Interview mit Guus Hiddink "Mich haben die Morddrohungen nicht berührt"

Für Guus Hiddink war es eine schwere Zeit. Der Fußballcoach erhielt Morddrohungen. Im Interview erklärt der Niederländer, wie er mit der Situation klar gekommen ist und vom wem er Hilfe erhielt.


Frage:

Herr Hiddink, wie war das, als Sie vor dreieinhalb Jahren Morddrohungen erhielten?

Hiddink: Ich war PSV-Trainer, als das passierte. Ich habe zwei Morddrohungen in wenigen Wochen erhalten. Die erste, ein Brief mit Kugeln darin, war eine Warnung, in der es hieß, ich könnte erschossen werden, sollte ich mit dem PSV so viel Erfolg haben wie mit Korea. Der Inhalt der zweiten war ähnlich, und ehrlich gesagt haben mich diese Morddrohungen nicht berührt. Und da ich mich in meinem Heimatland befand, habe ich beschlossen, dass ich auch weiterhin in den Niederlanden leben werde, obwohl ich diese Drohungen erhielt. Man sollte sich so etwas nicht beugen.

Frage: Sie hatten keine Angst?

Hiddink: Manchmal bin ich nervös geworden, wenn ich Schritte hinter mir hörte. Ja, das war beunruhigend. Doch all meine Freunde und meine Familie unterstützten mich und brachten mich zurück in die Realität. Das hat mir sehr geholfen. Nach einer Zeit des Suchens nach dem, der das getan hatte, und der äußerst positiven Reaktion der Medien habe ich keine weiteren Drohungen erhalten. Mein Leben verläuft wieder normal, und ich bin zurück in meinem Alltag in Holland.

Frage: Rassismus, Korruption, Morddrohungen – was verträgt der Fußball noch alles?

Hiddink: Der Fußball hat sich definitiv verändert. Es fing an, als ich feststellte, dass Spieler mehr als Trainer verdienen. Heute ist das üblich, was ich für absolut falsch halte. Und dann diese komplette Kontrolle des Fußballs durch Kapital. All das wegen der schieren Größe, die der Fußball jetzt hat. Es zerreißt mir jedes Mal das Herz, wenn ich höre, wie Fans – die ich nicht Fans sondern Kriminelle nenne – Sportler rassistisch beschimpfen. Fußball ist für jeden da. Aber es gibt unter den vielen Leuten in dem Spiel, das weltweit das wichtigste und beliebteste ist, immer auch schlechte Elemente. Und diese Rassisten, Hooligans, Kriminellen und Verantwortungslosen gewinnt oder verändert man nicht mit freundlichen Slogans oder T-Shirts, die die Spieler vor Beginn des Spiels anderthalb Minuten lang tragen. So lange sie weiterhin alles so leicht tun können, werden sie weitermachen und damit langsam den Fußball zerstören. Wer den Fußball wirklich liebt, in Indien, Holland, Brasilien oder auf dem Mond, der wird ihn nicht zerstören wollen.

Frage: Ihre Karriere ist ungewöhnlich: Sie fingen als Trainer an, waren dann erst Spieler und wurden wieder Trainer.

Hiddink: Jeder fängt normalerweise als Spieler an und wird dann Trainer. Ich habe das Gegenteil gemacht, und das könnte ein Grund für ein vollständigeres Verständnis von Fußball sein. Als ich Assistenztrainer bei De Graafschap war, musste ich bei den Trainingseinheiten und den Trainingsspielen regelmäßig mitspielen. Und mein Cheftrainer entschied, als er mich ein paar gesehen hatte, dass ich das Potenzial hätte, etwas mehr als sein Assistent zu sein. Ich konnte schon vorher einen Ball schießen, hatte aber in meinen kühnsten Träumen nicht daran gedacht, dies professionell zu tun. Und in diesem Moment begann meine 16-jährige Karriere als Spieler.

Frage: Warum sind Sie heute so anders als andere Trainer?

Coach Hiddink: "Ich habe vor niemandem Angst"
Getty Images

Coach Hiddink: "Ich habe vor niemandem Angst"

Hiddink: Weil ich mich nicht der Macht beuge, sondern der Intelligenz. Weil ich Spieler und Trainer, Fans und Journalisten respektiere. Weil ich Fußball anders sehe und mich nicht davor fürchte, einen Spieler zu akzeptieren, der berühmter oder reicher ist als ich. Ich habe vor niemandem Angst, respektiere aber jeden. Weil Fifa, Uefa und alle Organisationen meiner Ansicht nach wichtig sind, es aber niemals mehr als das Spiel selbst und die Spieler sind oder sein sollen. Weil ich den Fußball nicht brauche, sondern will. Natürlich auch, weil ich an Menschen glaube, an die keiner glaubt, und weil ich dort, wo alle anderen ein Problem sehen, eine Herausforderung sehe. Weil ich den Spielern Vertrauen, Freiraum und ein Stück Verantwortung gebe. Weil ich den Geschmack einer bitteren Niederlage und den eines süßen Sieges kenne. Weil ich unabhängig bin und mich auch so verhalte, statt nur davon zu reden. Weil ich meinen Geist öffne, um täglich dazuzulernen. Und wenn ich den Kopf senken muss, dann tue ich das demütig.

Die Fragen stellte Ricardo Setyon

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.