SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. Februar 2001, 11:18 Uhr

Interview mit Ewald Lienen

"Nicht von den Fans entfernen"

Von Andreas Kötter

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Ewald Lienen, Trainer von Fußball-Bundesligist 1. FC Köln, über die Abhängigkeit der Vereine vom Bezahlfernsehen, Fanproteste und die deutsche "Leitkultur".

Ewald Lienen in seinem berühmt gewordenen blauen Hemd
DPA

Ewald Lienen in seinem berühmt gewordenen blauen Hemd

SPIEGEL ONLINE:

Herr Lienen, wird es zu einem Trend im deutschen Profifußball, dass junge Spieler, wie etwa Ihr Christian Timm oder Tobias Willi vom SC Freiburg, den Verlockungen von Bayern München widerstehen und stattdessen bei Mittelklasseclubs bleiben?

Ewald Lienen: Es ist nicht so, als würden diejenigen Spieler, die sich entschlossen haben, bei ihren Vereinen zu bleiben, auf allzu viel Geld verzichten. Das hört sich dann immer so an, als würde man in Kauf nehmen, zu Gunsten der Spielpraxis nur ein Drittel des bei anderen Clubs möglichen Verdienstes zu bekommen. Längst erlauben es die Fernsehgelder doch auch den so genannten kleineren Clubs, ihre Spieler zumindest teilweise zu halten, ohne dass man dabei das gesamte Gehaltsniveau in exorbitante Höhen stellen muss.

SPIEGEL ONLINE: Der Bundesligageldgeber Fernsehen steht gerade stark in der Kritik der Fans. Die Anhänger beklagen zerstückelte Spieltage und fürchten, dass ihr Lieblingssport demnächst vielleicht gar nicht mehr im Free-TV zu sehen sein wird.

Lienen: Natürlich darf man sich nicht von den Fans entfernen. Dennoch bin ich sicher, dass der deutsche Fußball ohne das Geld, das vom Pay-TV kommt, nicht konkurrenzfähig bleiben wird. Wollen wir das?

SPIEGEL ONLINE: Teile der protestierenden Fans sind augenscheinlich bereit, das in Kauf zu nehmen.

Lienen: Gut, dann brauchen wir keine Decoder, dann kosten Spieler vielleicht auch nur noch eine Million Mark Ablöse. Dann werden wir aber auch in den europäischen Wettbewerben keine Rolle mehr spielen. Wenn wir das Produkt Fußball jedoch in der jetzigen Qualität weiter sehen wollen, dann muss man unter Umständen auch in den sauren Apfel beißen. Mit welchem Recht wollen Sie am Samstag um 18.30 Uhr ein Bundesliga-Spiel zum Nulltarif sehen, während die Clubs mit einem Hundert-Millionen-Etat zu kämpfen haben?

SPIEGEL ONLINE: Das Produkt Fußball nimmt aber doch einen Imageschaden, wenn die Fans wegbleiben. Und an leeren Stadien dürfte auch die Werbewirtschaft kaum Freude haben.

Lienen: Ich glaube fest an die Faszination des Fußballs, und ich bin überzeugt, dass für die Fans vor allem zwei Dinge zählen: die Qualität des Fußballs und der Service im Stadion. Wird attraktiver Fußball gespielt, und stimmt das Drumherum, also Komfort, Anreisemöglichkeiten und ähnliches, dann werden die Fans auch weiterhin in die Stadien kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen ja auch, dass Profifußball Spaß machen soll.

Lienen: Ich glaube sogar, dass Spaß-Fußball erfolgreicher sein kann, als einer, der rein zweckorientiert ist. Spaß muss Fußball aber vor allem dem Publikum machen. Es ist jedoch leider so, dass in der öffentlichen Meinung vieles am Erfolg festgemacht wird. Wenn die Leute aber erkennen, dass eine Mannschaft mit Leidenschaft zu Werke geht, dann sind sie auch eher bereit, eine Niederlage zu verzeihen.

SPIEGEL ONLINE: In Köln bauen Sie auf junge Spieler. Insgesamt aber wird in Deutschland immer wieder der fehlende Nachwuchs bemängelt. Müssen wir verstärkt auf die Arbeit in Fußballinternaten setzen?

Lienen: Erfolgreiche Vorbilder gibt es genügend, vor allem in Frankreich, wo man Weltklassespieler en masse produziert hat. Natürlich kann man dort auf die Spieler kolonialer Abstammung zurückgreifen, die vielleicht mit einem besonderen Bewegungstalent ausgestattet sind. Wenn man in die Jugendabteilungen hierzulande schaut, dann finden sich auch bei uns junge Spieler aus aller Herren Länder. Wer hier geboren wurde und hier aufgewachsen ist, der hat sich durch die deutsche "Leitkultur" gekämpft, und das ist eine stramme Leistung.

SPIEGEL ONLINE: Warum gelingt es nicht, dieses Potenzial auszuschöpfen?

Lienen: Uns fällt es traditionell schwer, Leute zu integrieren. Wir drohen ihnen mit dieser deutschen "Leitkultur", die scheinbar etwas Erstrebenswertes sein soll. Ich glaube aber, dass der Trend zu einer multikulturellen Gesellschaft nicht aufzuhalten ist. Da versuchen wir ein vereintes Europa aufzubauen, und irgendwelche Politiker faseln von der deutschen "Leitkultur". Das ist ungeheuerlich in einer Zeit, wo Gewalt von Rechts wieder zunimmt. Wer so etwas von sich gibt, sollte zurücktreten.

Ewald Lienen in seinem berühmt gewordenen blauen Hemd
DPA

Ewald Lienen in seinem berühmt gewordenen blauen Hemd

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn wir die von Friedrich Merz populär gemachte deutsche "Leitkultur" für andere Kulturen öffnen, garantiert das nicht zwangsläufig auch eine gute berufliche Ausbildung der fußballspielenden Jugendlichen.

Lienen: Das ist richtig. In Frankreich werden die Jugendlichen in den Fußball-Internaten gleichzeitig allgemein ausgebildet, auch in der DDR hat das gut funktioniert. Da ist zwar sicher nicht alles koscher abgelaufen, die Leute haben aber eine Top-Ausbildung bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte man das heute auch in Deutschland garantieren?

Lienen: Da es das Schwierigste ist, mit Jugendlichen zu arbeiten, muss die Qualität der Trainer und Ausbilder sehr hoch sein: Die besten sind gerade gut genug. Die Vereine müssen lernen, diese Leute sehr gut zu bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Programm wird sich ein gewöhnlicher Bundesligaverein finanziell kaum leisten können.

Lienen: Da ist die Politik gefragt, da muss ein Sonderstatus her. Die Ausbildung zum Profi-Fußballer sollte als ein ganz normaler Ausbildungsberuf anerkannt werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Politik macht sich aber zunächst mal Gedanken um ein neues Transferrecht für Profifußballer.

Lienen: Was man dort plant, weist die EU-Politiker als ungeheure Dilettanten aus, und bei der Spielergewerkschaft Fifpro sieht es nicht besser aus. Mit einem einseitigen Kündigungsrecht sägt man sich den Ast ab, auf dem man sitzt. Und dass Fifa-Präsident Blatter gemeinsame Sache mit diesen Leuten macht, disqualifiziert diesen Menschen endgültig. Man kann einen Fußballspieler, der fünf Millionen Mark verdient und den Verein 30 Millionen Mark gekostet hat, doch nicht mit einem Arbeiter am Fließband vergleichen, indem man argumentiert, auch der Fußballer müsse das Recht auf freien Arbeitsplatzwechsel bekommen, weil schließlich auch er ein Angestellter sei. Das ist vollkommen realitätsfern.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung