Interview mit Jörg Böhme "Hoffentlich wird Schalke Meister"

Ex-Nationalspieler Jörg Böhme wechselte nach der Bundesliga-Hinserie von Schalke 04 nach Mönchengladbach und spielt dort jetzt gegen den Abstieg. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 31-Jährige über den umstrittenen Borussen-Coach Dick Advocaat, seine WM-Ambitionen und den Meisterschaftskampf.


Böhme (r.) auf Schalke: "Hätte mich nicht als Meister gefühlt"
DDP

Böhme (r.) auf Schalke: "Hätte mich nicht als Meister gefühlt"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Böhme, haben Sie Ihren Wechsel von Schalke nach Gladbach schon bereut?

Böhme: Inwiefern?

SPIEGEL ONLINE: Gladbach befindet sich im Abstiegskampf, während Schalke um die Meisterschaft spielt.

Böhme: Wenn ich in Schalke die ganze Saison auf der Bank gesessen hätte oder nur kurz zum Einsatz gekommen wäre, hätte ich mich doch nicht als Meister gefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also, dass sich Schalke diesmal - anders als 2001 - im Meisterschaftsduell gegen die Bayern durchsetzt?

Böhme: Das hoffe ich doch. Die Voraussetzungen sind besser als damals. Mit Ausnahme vom Alt-Internationalen Andreas Möller hatten wir doch nur Spieler in der Mannschaft, von denen alle geglaubt hätten, dass es gegen den Abstieg geht. Mit den aktuellen Spielern, mit diesen Charakteren wird es Schalke dieses Jahr schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Würde Sie das schmerzen? Sie hätten doch gerne ihre Karriere auf Schalke beendet.

Seltenes Erfolgserlebnis in Gladbach: "Wir sind ein Abstiegskandidat"
DPA

Seltenes Erfolgserlebnis in Gladbach: "Wir sind ein Abstiegskandidat"

Böhme: Die Aussage habe ich gemacht, als ich dort unangefochten Stammspieler war. Dann aber hatte ich ein paar Probleme auf Schalke. Mit dem Schritt nach Gladbach habe ich alles richtig gemacht; denn ich habe mir dort einen Stammplatz erkämpft, was bei all den etablierten Spielern und den vielen Neuzugängen gar nicht so einfach war. Die Tabellensituation war mir ja bekannt: Gladbach hatte nach der Hinrunde nur drei Punkte Abstand zu den Abstiegsrängen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es, in eine Mannschaft zu kommen, die mitten in der Saison in großen Teilen neu aufgebaut wird?

Böhme: Wenn man in der Winterpause sechs, sieben neue Spieler holt, kann das nicht von heute auf morgen funktionieren. Manager Christian Hochstätter und Trainer Dick Advocaat haben das selbst so realistisch eingeschätzt. Das Ziel war, mit Hilfe der Neuzugänge die Klasse zu halten. Mit der einen oder anderen Verstärkung können wir in der kommenden Saison von anderen Zielen sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Der neue Trainer steht aber jetzt bereits in der Schusslinie.

Böhme: Ach, wissen Sie, das ganze Umfeld hier ist doch ein bisschen ungerecht. Ich habe in den vergangenen vier Jahren eigentlich immer um die oberen Plätze gespielt, Mönchengladbach habe ich dort aber nie gesehen. Die Borussia ist über den elften Platz nicht hinaus gekommen. Hier herrscht bei manchen Leuten ein unrealistisches Anspruchsdenken. Seit 1995 hat Gladbach keinen Titel mehr geholt. Damals war das der Pokalsieg, noch mit Effenberg, Wynhoff und Pflipsen. Und jetzt wird Stimmung gemacht und über den Trainer und manche Spieler hergezogen, nur weil es gegen Wolfsburg zur Halbzeit noch nicht 3:0 steht. Über den Trainer zu diskutieren, finde ich müßig. Advocaat ist ein absoluter Fachmann, der hat Vereine trainiert, von denen können einige unserer Spieler nur träumen. Zuletzt war er Trainer der niederländischen Nationalelf. Das will schon etwas heißen. Mir tut es weh, wenn sich so ein Mann gegenüber Leuten rechtfertigen muss, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Unsere Pflicht als Mannschaft ist es, den Trainer endlich aus der Schusslinie zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Glaubt man Ihren jüngsten Äußerungen und denen des Trainers ist der Abstieg überhaupt kein Thema. Was macht Sie so sicher, dass Gladbach nicht noch weiter abrutscht?

Böhme: Soll ich jetzt sagen: Wir verlieren gegen Bochum und haben nur noch drei Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze? Wir haben als Polster sechs Zähler Vorsprung auf den VfL. Der kommt als 16. zu uns und muss also was tun. Mit dem Gladbacher Publikum im Rücken denke ich gar nicht über eine Niederlage nach. Das Spiel ist brisant genug. Da will ich nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Die Bochumer haben ja einen Trainer, der überall seine Meinung dazu kundtut.

SPIEGEL ONLINE: Anders als Peter Neururer redet Advocaat dagegen nicht nur mit den Journalisten wenig, sondern auch mit den Spielern. Wie kommen Sie mit dem autoritären Stil des Trainers zurecht?

Böhme: Huub Stevens war doch genauso. Der hieß auf Schalke der "Knurrer aus Kerkrade". Jeder hat mir vorher gesagt: Mit dem bekommst du Probleme. Aber zu Stevens habe ich heute noch ein Superverhältnis, wir telefonieren regelmäßig. Auch mit Advocaat habe ich bislang keine Reibungspunkte. Wir haben dieselbe Philosophie vom Fußball: offensiv und attraktiv spielen. Man darf nicht vergessen, dass wir ein Abstiegskandidat sind und trotzdem teilweise mit drei Angreifern spielen. Welcher Verein macht das schon, außer vielleicht Bochum am vergangenen Spieltag?

SPIEGEL ONLINE: Was Ihnen in der Hinrunde bei Schalke unter Trainer Ralf Rangnick widerfahren ist, verspüren jetzt aber einige altgediente Gladbach-Profis: Sie spielen keine Rolle mehr. Ist das in der jetzigen Situation nicht gefährlich?

Böhme: Es geht doch letztlich um den Arbeitsplatz eines jeden einzelnen. Man sieht doch, wie schwierig es geworden ist, einen Verein zu finden. Klar ist der eine oder andere sauer, dass er nicht spielt. Aber so muss es auch sein. Das belebt den Konkurrenzkampf im Training.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Menschenführung Advocaats denn noch zeitgemäß?

Böhme: Ich bin jetzt 12, 13 Jahren im Profifußball dabei und habe ungefähr 13 Trainer gehabt. Da war keiner dabei, der täglich mit den Spielern gesprochen hat. Na ja, vielleicht einer: Charly Körbel. Aber der wurde in Frankfurt schon nach sechs Monaten entlassen. Was sollte Advocaat denn mit den Spielern alles bereden? Wenn einer Probleme hat und Hilfe braucht, kann er zu ihm kommen. Das hat der Trainer klipp und klar vor versammelter Mannschaft angeboten. Jeder ist doch für sich selbst verantwortlich. Wer gut trainiert, bekommt über kurz oder lang wieder seine Chance. Bernd Korzynietz ist das beste Beispiel dafür.

SPIEGEL ONLINE: Von Ihnen sieht man auf dem Platz nur noch selten spektakuläre Aktionen, weil Sie mehr für die Defensive arbeiten müssen. Werden Sie dadurch nicht Ihrer Stärken beraubt?

Nationalspieler Böhme (2002): "Verein hat Vorrang"
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Nationalspieler Böhme (2002): "Verein hat Vorrang"

Böhme: Das würde ich nicht sagen. Ich habe jetzt viel mehr Ballkontakte als früher auf der Außenbahn. Letztlich entscheidet aber sowieso der Trainer. Der sieht uns jeden Tag und kann einschätzen, wo er einen Spieler am besten einsetzen kann, damit er der Mannschaft weiterhilft. Bei mir ist das eben die Halbposition in der Mittelfeldraute. Aber schon auf Schalke habe ich gesagt: Ich gehe auch ins Tor, die Hauptsache ist, dass ich spiele.

SPIEGEL ONLINE: Für die Nationalmannschaft haben Sie sich so noch nicht wieder empfehlen können. Ist die WM-Teilnahme noch ein Thema für Sie?

Böhme: Jürgen Klinsmann probiert ja eine Menge aus und hat schon ungefähr 30 Spieler getestet. Für mich hat Vorrang, dass ich mich im Verein durchsetze und wir mit Gladbach unsere Ziele erreichen. Ob ich jetzt durch die eine oder andere Aktion besonders auffalle, ist mir eigentlich egal.

Das Interview führte Till Schwertfeger



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