Interview mit Chelsea-Arzt "Die englische Sportmedizin ist professioneller"

Sascha Nieper ist einer der Mannschaftsärzte beim FC Chelsea. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Mediziner über englische Eis-Therapie, deutsche Medikamente und seine eigene Haftpflichtversicherung.


Chelsea-Spieler John Terry gegen Jerome Thomas von Charlton Athletic: Deutsche Medikamente gegen Muskelverletzungen
DPA

Chelsea-Spieler John Terry gegen Jerome Thomas von Charlton Athletic: Deutsche Medikamente gegen Muskelverletzungen

SPIEGEL ONLINE:

Herr Nieper, der FC Chelsea beschäftigt elf eigene medizinische Fachkräfte. Sie könnten ja eine eigene Mannschaft aufstellen.

Nieper: Stimmt, allerdings werden wir noch von Real Madrid übertroffen. Die haben allein sechs Ärzte und acht Ernährungswissenschaftler.

SPIEGEL ONLINE: Englische Clubs sind aber bei der medizinischen Betreuung erstaunlich gut aufgestellt. Besser als Bundesligavereine.

Nieper: Im englischen Fußball haben alle Erstligaclubs Akademien, wo der Nachwuchs gefördert wird. Und jede dieser Akademien hat einen eigenen fest angestellten Arzt. Die Engländer haben diese Organisationsform mit kompletter ärztlicher Betreuung von den Franzosen übernommen - in Deutschland ist dieses System ja noch nicht so verbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie wollen so schnell nicht in der Bundesliga arbeiten?

Nieper: Vielleicht in ein paar Jahren. Zurzeit fühle ich mich sehr wohl in London, und in Deutschland gibt es meinen Beruf "Chefarzt für Sportmedizin" noch gar nicht. Fußballprofis haben einen Marktwert von mehreren Millionen Euro und sollten von Ärzten betreut werden, die eine spezielle Ausbildung in Sportmedizin durchlaufen haben. Sie möchten ja auch einen Facharzt in Sportverletzungen sehen und nicht einen Allgemeinmediziner, der sich mal eben kurz weitergebildet hat.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Bruder Uli war vor einiger Zeit Mannschaftsarzt bei der Spielvereinigung Unterhaching, Sie werden daher die medizinische Versorgung in der Bundesliga und in der Premier League gut vergleichen können. Gibt es Unterschiede?

Nieper: Ja, die englische Sportmedizin ist professioneller als in Deutschland. An englischen Hochschulen gibt es dafür ein eigenes Fach wie in Norwegen und seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten sowie in Australien. In Deutschland gibt es im Studium für Sportmedizin nur 200 Stunden Theorie und 200 Stunden Praxis - und das war es dann.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren vorher zusammen mit ihrem Kollegen Bryan English lange Zeit Arzt der britischen Leichtathletik-Nationalmannschaft. Arbeiten Sie bei den Fußballprofis anders?

Nieper: Meine medizinischen Kollegen kommen aus fünf verschiedenen Ländern. Alle haben jahrelang im Hochleistungsport gearbeitet und bringen eine Menge Erfahrungen mit. Das stärkt das Team. Die erfolgreichen Therapien, die wir jahrelang bei den Leichtathleten angewandt haben, wollen wir jetzt auch bei Chelsea umsetzen. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir deutsche Medikamente eingeführt haben, um Muskelverletzungen schneller heilen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn?

Nieper: Zum Beispiel Traumeel (populäres homöopatisches Mittel gegen Einblutungen bei Muskelzerrungen, Anm. d. Red.). Aber wir haben auch Therapien und Medikamente aus anderen Ländern übernommen, die in Deutschland noch nicht bekannt sind. Damit können wir die Rehabilitationszeit unser Spieler erheblich verkürzen.

SPIEGEL ONLINE: Im englischen Sport wird seit geraumer Zeit erfolgreich die Eis-Therapie angewandt, damit die Muskeln der Athleten besser regenerieren.

Nieper: Das kommt aus dem Rugby. Dort setzen sich die Spieler nach dem Training oder den Spielen vier, fünf Minuten in Wannen mit Eiswasser. Dies geschieht dann im Wechsel mit warmen Duschen. Harte Belastungen erzeugen winzige Muskelverletzungen, vereinfacht ausgedrückt. Durch die Unterkühlung wird dies unterbunden. Die Athleten merken, dass sie durch diese Eisbäder weniger Muskelschmerzen haben und können harte Trainingseinheiten besser verkraften.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem medizinischen Equipment reist Chelsea zu einem Auswärtsspiel? Reicht der Platz im Flugzeug oder müssen Sie separat reisen?

Chelsea-Coach Mourinho: "Er vertraut uns"
DPA

Chelsea-Coach Mourinho: "Er vertraut uns"

Nieper: Wir haben kürzlich spezielle Koffer aus Amerika kommen lassen. Dort passt alles hinein. Heutzutage muss man schon fast die Ausstattung einer halben Intensivstation mitnehmen. Immerhin können Mannschaft und Mediziner zusammen reisen.

SPIEGEL ONLINE: Und so reisen Sie heute Abend zum Auswärtsspiel in der Champions League beim FC Liverpool an?

Nieper: Ich stoße erst im Finale dazu. Spaß bei Seite, wir haben noch ein paar wichtige Spieler, deren Verletzungen behandelt werden müssen. Die harte Arbeit als Arzt findet hinter den Kulissen statt.

SPIEGEL ONLINE: Der FC Chelsea ist ein Luxus-Club. Spieler haben fürstliche Arbeitsbedingungen. Gilt das auch für einen Arzt?

Nieper: Auf jeden Fall. Wir sind hier Vollzeitärzte nur für Chelsea und können die Spieler täglich sehen und mit ihnen arbeiten. Aus medizinischer Sicht ist das alles optimal. In Deutschland sind die Vereinsärzte in der Regel in einem Krankenhaus angestellt oder haben eine Praxis, verletzte Spieler müssen dann immer dorthin. Da kann es schon mal zu Verzögerungen in der Akutversorgung von Verletzungen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie arbeiten Sie mit Chelsea-Coach José Mourinho zusammen?

Nieper: Er hat volles Vertrauen in die medizinische Abteilung. Von uns verlangt er in einem Verletzungsfall immer eine klare Diagnose und eine Prognose über die Heilung. Er will Bescheid wissen. Den Rest überlässt er uns.

SPIEGEL ONLINE: Eine Fehldiagnose kann für Chelsea große finanzielle Nachteile haben. Wie gehen Sie mit diesem Riskio um?

Nieper: Ich zahle für meine Versicherung pro Jahr 10.000 Euro Prämie.

Die Fragen stellte Steffen Gerth



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.