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18. November 2004, 12:56 Uhr

Interview mit Jürgen Klinsmann

"Ein Riesenspaß"

Viel zu meckern hatte Jürgen Klinsmann nach dem Sieg gegen Kamerun nicht. Warum sollte er auch? Sein Team war stets überlegen, die Leistung insgesamt sehr ordentlich. Nur eines störte den Bundestrainer - die Pfiffe des Leipziger Publikums gegen den Kahn-Vertreter Jens Lehmann.

Bundestrainer Klinsmann: "Wir glauben, dass da eine Einheit heranwächst"
AP

Bundestrainer Klinsmann: "Wir glauben, dass da eine Einheit heranwächst"

Frage:

Herr Klinsmann, wie fällt Ihr Fazit nach dem 3:0 gegen Kamerun aus?

Klinsmann: Das Fazit fällt sehr, sehr positiv aus. Die Art und Weise, wie die Mannschaft gespielt hat, wie sie Dinge umgesetzt hat, die wir besprochen haben, war toll. Ich bin dermaßen begeistert von der Mannschaft und stolz, dass ich mit ihr arbeiten darf. Jeder Spieler freut sich, dabei zu sein.

Frage: Zunächst haben allerdings die Tore gefehlt.

Klinsmann: Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir unsere Tore machen. Wir waren schon sehr angetan von der ersten Hälfte. Wir haben fast alle Zweikämpfe gewonnen und haben das Spiel nach vorne verlagert. Trotzdem haben wir zur Pause gesagt, dass wir noch einen Schub höher fahren müssen. Das hat geklappt und wurde auch vom Publikum honoriert. Die zweite Halbzeit war ein Riesenspaß.

Frage: Können Sie sich die Pfiffe gegen Torwart Jens Lehmann erklären?

Klinsmann: Das war für uns unverständlich. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Jens hat eine einwandfreie und fehlerfreie Partie gespielt. Auch die Torhütersituation entwickelt sich ganz positiv. Wir haben zwei Keeper, die Respekt voreinander haben, die können auch im Umgang miteinander. Sie haben diesen Konkurrenzkampf bis 2006 angenommen.

Frage: Wie erklären Sie sich die gute Quote ihrer Stürmer?

Klinsmann: Wir arbeiten Schritt für Schritt an einem Spielsystem, das offensiv ausgerichtet ist. Das setzt sich in den Köpfen fest. Wichtig ist auch, dass die Mannschaft als Einheit auftritt. Dann ergeben sich auch Tore. Die Stürmer haben außerdem einen guten Lauf in der Bundesliga. Sie wissen auch, dass sie bei der Nationalmannschaft Trainer an der Seite haben, die versuchen, ihnen permanent Selbstvertrauen zu geben. Außerdem wissen sie, dass es nie ein Problem ist, wenn sie ein Ding versieben. Denn ihr Trainer hat viel mehr Chancen versiebt.

Frage: Miroslav Klose hatte vor seinen beiden Toren gegen Kamerun in der DFB-Auswahl seit Februar nicht mehr getroffen. Wie sehen Sie seine Leistung?

Klinsmann: Die war absolut top. Es ist wichtig, dass sich die Spieler in jedem Mannschaftsteil so entwickeln, dass sie an sich glauben. Dass sie wissen, dass sie ein ganz wichtiger Bestandteil in Richtung 2006 sind. Wir versuchen bis dahin einen Kader zzusammenzusetzen, der sich überall ergänzt. Jeder passt in das Gesamtbild hinein. Es ist wichtig, dass Leute, die einmal nicht so zum Zug kommen, in die Bresche springen. Dies ist Miro geglückt.

Frage: Ist die Mannschaft weiter als gedacht?

Klinsmann: Sie ist schon weiter. Es steckt schon immer ein kleines Fragezeichen dahinter, wenn man junge Spieler reinbringt. Sind sie selbstbewusst genug, um mit so einer Situation umzugehen? Da bin ich schon angetan, wie das beispielsweise ein Per Mertesacker umgesetzt hat. Generell spüren die jungen Spieler, dass sie Fehler machen dürfen. Aber die machen sie im Moment nicht einmal.

Frage: Wie sehen Sie die Perspektive der Mannschaft?

Klinsmann: Wir glauben, dass da eine Einheit heranwächst. Die Mannschaft entwickelt eine Mentalität der Stärke. Wir reden nicht von Schwächen. Wir gehen die Dinge selbstbewusst an. Es wird auch Rückschläge geben. Aber mit solchen Erfolgserlebnissen wie gegen Kamerun stärkt man die Gemeinschaft. Es stärkt die Überzeugung, das Projekt in Richtung 2006 voranzutreiben.

Frage: Warum haben Sie auf der rechten Abwehrseite Bernd Schneider den Vorzug vor Moritz Volz gegeben?

Klinsmann: Wir haben uns gedacht, dass Bernd eine erfahrene Anbindung an Per Mertesacker ist. Und außerdem eine wichtige Komponente für Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld. Er hat den Basti geführt, dass der die Freiräume nach vorne hat. Ich habe mit Moritz über die Gründe gesprochen. Er wird noch seine Chance bekommen.

Aufgezeichnet von Thomas Niklaus, sid

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