Interview mit Christian Wörns "Mir läuft die Zeit davon"

Christian Wörns ist in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am längsten dabei. Trotz seiner Erfahrung wird der Dortmunder Verteidiger, im EM-Test gegen Belgien Kapitän, aber nicht als Führungsspieler angesehen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der bald 32-Jährige über verpasste Chancen, gnadenlose Kritiker und mangelnde Unterstützung.

Von Till Schwertfeger


SPIEGEL ONLINE:

Herr Wörns, als einziger deutscher Nationalverteidiger haben Sie die vergangenen Wochen konstant gute Leistungen gebracht. Jens Nowotny sitzt in Leverkusen nur auf der Bank, der Berliner Arne Friedrich kämpft gegen den Abstieg und war zuletzt Rot gesperrt. Gibt es gegen Belgien ein böses Erwachen?

Christian Wörns: Nein, das glaube ich nicht. Außer gegen Frankreich haben wir in der Defensive zuletzt ganz gut gestanden. Doch uns fehlt in Deutschland mittlerweile die Breite an guten Spielern, weil in der Bundesliga sehr viele Ausländer spielen. Deshalb darf eigentlich niemand eine Formkrise haben oder sich verletzen. Das ist ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: DFB-Teamchef Rudi Völler hat angeregt, die Statuten dahingehend zu ändern, dass fünf deutsche Spieler in jeder Startformation stehen müssen. Finden Sie das gut?

Wörns: Auf jeden Fall. Schöner wäre es, wenn noch mehr deutsche Spieler auflaufen würden. Denn wir haben viele gute junge Fußballer, denen aber die Spielpraxis fehlt, um sich weiterzuentwickeln. Training kann da kein Ersatz sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, sich von der sportlichen und finanziellen Krise Ihres Clubs Borussia Dortmund nicht beirren zu lassen?

Wörns: Ich bin mittlerweile ziemlich erfahren, habe viele Höhen und auch Tiefen mitgemacht. Da lässt man sich nicht mehr ablenken, obwohl die Situation schwierig ist. Aber wenn man stark im Kopf ist, kann man seinen Stiefel trotzdem runterspielen. Man setzt die Scheuklappen auf und geht seinen Weg.

SPIEGEL ONLINE: Einen Ihrer Tiefpunkte hatten Sie im September 2001 nach der 1:5-Blamage gegen England. Da wollten Sie aus der Nationalelf zurücktreten. Wie konnte Völler Sie davon überzeugen, weiterzumachen?

Christian Wörns: "Die Kritik wurde immer ungleichmäßig verteilt"
DPA

Christian Wörns: "Die Kritik wurde immer ungleichmäßig verteilt"

Wörns: Ich hatte das Gefühl, dass ich immer dann, wenn etwas schief geht, der Prügelknabe bin. Aber Völler hat gesagt, dass er voll hinter mir steht. Meine Leistungen seien in Ordnung gewesen und er könne die herbe Kritik an mir auch nicht ganz nachvollziehen. Mit 28 Jahren die Brocken hinzuschmeißen, das sei zu früh. Er könne mich noch gut brauchen, hat er gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass gerade Sie manchmal besonders heftig kritisiert werden? Fühlen Sie sich ungerecht beurteilt?

Wörns: Ich habe nie gesagt, dass ich nur gute Länderspiele gemacht habe. Aber die Kritik wurde immer ungleichmäßig verteilt. Manchmal hätten sich die Kritiker auch andere Spieler rauspicken können. Ich glaube, dass das auch daran liegt, weil ich niemanden habe, der in solchen Momenten die Hand über mich hält. Ich habe keinen Berater und auch nicht den besten Kontakt zu den Medien. Vielleicht weil ich kein Showmensch bin.

SPIEGEL ONLINE: Über das WM-Viertelfinale 1998 gegen Kroatien haben Sie rückblickend gesagt: "Das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Von da an ging alles bergab, ich verlor meinen Stammplatz in der Nationalmannschaft. Ich war praktisch ein Jahr weg vom Fenster." Gibt es ein ähnlich wichtiges Ereignis, das die Wende zum Guten brachte?

Wörns: So ein Schlüsselerlebnis gab es nicht, ich hatte ja immer wieder mit Rückschlägen durch Verletzungen zu kämpfen. In meiner zweiten Saison in Dortmund ging es wieder bergauf. Mittlerweile genieße ich es mehr als früher, bei der Nationalmannschaft zu sein. Ich habe ja nur noch einen begrenzten Zeitraum, hier zu spielen. Meine Identifikation mit dem Team ist total.

SPIEGEL ONLINE: Im entscheidenden EM-Qualifikationsspiel gegen Island machte Chelsea-Stürmer Eidur Gudjohnson keinen Stich gegen Sie. Völler nannte Ihre Leistung "Weltklasse". Hat Ihnen das einen Extraschub gegeben?

BVB-Profi Wörns (l., mit dem Frankfurter Skela): "Ich habe Nachholbedarf"
DDP

BVB-Profi Wörns (l., mit dem Frankfurter Skela): "Ich habe Nachholbedarf"

Wörns: Das tat gut, zumal ich schon im Spiel gegen Schottland gute Kritiken erhielt. Das war ein schönes Gefühl, denn auch ich lebe für die Anerkennung. Es macht keinen Spaß, immerzu geprügelt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Am schlimmsten war das wohl bei der WM 1998, als Sie nach dem Foul am Kroaten Davor Suker vom Platz gestellt wurden und Deutschland ausschied. Es war das bisher einzige große Turnier in Ihrer Nationalmannschaftskarriere, in dem Sie zum Einsatz kamen. Sind Sie deshalb für die EM in Portugal besonders motiviert?

Wörns: Ich habe Nachholbedarf. Ich hatte in der Vergangenheit viel Pech, und jetzt läuft mir die Zeit davon. Die EM und dann die WM im eigenen Land sind die beiden Turniere, die ich noch spielen kann. Dafür hänge ich mich jetzt voll rein.

SPIEGEL ONLINE: Die letzte Weltmeisterschaft hatten Sie sehr kurzfristig abgesagt.

Wörns: Ich hatte nach einer Knieoperation unheimlich an Muskulatur verloren, habe zwar im Verein gespielt, konnte aber gar nicht trainieren und hätte nicht fit zur WM fahren können. Im Urlaub habe ich mich dann mit einer chronisch entzündeten Sehne herumgeplagt und musste dann noch mal operiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie zornig, dass Ihre WM-Absage teilweise sehr hämisch kommentiert wurde? Es hieß, Sie hätten gekniffen.

Wörns: Das war wirklich ein schlechter Witz. Gerade ich, der sich immer voll reinhängt, mit Schmerzen und Spritzen gespielt hat. Ich habe mich da gefragt, womit ich das verdient habe.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Gefühlen haben Sie dann die Vizeweltmeisterschaft ihrer Kollegen vor dem Fernseher verfolgt?

Wörns (l., mit Stürmerstar Henry): "Mein Topfavorit ist in jedem Fall Frankreich"
DDP

Wörns (l., mit Stürmerstar Henry): "Mein Topfavorit ist in jedem Fall Frankreich"

Wörns: Mit ein bisschen Wehmut. Natürlich habe ich mich für die Spieler gefreut, dass Sie so einen tollen Erfolg haben. Aber ich selbst wäre auch gerne dabei gewesen. Schon den EM-Titel 1996 hatte ich verpasst. Ich war nur dabei, als es nicht so gut lief.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich als Nationalspieler, der am längsten dabei ist, in besonderer Verantwortung?

Wörns: Ich muss Vorbild sein, auf und neben dem Platz. Aber ich spiele nicht im zentralen Mittelfeld. Am besten ist es, wenn man dort jemanden hat, der den Taktstock in die Hand nimmt. Es wird zwar immer so dargestellt, dass ich so ruhig bin, aber ich versuche schon, den ganzen Laden zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: Wer eignet sich als Anführer im deutschen Mittelfeld?

Wörns: Wir haben Jens Jeremies, Didi Hamann oder auch Michael Ballack. Man kann aber nicht die komplette Verantwortung nur einem Spieler auferlegen. Das gibt es in keiner Mannschaft der Welt. Nur in Deutschland wird diese komische Diskussion geführt.

SPIEGEL ONLINE: Gegen die Topteams in Europa wie Frankreich, die Niederlande, Italien oder Spanien hat Deutschland zuletzt ausnahmslos verloren. Welche Chancen hat die DFB-Elf diesen Sommer bei der EM?

Wörns: Wir haben bei der WM gesehen, was möglich ist, wenn jeder über sich hinauswächst. Mein Topfavorit ist in jedem Fall Frankreich. Die Franzosen haben sogar auf der Reservebank Weltklassespieler.

Das Interview führte Till Schwertfeger



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