und mache beim Spiel Elfenbeinküste gegen Paraguay Stimmung. Für mich ist es nicht wichtig, welche Mannschaften auf dem Platz stehen.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie denn machen, wenn Sie gar nicht auftreten dürfen. Schließlich hat man nur einmal die Chance, als Stadionsprecher bei der WM im eigenen Land dabei zu sein?

Lehmann: Wenn es so sein soll, dann spreche ich halt nicht. Aber deswegen werde ich mich sicher nicht umbringen.

Das Interview führte Mike Glindmeier



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