Interview mit Calmund "Wir sind enttäuscht im Himmel angekommen"

Nach der unglücklichen Finalniederlage in der Champions League gegen Real Madrid zieht Bayer-Manager Reiner Calmund eine Leverkusener Saisonbilanz und blickt auf die kommende Spielzeit.


Mit dem 1:2 gegen Real Madrid im Champions-League-Finale hat Bayer 04 Leverkusen die dritte Titelchance in zwölf Tagen vergeben. Wie bitter ist das für Sie?


Reiner Calmund
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Reiner Calmund

Reiner Calmund: Wie uns in der Bundesliga ein Tor zur deutschen Meisterschaft gefehlt hat, fehlte es uns heute zum Titel. Der Teufel hat wieder gegen uns gespielt. Aber ich sehe das nicht so dramatisch. Die Art und Weise, wie die Mannschaft ihre Leistung abgerufen und in den letzten 20 Minuten alle Kräfte noch einmal mobilisiert hat, macht mich stolz. Wir sind enttäuscht im Himmel angekommen.


Die Bayer-Mannschaft hat die ganze Saison mit starken Leistungen überzeugt und viele Sympathien gewonnen. Ist das ein Trost?


Calmund: 800 Millionen Menschen haben uns, dem David, am Fernsehen die Daumen gedrückt. Und wir konnten wieder an die Leistungen von den Spielen gegen Manchester United und FC Liverpool anknüpfen. Deshalb sind wir trotz der Niederlage ein Gewinner. Wir haben keinen Titel und keinen großen Pokal, dafür aber Image und Reputation gewonnen.


In der kommenden Spielzeit wird es sehr schwer werden, an diese Erfolge anzuknüpfen und wieder so dicht an Titel heranzukommen.


Calmund: Wir haken die Saison ab. Zwar haben wir keinen Titel geholt, aber schönen Fußball gespielt. Sogar die Real-Stars Zidane und Raúl haben mir nach dem Spiel zu unserer Leistung gratuliert. Wir werden solche Clubs wie Juve, Liverpool und ManU nicht mehr so schnell hintereinander besiegen können. Aber den einen oder anderen Erfolg gegen Spitzenvereine traue ich uns zu.


Ohne den zu Bayern München wechselnden Michael Ballack und dem wohl ebenfalls kaum zu haltenden Zé Roberto schon gar nicht, oder?


Calmund: Es gibt ein Sprichwort: Schuster, bleib' bei deinen Leisten. Wir bleiben auf unserem Kurs und machen, was wir uns erlauben können. Ein Zidane ist so teuer wie unser ganzer Kader. Wir setzen auf junge Spieler und haben den Brasilianer Franca verpflichtet. Wenn Zé geht, holen wir noch einen erfahrenen Spieler für das Mittelfeld. Es muss eine bezahlbare Granate sein. Außerdem wollen wir noch einen Mann für die Innenverteidigung haben.


Mittelfeldstar Ballack hat in dieser Saison Großartiges für Bayer geleistet und in der Schlussphase trotz schwerer Fußverletzung alles gegeben.


Calmund: Was der Michael als Star zuletzt gekämpft hat mit Spritzen und Schmerztabletten, ist wahnsinnig gewesen. Wir lassen ihn ungern ziehen. Doch wenn ihn irgendwann keiner mehr haben will, nehmen wir ihn als alten Sack wieder und er kann bei uns Libero spielen.


Wird Torjäger Ulf Kirsten, der im Dezember 37 Jahre alt wird, nun tatsächlich aufhören?


Calmund: Unsere Überlegungen gehen dahin, dass er noch ein Jahr dranhängt. Das ist unser Ziel. Er soll der Notnagel auf der Bank sein, die jungen Spieler haben den Vorrang. Danach wechselt Ulf auf jeden Fall ins Management.


Abwehrchef Jens Nowotny wurde Anfang der Woche in den USA am Knie operiert. Wie sieht es aus?


Calmund: Das Ergebnis ist sehr positiv. Es ist schon eine große Sache, dass er 20 Spiele in dieser Saison mit dem Wissen, gegen seine Gesundheit zu kämpfen, mitgemacht hat.


Aufgezeichnet von Andreas Schirmer, dpa



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