Interview mit Huub Stevens "Der Verein ist alles"

"Herbstmeister" Schalke 04 ist die Überraschungsmannschaft der Saison. In Teil drei der SPIEGEL-ONLINE-Reihe "Vision Fußball" spricht der Gelsenkirchener Coach Huub Stevens über die Ohnmacht der Trainer und prophezeit, dass der Fußball künftig noch schneller und athletischer werden wird.

Von Andreas Kötter


In unserer Reihe "Vision Fußball" stellen wir Protagonisten des Fußball-Geschäfts die Frage nach der Zukunft. Nach Interviews mit dem Dortmunder Fußball-Profi Otto Addo, dem TV-Reporter Marcel Reif und dem Schalker Trainer Huub Stevens folgen Gespräche mit Werner Hackmann, dem Vorstandsvorsitzenden des Hamburger SV und des neu gegründeten DFB-Liga-Verbands, und Dieter Hoeneß, dem Manager von Hertha BSC Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stevens, welchen Stellenwert hat für Sie die Herbstmeisterschaft?

Huub Stevens: Die Herbstmeisterschaft mit Schalke ist eine Premiere für mich, also freut mich das besonders. Aber eigentlich haben wir noch gar nichts erreicht. Wir stehen zwar momentan oben, aber die Abstände zwischen den ersten sechs, sieben Teams sind in dieser Saison sehr gering.

SPIEGEL ONLINE: Schalke ist wohl auch deshalb Herbstmeister geworden, weil Sie Stars wie Andreas Möller oder Emile Mpenza in die Mannschaft einbinden konnten. Sie mussten schon als 17-Jähriger die Familie ernähren. Führen solche Erfahrungen dazu, dass man störrischen Fußballmillionären schon mal in den Hintern treten möchte?

Emile Mpenza: Fußball-Millionär
DPA

Emile Mpenza: Fußball-Millionär

Stevens: Der frühe Tod meines Vaters hat mich sicherlich geprägt. Vielleicht hätte ich mich auch in eine andere Richtung entwickelt, wenn ich diesen Verlust nicht erfahren hätte. So aber habe ich früh gelernt, Dinge zu entbehren und mir alles hart erarbeiten zu müssen. Dass das heute bei vielen jungen Fußballern nicht der Fall ist, kann und will ich ihnen aber nicht vorhalten. Sie sind Kinder dieser Zeit, und da hat man ganz andere Möglichkeiten als zu meiner Jugend.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie genau?

Stevens: Wenn ich nur daran denke, wann ich das erste eigene Telefon besessen habe. Heute hat beinahe jedes Kind ein Handy. Trotz dieser Möglichkeiten aber glaube ich, dass meine Generation in vielerlei Hinsicht freier war. Heute können die Kindern nicht mehr unbekümmert auf der Straße Fußball spielen: Autoverkehr, Kriminalität, Drogen - alles Probleme dieser Zeit - verhindern das. Deshalb liegt mir nichts daran, den Profis, vor allem nicht den jungen, in den Hintern zu treten. Vielmehr möchte ich Ihnen helfen, mit all dem klarzukommen, was auf sie einstürzt.

SPIEGEL ONLINE: Nicht überall wird dieses Verständnis erwidert. In Stuttgart bezeichnet Krassimir Balakow seinen Trainer als "Arschloch", und Ralf Rangnick kann nichts dagegen tun. Fühlen Sie bisweilen auch diese Ohnmacht gegenüber Ihren Spielern?

Stevens: Sicherlich. Schon alleine die Tatsache, dass man mit dem Spielermaterial arbeiten muss, das der finanzielle Rahmen des Vereins vorgibt, bedeutet eine gewisse Ohnmacht. Als ich hier angefangen habe, war eine der Vorgaben, die Mannschaft Schritt für Schritt zu verjüngen. So etwas braucht aber Zeit. Nur hat man leider in der Bundesliga diese Zeit nicht. Natürlich hat auch das Bosman-Urteil dazu beigetragen, dass sich das Gleichgewicht zwischen Trainer und Spieler zu Gunsten des Spielers verschoben hat. Meine Aufgabe ist es, den Spielern klarzumachen, dass der Einzelne nichts, der Verein aber alles ist. Das muss verstanden werden, das ist das Wichtigste.

SPIEGEL ONLINE: Kann oder besser darf ein Trainer der Freund der Spieler sein?

Stevens: Freund, was heißt schon Freund? Lassen Sie es mich so sagen. Wir sind gute Kollegen. Ich fühle mich innerhalb der Truppe sehr wohl, wir scherzen zusammen, wir gewinnen zusammen, und wir verlieren auch zusammen. Trotzdem bleibt ein gewisser Abstand immer, denn als Trainer stehe ich letztendlich in der Verantwortung. Die Spieler müssen wissen: bis hierhin und nicht weiter.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich der Trainerberuf in den letzten Jahren verändert?

Stevens: Die gravierendste Veränderung liegt zweifelsohne im ständig zunehmenden Einfluss der Medien. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, und derjenige, der nicht willens oder in der Lage ist, den Wünschen der Medien und natürlich auch der Sponsoren nachzukommen, wird zwangsläufig scheitern. Trotzdem ist und bleibt es wichtiger, den Spielern ein gutes, Erfolg versprechendes Training anzubieten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie den Trainer der Zukunft, vielleicht so, wie ihn Berti Vogts nun interpretiert, also mit einem ganzen Stab an Fachleuten?

Stevens: Das ist durchaus eine Möglichkeit. Aber auch diese Variante, wie Vogts sie in Leverkusen jetzt durchgesetzt hat, hängt nicht zuletzt von den finanziellen Möglichkeiten eines Vereins ab. Letztendlich ist es aber egal, ob ich nur einen Co-Trainer habe oder gleich fünf. Viel wichtiger ist, dass ein Trainer die Zukunft des Vereines so plant, dass der auch gut weiter existieren kann, wenn der Trainer selbst nicht mehr dort ist. Wer nach dem Prinzip "Nach mir die Sintflut" arbeitet, kann kein guter Trainer sein.

SPIEGEL ONLINE: Vogts und Dortmunds Torwart Jens Lehmann sagen, Sie seien "der beste Trainer der Liga". Wann ist ein Trainer gut? Lässt sich das nur an Punkten und Tabellenplatz festmachen?

Halten zusammen: Rudi Assauer (r.) und Huub Stevens
AP

Halten zusammen: Rudi Assauer (r.) und Huub Stevens

Stevens: Nein, bestimmt nicht. Ein Trainer, der bei einem kleineren Verein ist, der nur begrenzte finanzielle Möglichkeiten hat, arbeitet vielleicht in diesem Rahmen viel besser als einer, der bei einem Top-Club ist und dem jeder Wunsch erfüllt wird. Grundvoraussetzung ist, dass man das, was man macht, mit ganzem Herzen tut. Ich denke bei allem, was ich hier tue, zuerst an den FC Schalke 04. Kein Außenstehender kann sich anmaßen, meine Arbeit nur nach dem Punktekonto zu beurteilen. Woher wollen die Leute denn auch wissen, wie ich in der Kabine mit den Spielern umgehe, welche Übungen ich ihnen anbiete? Und wer weiß denn schon, dass ich morgens um halb acht hier ankomme und in meiner Kabine bin. Vielleicht Rudi Assauer, unser Manager, und selbst der weiß nicht alles.

SPIEGEL ONLINE: Nicht immer hat man Sie hier für einen guten Trainer gehalten. Noch vor kurzem wurde darauf gewettet, dass Sie der erste Bundesliga-Coach sind, der diese Saison gefeuert wird.

Stevens: Der Manager und ich haben die Situation damals in aller Ruhe und Harmonie besprochen. Ein Ergebnis dieser Besprechungen war, dass ich beschlossen habe, nicht mehr alle Kritik von den Spielern fernzuhalten und mich stets schützend vor sie zu stellen. Auch die Spieler müssen ihren Teil der Verantwortung jetzt tragen. Das heißt aber nicht, dass ich meine Spieler nun in der Öffentlichkeit kritisieren würde. Sicher, es kracht auch schon mal, das bleibt dann aber intern.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer ist Ihnen gefallen, etwa in der Trainingsfrage Ihre Meinung zu ändern, einen Reha-Trainer hinzuziehen und Verantwortung abzugeben?

Stevens: Wissen Sie, das ist auch so eine Geschichte. Solche Äußerungen kommen aus einer ganz bestimmten Ecke, die nicht erst seit gestern Stimmung gegen mich macht. Einen Reha-Trainer zu verpflichten war mein Wunsch vom ersten Tag an auf Schalke. Damals aber war das aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Es geht eben nur Schritt für Schritt. Was glauben Sie, was für Ideen ich noch habe, die aber jetzt noch nicht in die Tat umgesetzt werden können. Es geht doch um die Möglichkeiten des Vereins. Darum reden der Manager und ich auch jeden Tag aufs Neue miteinander, um herauszufinden, was realisierbar ist und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Erfolg könne man nicht kaufen. Andererseits aber hat Schalke in den vergangenen Jahren mehr als 40 Millionen Mark investiert und damit Erfolg. Wo liegt die Grenze für ein solches Risiko?

Geld schießt doch Tore: Emile Mpenza (l.) beglückwünscht Ebbe Sand
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Geld schießt doch Tore: Emile Mpenza (l.) beglückwünscht Ebbe Sand

Stevens: Von Risiko kann doch gar keine Rede sein. Unsere Spielereinkäufe entsprechen bis aufs i-Tüpfelchen meiner Maxime, dass alles, was ich tue, auch zum Wohle des Vereins geschieht und Bestand hat. Wir brauchten einen Mittelstürmer, weil die aber, die in Deutschland auf dem Markt waren, für uns nicht zu bezahlen waren, haben wir uns im Ausland umgesehen und sind auf Ebbe Sand gestoßen. Ein Mann mit seinen Qualitäten hätte hier dreimal so viel gekostet wie die 15 Millionen Mark, die wir bezahlt haben. Würden wir Sand heute verkaufen, würde er uns mindestens das Doppelte des Kaufpreises einbringen. Also habe ich mit seiner Verpflichtung vorausschauend gehandelt und nicht nur auf meinen momentanen Wunsch nach einem Stürmer geachtet. Aber natürlich verkaufen wir Ebbe nicht ...

SPIEGEL ONLINE: ... weil Sie Meister werden wollen.

Stevens: Natürlich möchte ich mit Schalke Meister werden, aber das wollen andere Trainer mit ihren Clubs auch. Wenn bei uns drei, vier Stammkräfte ausfallen, dann bekommen wir Probleme, denn wir haben nicht die Qualität, das aufzufangen. Unser Ziel kann also nur lauten, sich für das internationale Geschäft zu qualifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Es wird heute sehr viel von Taktik gesprochen. Auch Sie haben von einer Vierer- auf eine Dreierkette umgestellt. Wie wichtig ist Taktik?

Stevens: Worum es geht ist Organisation, bei Ballbesitz und bei Ballverlust. Diese Organisation zu gewährleisten wird immer schwieriger, weil das Spiel immer schneller wird. Und ich bin überzeugt, dass der Fußball in Zukunft noch zulegt, noch einmal schneller und athletischer wird. Die Frage wird sein, ob die Technik der Spieler dann noch mit ihrer Schnelligkeit mithalten kann. Diese ständig zunehmende Schnelligkeit wird dann meiner Meinung nach auch bedingen, dass man zwei Schiedsrichter und vielleicht sogar elektronische Beweismittel einsetzen wird.



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