Interview mit Johan Micoud "Der Vergleich mit Zidane irritiert mich"

Seit Johan Micoud vom SV Werder Bremen verpflichtet worden ist, spielen die Hanseaten begeisternden Fußball wie lange nicht mehr. Vor dem Verfolger-Duell gegen Dortmund spricht der 29-jährige Franzose im Interview mit SPIEGEL ONLINE über seinen neuen Verein, den Stellenwert der Bundesliga in Frankreich und den lästigen Vergleich mit Zinedine Zidane.

SPIEGEL ONLINE: Monsieur Micoud, was wussten Sie über Ihren neuen Arbeitgeber, bevor Sie nach Bremen gingen?

Johan Micoud: Bremen kannte ich überhaupt nicht. In Frankreich genießt die Bundesliga leider keinen sehr hohen Stellenwert und taucht überhaupt nicht in den Medien auf. Man kennt natürlich Bayern München, aber grundsätzlich erregt die Serie A, die Premier League und die spanische Primera Division wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Ich verstehe nicht warum, aber es ist so.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht, weil die spielerische Klasse dort besser ist?

Micoud: Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Schließlich stand ja Leverkusen letztes Jahr im Finale der Champions League und Deutschland wurde diesen Sommer Vizeweltmeister.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch deshalb nach Bremen gegangen?

Micoud: Klaus Allofs, der ja gut Französisch spricht, war mein erster Ansprechpartner im Verein.Er hat mich davon überzeugt, in Bremen eine neue Herausforderung zu suchen.

SPIEGEL ONLINE: Der Verein hat sich in den letzten Jahren sportlich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ist das gerade die Herausforderung, die Sie suchen?

Micoud: Bremen hat eine große Vergangenheit und inzwischen auch wieder eine junge, gute Mannschaft. Jetzt muss man uns ein bisschen Zeit geben, um uns zu entwickeln und das Team noch weiter voranzubringen. Ich bin mir sicher, dass wir hier bald wieder an alte erfolgreiche Zeiten anknüpfen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Ziele mit der Mannschaft, was wollen Sie in Bremen erreichen?

Micoud: Zunächst ist es natürlich unser Ziel, einen Uefa-Cup-Platz zu erreichen, aber warum sollten wir, wenn es so weit ist, nicht höheren Zielen entgegenstreben? Es steckt einiges an Potenzial in der Mannschaft. Mittlerweile haben wir es schon bis auf den dritten Tabellenplatz geschafft. Nun spielen wir in der Bundesliga gegen Dortmund und dann gegen Bayern. Jetzt müssen wir beweisen, dass wir eine große Mannschaft sind, die auch längerfristig erfolgreich spielen kann.

SPIEGEL ONLINE: In Bremen hat man Ihnen bereits das Prädikat "Weser-Zidane" verliehen. Wie gehen Sie damit um?

Micoud: Zinedine Zidane ist einmalig, meiner Ansicht nach der beste Fußballer der Welt. Man vergleicht mich doch nur mit ihm, weil wir auf der gleichen Position spielen und wir beide Franzosen sind. Die Vergleiche ehren mich, aber irritieren mich auch. Micoud ist Micoud und spielt in Bremen, nicht bei Real Madrid.

SPIEGEL ONLINE: Könnte die mangelnde Aufmerksamkeit, die ein Verein wie Bremen in Frankreich erfährt, für Sie zum Problem werden, wenn Sie sich weiterhin für französische Nationalmannschaft empfehlen wollen?

Micoud: Ich hoffe, dass unser Nationaltrainer Jacques Santini nicht nur in die Zeitungen guckt, um zu sehen, dass ich gut gespielt habe, sondern dass er auch nach Bremen kommt, um mich spielen zu sehen und mit mir in Kontakt zu treten. Im Moment läuft es gut für mich.

SPIEGEL ONLINE: Warum lief es in Parma nicht so gut? Sie saßen dort ja insgesamt drei Monate nur auf der Bank.

Micoud: Ich hatte dort leider zu einigen Leuten ein kompliziertes Verhältnis. Wissen Sie, wenn man sich nicht mehr mit den Club-Verantwortlichen versteht und ständig nur noch Konflikte austrägt, dann zieht man es doch lieber vor, den Club zu verlassen, und sucht sich einen neuen Verein, in dem man sich wohl fühlt.Den habe ich jetzt mit Bremen gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Ursprünglich wollten Sie nach Liverpool wechseln. Warum hat das nicht geklappt?

Micoud: Es gab zwar Kontakte nach Liverpool, aber mir wurde dort ständig zu- und anschließend wieder abgesagt. Am Schluss wollten mich alle haben außer Gerard Houiller, dem französischen Trainer. Nachdem er mich lange hat zappeln lassen, hat er sich schließlich gegen mich entschieden. Mit Werder hatte ich von Beginn an einen viel besseren Kontakt, die Verantwortlichen sind auf mich zugekommen und waren sehr an mirinteressiert. So habe ich Liverpool schnell wieder aus dem Gedächtnis gestrichen.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich wohl in Bremen?

Micoud: Ja, sehr. Die Stadt ist sehr schön und vor allem sehr grün, das kommt mir sehr gelegen. Meine Familie fühlt sich hier sehr wohl. Ich hoffe, dass das anhält.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin sind Sie in Cannes an der Côte d'Azur geboren und spielen nun in einer Stadt, in der es viel regnet und der Himmel meistens grau ist.

Micoud: Wissen Sie, daran habe ich mich schon gewöhnt, als ich noch für Bordeaux gespielt habe. Da war das Wetter auch nicht immer gerade schön und es hat oft geregnet. In Parma hat es sogar zweimal geschneit. Wenn ich Sonne sehen will, fahre ich halt in die Ferien.

SPIEGEL ONLINE: Lernen Sie Deutsch?

Micoud: Ja, ich nehme regelmäßig Deutsch-Unterricht. Das ist nicht gerade einfach für mich, schließlich sprach ich kein Wort, bevor ich nach Bremen kam. Meistens unterhalte ich mich aber noch englisch mit den anderen Spielern. Zum Glück sprechen auch einige französisch.

SPIEGEL ONLINE: Am Samstag steht das Heimspiel gegen den amtierenden deutschen Meister Borussia Dortmund an. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Micoud: Wir werden alles versuchen, um gegen Dortmund zu gewinnen. Der BVB ist natürlich eine der besten Mannschaften der Liga. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder so viele Tore wie gegen Hannover kassieren.Das Interview führte Philip Kuhn

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