Interview mit Hans Meyer "Fußball ist nur Mittel zum Zweck"

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Hans Meyer, Trainer von Zweitligist Borussia Mönchengladbach, über den Druck im Fußball-Business, und warum er nicht an eine mittelfristige Gesundung des Lieblingssports der Deutschen glaubt.

Von Andreas Kötter


In unserer Reihe "Vision Fußball" befragen wir Protagonisten der Fußball-Szene zur Zukunft der Branche. Nach Dortmunds Profi Otto Addo, TV-Reporter Marcel Reif, Schalkes Trainer Hubb Stevens und Werder Bremens Ex-Manager Willi Lemke folgt heute Mönchengladbachs Trainer Hans Meyer.

SPIEGEL ONLINE: Herr Meyer, momentan stehen Sie mit Mönchengladbach auf einem Aufstiegsplatz und zusätzlich noch im Halbfinale des DFB-Pokals. Im Laufe der Vorrunde musste sich Ihre Mannschaft kurzzeitig eher Richtung Regionalliga orientieren, und Sie hatten eine Menge Druck auszuhalten.

Hans Meyer: Es geht im Fußball nun mal ums Gewinnen und ums Verlieren, so einfach ist das. Und wenn man innerhalb von vierzehn Tagen drei Spiele verliert, dann gibt es bei einer ambitionierten Mannschaft automatisch und berechtigt Unruhe. Und auch Kritik am Trainer. Damit aber kann ich sehr gut umgehen. Kein Verständnis habe ich jedoch dafür, wenn nach einem Jahr solider Arbeit zwei Journalisten über ihre überaus populären Zeitungen eine Kampagne gegen mich starten und alles in Frage stellen. Das erschwert unnötig meine Tätigkeit, schließlich kann ich nicht ständig gegen Unterstellungen und Lügen angehen. Dieser Typus Journalist beschädigt das Image eines ganzen Berufsstandes. Dennoch habe ich kein Problem mit Stress oder Druck von außen, ganz einfach weil ich in meinem Alter keine Existenzangst mehr spüre. Druck mache ich mir höchstens selbst, weil mein Selbstverständnis besagt, dass mein Club gute Arbeit von mir erwarten darf.

Hans Meyer
DPA

Hans Meyer

SPIEGEL ONLINE: Wohin wird uns die, wie Ottmar Hitzfeld sie nennt, "Big Brotherisierung des Fußballs", noch führen?

Meyer: Fußball ist doch im Weltenlauf nur eine Bagatelle. Heute stimmen aber einfach die Relationen nicht mehr, der Fußball ist aus den Fugen geraten. Der Fußballsport ist nur noch Mittel zum Zweck und wir werden bisweilen zum reinen Dienstleister in Sachen Sensationsbeschaffung degradiert. Aber warum müssen wir uns gleich auch noch kollektiv korrumpieren lassen?

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ja, weil der Eigner des Deutschen Sport-Fernsehens, Leo Kirch, als Springer-Großaktionär auch Einfluss bei "Bild" hat. Gerade auch das DSF verklärt die 2. Liga. Glaubt man den Verantwortlichen, dann ist Ahlen gegen Mainz mindestens so sehenswert, wie Dortmund gegen Schalke.

Meyer: Dass die Medien verflochten sind, ist bekannt, und natürlich ist die Gefahr riesengroß, dass der Fußball immer mehr in eine Abhängigkeit gerät. Dennoch sehe ich die Vermarktung der 2. Liga unter dem Aspekt des Bekanntwerdens auch positiv: Die unglaublichen Zuschauerzahlen in den Stadien haben sicher eher mit der TV-Berichterstattung zu tun, als mit der fußballerischen Klasse.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als scheinen Sie nicht davon überzeugt, dass der deutsche Fußball wieder auf einem guten Weg ist.

Meyer: Nein, wie sollte das denn auch gehen? Bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr sind zwei Dinge aufeinander getroffen, die dieses Debakel ausgemacht haben. Zum ersten Mal haben wir einen wirklichen Mangel an Teamgeist, an Bereitschaft gezeigt. Damit waren wir einer wichtigen Stärke beraubt, zumal wir momentan auch nicht über genügend Kreativität verfügen. Dieser Umstand wird ja schon lange von vielen, von Günter Netzer, Franz Beckenbauer, Paul Breitner und anderen beklagt. Und bei aller Reputation: Auch ein Rudi Völler kann nicht einfach einen Schalter umlegen, und schon haben wir wieder Spieler, die kreativ und in der Lage sind, auf dem Platz ungewöhnliche Ideen zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Diese Fähigkeiten werden derzeit am ehesten noch bei Spielern wie Michael Ballack, Sebastian Deisler oder Mehmet Scholl vermutet.

Meyer: Nehmen wir zunächst Mehmet Scholl. Den Jungen sehe ich wirklich unheimlich gerne, und trotzdem fehlen ihm bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die er benötigt hätte, um sich im besten Fußballer-Alter, also mit 26 oder 27, wirklich vom Mittelmaß abgesetzt zu haben. Was damals nicht gekommen ist, wird auch heute, mit 30, nicht mehr kommen. Und wenn jetzt schon ganz Deutschland auf Ballack oder Deisler setzt, dann frage ich Sie: Was hat denn Deisler bis dato geleistet? Was wird sein, wenn sich diese Erwartungen an ihn nicht erfüllen?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Analyse stellt den deutschen Spielern in der Bundesliga ein schlechtes Zeugnis aus.

Meyer: Haben Sie mal richtig hingeschaut, mit wie viel Laufaufwand und durchaus einwandfreier Einstellung, aber eben auch mit vielen fußballerischen Mängeln sich unsere Jungen das Leben selbst schwer machen?! Ich könnte Ihnen dagegen aber auf Anhieb 30 Spieler nennen, die in der Nationalmannschaft nie den ganz großen Durchbruch geschafft haben, über die der deutsche Fußball aber heute glücklich wäre, wenn er sie zur Verfügung hatte: Spieler wie etwa Thomas Allofs, Uwe Bein oder Holger Fach.

SPIEGEL ONLINE: Fehlt diese Klasse einfach oder fehlen die, die Klasse ausbilden können?

Meyer: Ich behaupte, dass schon die Grundausbildung von ganz unten nicht mehr stimmt. Denn Fußball war nie so populär in Deutschland wie heute, zugegebenermaßen auch durch die ungeheure Medienpräsenz. Jeder Vater möchte doch, dass sein Junge ein toller Fußballer wird. Also kann mir auch keiner erzählen, es würde keinen Nachwuchs geben. Das Problem ist nicht der Mangel an interessiertem Nachwuchs. Wir haben hier ein methodisches Problem, ein Problem in der Trainerausbildung, was dann selbstverständlich auf die Ausbildung der Jugendlichen durchschlägt.

SPIEGEL ONLINE: Was muss besser werden?

Meyer: Der deutsche Fußball hat sich von dem entfernt, was Fußball eigentlich ausmacht, von Technik, Taktik und Spielfreude. Ich rege mich auf, wenn jemand sagt: "Ich fahre ins Lauftrainingslager." Wichtig ist doch nicht, dass die Jungs drei Stunden am Stück laufen können, sondern dass sie beispielsweise in der Lage sind, unter Müdigkeit einen Pass an den Mann zu bringen oder auch einen Zweikampf zu gewinnen. Ein Spiel wird nicht durch Grundlagenausdauer gewonnen, sondern durch Schnelligkeit, vor allem auch durch geistige Schnelligkeit.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie überhaupt noch Hoffnung für den deutschen Fußball?

Meyer: Der deutsche Fußball ist so populär, der ist zum Glück nicht tot zu bekommen. Wenn ich mir die momentane U 21 ansehe, dann sehe ich, dass da durchaus einige dabei sein könnten. Aber das ist die Ausnahme. Geht man weiter nach unten, zur U 18 oder zur U 16, dann bleibe ich dabei, dass wir Trainer hervorbringen, die den Jugendlichen mehr von Laktatwerten erzählen als vom Fußball. Wir müssen also wieder dahin kommen, dass schon ganz unten Fußball wirklich gespielt wird. Wollen wir nicht ständig über Qualität und Zukunft des deutschen Fußballs diskutieren, dann müssen wir bei der Ausbildung der Ausbilder ansetzen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie?

Meyer: Das Spiel ist die wichtigste Trainingseinheit überhaupt. Nehmen wir mal an, dass Woche für Woche im deutschen Nachwuchsbereich die Summe X an Partien ausgetragen werden. Wenn nun der DFB anordnen würde, dass keine Mannschaft mehr mit einem Libero als bloßem Ausputzer spielt, sondern den Libero vor die Abwehr stellt, dann hätte ich jede Woche die doppelte Summe X an Liberos, von denen automatisch mehr Spielintelligenz gefordert würde. Gleichzeitig würde ich die Abwehrspieler dazu zwingen, ein ganz anderes Abwehrverhalten zu entwickeln. Sie müssten weg von ihrem Mann, könnten ihm nicht mehr bis aufs Scheißhaus folgen, sie müssten selbst Initiative ergreifen. Wenn der DFB darüber hinaus festlegen würde, dass mit drei statt mit zwei Stürmern gespielt werden muss, dann wären das jede Woche eine weitere doppelte Summe X Spieler, die ihre Kreativität entwickeln könnten.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass solche Gedanken auf fruchtbaren Boden fallen?

Meyer: Berti Vogts hat schon 1994, nach der missratenen WM in den USA, ähnliche Gedanken geäußert - passiert ist aber nichts. Zwar wird viel über organisatorische Details gesprochen, über Einrichtung von Internaten und so weiter, und das ist auch gut so, aber dennoch vermisse ich die Diskussion um die Methodik. Viel wurde natürlich auch zugedeckt durch den Gewinn der EM 1996. Hätte man aber 1994 solche Überlegungen in die Tat umgesetzt, dann würden Bundesligatrainer heute nicht beklagen, dass sie mit dem vorhandenen deutschen Spielermaterial kein kreatives, offensives Spiel aufziehen können und deshalb auf ausländische Spieler zurückgreifen müssen.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.