Interview mit Bert van Marwijk "Ich bin nie euphorisch gewesen"

Ginge es in der Bundesliga-Tabelle nach dem Schuldenstand, wäre Borussia Dortmund einsamer Spitzenreiter. So aber kämpft der Ex-Meister gegen den Abstieg. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Cheftrainer Bert van Marwijk über eine Zeitmaschine namens BVB, Hoffnungsträger aus dem Rehazentrum und schläfrige Fußballprofis.


SPIEGEL ONLINE:

Herr van Marwijk, der deutsche Fußball wird von einem Bestechungsskandal erschüttert. Gibt es in den Niederlanden Schadenfreude?

van Marwijk: Nein, aber eigentlich möchte ich dazu auch gar nicht viel sagen. Für mich ist es fast unvorstellbar, was sich dort abgespielt zu haben scheint. Es muss jetzt alles untersucht werden, dann schnell und hart bestraft werden.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie, ob BVB-Profis auf eigene Spiele wetten?

van Marwijk: Ich habe in meiner Zeit beim BVB nie gehört oder gesehen, dass meine Spieler wetten würden. Ich selbst habe keine Affinität zum Wetten.

SPIEGEL ONLINE: Kommt Ihnen als BVB-Coach der Wettskandal nicht eigentlich ganz gelegen? Immerhin war Ihr Club zuletzt ein Dauerthema.

van Marwijk: Schon vor Bekannt werden dieses Skandals war es mein Empfinden, dass sich allmählich alles, was mit der Borussia zu tun hat, wieder ein wenig positiver darstellt. Es ist die Rede davon, dass neue Sponsoren kommen, dass der Stadionrückkauf wohl machbar ist und nicht zuletzt haben wir aus den ersten beiden Partien nach der Winterpause vier Punkte geholt. Umso trauriger ist es, dass uns Tomas Rosicky und auch Christoph Metzelder schon wieder fehlen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Metzelder ist ausgerechnet ein Spieler Hoffnungsträger, der fast zwei Jahre wegen Verletzungen fehlte und kurz vor der Sportinvalidität stand. Zeigt das nicht, wie schlimm es um die Borussia steht?

BVB-Leader Metzelder (r.): "Große Bedeutung für den Verein"
DDP

BVB-Leader Metzelder (r.): "Große Bedeutung für den Verein"

van Marwijk: Dass Christoph eine große Bedeutung für den Verein hat, steht außer Frage. Er hat einen sehr guten Charakter und ist ein Leader-Typ. Dennoch ist es zunächst er, der die Unterstützung der Mannschaft braucht und nicht umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Mannschaft, die angesichts der Finanzkrise des BVB bisweilen selbst höchst verunsichert scheint. Wie sehr belastet das Thema den einzelnen Spieler?

van Marwijk: Wenn man jeden Tag damit konfrontiert wird, kann man sich dem gar nicht entziehen und wird zwangsläufig beeinflusst. Dass sich das dann möglicherweise auch auf die Leistungen niedergeschlagen hat ist kein Wunder.

SPIEGEL ONLINE: Nahezu ein Wunder wäre es, wenn die Borussia doch noch einen Platz im Europapokal erreichen würde. Bei Ihrem Amtsantritt hatten Sie noch gehofft, dass "ein Jahr ohne internationalen Fußball die Ausnahme bleibt".

van Marwijk: Natürlich ist Dortmund ein Verein mit großer Tradition, der eigentlich jedes Jahr im internationalen Fußball vertreten sein sollte. Aber es jeder konnte doch sehen, welche Schwierigkeiten wir von Beginn der Saison an hatten. Wir konnten nicht investieren, sondern mussten Spieler abgeben. Gleichzeitig hatten wir noch ein großes Lazarett. Alles ist bei uns zusammen gekommen und normalerweise verliert man unter solchen Umständen gleich fünf-, sechsmal in Serie. Das aber war bei uns nie der Fall. Wir haben immer dann, wenn es uns am ärgsten getroffen hat, auch auswärts gepunktet. Das spricht für meine Mannschaft, trotzdem kann es diese Saison für uns nur ums Überleben gehen. Das wird noch ein harter Kampf.

SPIEGEL ONLINE: Zeitweilig konnte man den Eindruck haben, dass Ihnen häufig in Ihre Arbeit hineingeredet wurde. Lässt man Sie mittlerweile in Ruhe arbeiten?

Sammer-Nachfolger van Marwijk: "Spüre, dass man mich gerne hier hat"
AP

Sammer-Nachfolger van Marwijk: "Spüre, dass man mich gerne hier hat"

van Marwijk: Mein Gefühl sagt mir, dass ich hier schon immer in Ruhe arbeiten konnte. Ich weiß, dass mir der Verein und die Verantwortlichen von Beginn vertraut haben. Im Übrigen bin ich kein Trainer, dem man jeden Tag aufs Neue das Vertrauen aussprechen muss. Das Wichtigste für mich ist ohnehin, dass meine Spieler mir vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie wirkliche Rückendeckung?

van Marwijk: Absolut, sonst wäre ich schon längst wieder zuhause. Habe ich das Gefühl, dass es an Unterstützung vom Verein fehlt, bin ich weg, habe ich das Gefühl, dass ich die Mannschaft nicht mehr erreiche, bin ich weg. Aber so ist es ja nicht. Vielmehr spüre ich, dass man mich gerne hier hat.

SPIEGEL ONLINE: Nichtsdestotrotz haben Sie gesagt, dass Sie sich Ihr Engagement vielleicht noch einmal überlegt hätten, wäre Ihnen von Anfang an klar gewesen, wie groß der Schaden beim BVB tatsächlich ist.

van Marwijk: Das stimmt so nicht. Monatelang hat man mich auf jeder Pressekonferenz gefragt, ob ich nicht gewusst hätte, wie schlimm es tatsächlich um die Borussia stehen würde. Zwei Monate lang habe ich darauf gar nicht geantwortet. Als dann aber ein Journalist den BVB mit der "Titanic" verglichen hat, habe ich ein einziges Mal gesagt, dass ich um den Motorschaden wusste, allerdings nicht das gesamte Ausmaß gekannt habe. Daraus hat man gefolgert, dass ich am liebsten gehen würde. Für diese Interpretation kann ich aber nichts.

SPIEGEL ONLINE: Es gab also nie den Moment, an dem Sie alles hinschmeißen wollten?

Neu-Borusse Smolarek (r.) und van Marwijk: "Habe mit Ebi endlich den Spieler, der auf der Außenbahn spielen kann"
DPA

Neu-Borusse Smolarek (r.) und van Marwijk: "Habe mit Ebi endlich den Spieler, der auf der Außenbahn spielen kann"

van Marwijk: Ich habe nicht einmal für einen Wimpernschlag daran gedacht, Verein und Spieler im Stich zu lassen. Die bisherige Zeit bei der Borussia war sehr lehrreich für mich. Hier habe ich in sechs Monaten das gelernt, wofür man sonst 60 Jahre benötigt.

SPIEGEL ONLINE: Planen Sie für sich selbst über diese Saison hinaus mit dem BVB?

van Marwijk: Wenn Sie mich näher kennen würden, wüssten Sie, dass ich meine Verträge immer erfüllt habe. Mein Kontrakt beim BVB läuft bis 2006 und so lange will ich mindestens bleiben. Grundsätzlich habe ich aber das Gefühl, dass die ganz schlimmen Zeiten nun endlich hinter uns liegen.

SPIEGEL ONLINE: Das BVB-Team scheint Ihre Fußball-Philosophie aber noch immer nicht wirklich verstanden zu haben. Waren Sie zu euphorisch, was die Möglichkeiten Ihrer Elf betrifft?

van Marwijk: Ich bin bezüglich der Möglichkeiten meiner Mannschaft nie euphorisch gewesen. Von Anfang an habe ich betont, dass diese Mannschaft gut Fußball spielen kann, dass ihr aber auch einiges fehlt.

SPIEGEL ONLINE: Was genau ist das?

van Marwijk: Etwa Geduld. Wenn es 0:0 steht, sind wir nicht in der Lage zu sagen: "Wir warten jetzt, das Tor für uns wird irgendwann schon fallen." Stattdessen agieren wir überhastet und laufen so Gefahr, ausgekontert zu werden. Zudem fehlt uns ein klassischer Torjäger.

SPIEGEL ONLINE: Warum gelingt es aber gerade zuhause immer noch nicht, das eigene Spiel durchzusetzen?

Begnadigter Ricken (r.): "Enttäuschung Luft gemacht"
DPA

Begnadigter Ricken (r.): "Enttäuschung Luft gemacht"

van Marwijk: Ich habe immer betont, dass ich gerne über die Flügel spielen lasse. Jetzt habe ich mit Ebi Smolarek endlich den Spieler, der auf der Außenbahn spielen kann. Und ich habe einen Lars Ricken, der mittlerweile so weit ist, dass ich auch ihn brauchen kann.

SPIEGEL ONLINE: Nach Rickens öffentlicher Kritik hatte der Verein ihn suspendiert. Nun spielt er wieder. Untergräbt so ein Hin und Her nicht Ihre Autorität?

van Marwijk: Nein. Mit Lars ist doch gar nichts passiert. Ich habe mit ihm zweimal unter vier Augen gesprochen und habe ihm erklärt, warum er nicht gespielt hat. Als es dann bei uns gar nicht lief, war er enttäuscht, dass ich ihm selbst zu diesem Zeitpunkt keine Chance gegeben habe. Dieser Enttäuschung hat er dann Luft gemacht. Dafür hat er eine Strafe bekommen. Jetzt macht er seine Sache sehr ordentlich.

SPIEGEL ONLINE: Führen Sie viele Einzelgespräche?

van Marwijk: Natürlich, die Erfahrung lehrt aber, dass man auch zu viel sprechen kann. Fußballer wollen nicht endlos diskutieren. Ein Fußballer, auf den man zu lange einredet, der geht schlafen.

Das Interview führte Andreas Kötter



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