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19. Oktober 2013, 13:57 Uhr

Ex-Referee Merk zum Phantom-Tor

"Ein Trauma für den Schiedsrichter"

Ein Interview von

Für Markus Merk ist das Phantom-Tor von Sinsheim die Verkettung mehrerer Fehler - ein Wiederholungsspiel hält er für zwingend nötig. Im Interview spricht der ehemalige Schiedsrichter über Gerechtigkeit im Fußball, die Reaktionen im Ausland und die Einsamkeit der Referees.

SPIEGEL ONLINE: Herr Merk, für den Fußball-Weltverband (Fifa) zählt die Tatsachen-Entscheidung des Schiedsrichters zu den wichtigsten Eckpunkten des Spiels. Darf es nach den Ereignissen von Sinsheim überhaupt ein Wiederholungsspiel geben?

Merk: Ich bin kein Jurist. Trotzdem kann die Antwort nur heißen: Es muss ein Wiederholungsspiel geben. Aus dem besten Grund, den es gibt.

SPIEGEL ONLINE: Und der wäre?

Merk: Diese Geschichte ist eine, die keiner als akzeptabel empfinden kann. Es geht um Gerechtigkeit. Es wäre ein Affront gegen den Fußball, wenn es kein Wiederholungsspiel geben würde.

SPIEGEL ONLINE: 1994 gab es ein Wiederholungsspiel, als Bayerns Thomas Helmer beim 2:1 gegen Nürnberg ein Phantom-Tor erzielte.

Merk: Da besteht für mich nur theoretisch ein Unterschied. Bei Helmer war der Ball nicht im Tor, in Sinsheim war er es, obwohl er von außen durch ein Loch im Netz ins Tor flog. Sonst ist das eine ziemlich identische Sache: Ein Tor wird gegeben, obwohl es keines war.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende steht die Fifa, die ein Wiederholungsspiel goutieren müsste.

Merk: Damals bei Helmer gab es relativ geräuschlos ein neues Spiel. Es gibt Vorfälle, da darf die Tatsachenentscheidung nicht wie in Stein gemeißelt sein. Das ist für die Außenwirkung, für den Ruf des Fußballs in Deutschland schlecht. Ich habe nach dem Tor viele Anrufe aus der Türkei bekommen, wo ich als TV-Experte tätig bin. Da hieß es: Was ist denn bei euch in Deutschland los? Das Ganze ist sehr schade für die Bundesliga.

SPIEGEL ONLINE: Hätte eines der verschiedenen Torlinien-Technologie-Systeme in der Sache geholfen?

Merk: Schauen wir auf das Tor von Hoffenheims Kevin Volland am ersten Spieltag gegen Nürnberg. Da war der Ball für alle sichtbar hinter der Linie. Hätte der Schiedsrichter die Möglichkeit, sich die Szene anzuschauen, wäre beides so nicht passiert. Er hätte mit einem Blick auf die Bilder der Kamera alles klären können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also Verfechter des Videobeweises?

Merk: Das bin ich seit 2007, als ich das öffentlich gesagt habe und dafür auch sehr kritisiert wurde. Dass in dieser Sache im 21. Jahrhundert noch derart stur verfahren wird, ist nicht nachvollziehbar. Alle wären mit einem Blick auf die TV Bilder aus der Schusslinie.

SPIEGEL ONLINE: Ein Gegenargument lautet: Mit dem Videobeweis würde das Spiel ständig unterbrochen werden.

Merk: Es wäre weniger lang unterbrochen gewesen als jetzt. Wir hätten weniger Ärger als jetzt. Außerdem haben wir zehn bis höchstens 20 heikle Szenen pro Saison, in denen es um Tor oder Nicht-Tor geht. Das hält der Fußball aus.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Schiedsrichter allein gelassen mit dieser für sie oft nicht lösbaren Situation?

Merk: Nicht nur die Schiedsrichter werden allein gelassen, der gesamte Fußball wird allein gelassen. Es ist besonders bitter, so ein Tor zu geben, das ist ein Trauma für den Schiedsrichter. Aber es gibt weitere betroffene Parteien: die Vereine, Spieler, Trainer und die Zuschauer.

SPIEGEL ONLINE: Hätte Felix Brych länger nachforschen sollen, bevor er auf Tor entschied?

Merk: Das lässt sich von außen leicht sagen. Als ehemaliger Schiedsrichter habe ich natürlich auch überlegt: Was hättest du gemacht? Wäre ich trotzdem raus und hätte geschaut? Hätte ich jeden im Stadion gefragt, Ersatzspieler und so weiter? Dem Schiedsrichter stehen nur begrenzte Mittel zur Verfügung, darauf muss er sich konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Schiedsrichter, Assistenten, Platzwart, Spieler: Wem ist ein Vorwurf zu machen?

Merk: Es ist eine lange Fehlerkette. Die fängt beim Platzwart an, der ein Netz aufhängt, das nicht hält. Das hat er sicher nicht absichtlich gemacht. Der Assistent hat es nicht genau genug geprüft. Das Ganze ist doch unglaublich kurios. Der Ball ging durch ein Loch, das halb so groß ist wie das in der Torwand beim "ZDF-Sportstudio".

SPIEGEL ONLINE: Ein anderes Argument gegen die Torlinien-Technologie ist das Thema Kosten. Für kleinere Verbände seien die zu hoch, heißt es.

Merk: Das ist das schwächste Argument der Skeptiker. Ich sage: Wer es machen kann, der macht es. Das soll jetzt nicht respektlos klingen, aber nicht jede Liga hat die Wertigkeit der Ligen in Spanien, Frankreich, England, Deutschland, England und auch einige in Südamerika und Asien.

SPIEGEL ONLINE: Was muss jetzt passieren?

Merk: Es gibt nun noch mehr Anlass als zuvor, über eine neue Grundstruktur im Fußball nachzudenken, ohne das Spiel komplett zu ändern. Im Hinblick auf die Verbände bin ich in gesundem Maße skeptisch, dass man Änderungen zulässt. Die aber sind dringend notwendig. Sich auf die Tatsachen-Entscheidung zurückzuziehen, darf keine Lösung sein.

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