Interview mit Kahn "Geht nach vorne"

Nach dem Sieg im WM-Achtelfinale gegen Paraguay glaubt Kapitän Oliver Kahn mehr denn je an die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Das Team sei sogar ein Kandidat für das Endspiel, sagt der weltbeste Keeper.


Oliver Kahn: "Wir können jetzt auch bis ins Finale durchlaufen"
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Oliver Kahn: "Wir können jetzt auch bis ins Finale durchlaufen"

Herr Kahn, bei vielen deutschen WM-Erfolgen waren die Achtelfinalspiele zähe Partien, die mit Hängen und Würgen gewonnen wurden. Ist der Sieg gegen Paraguay deshalb ein gutes Omen?

Oliver Kahn: Man muss die ganze Atmosphäre bei diesem Spiel sehen. Man hatte nie das Gefühl, dass das hier ein Weltmeisterschaftsspiel ist. Das Stadion war nur halb voll, man ist hier in einem Urlaubsort. Das ist mental ganz schwierig. Man kommt in so ein Fahrwasser hinein - nichts läuft. Aber in der Halbzeit haben wir uns gesagt, jetzt spielen wir mal Fußball. Jetzt lassen wir den Ball laufen und hauen die Kugel nicht nur immer kreuz und quer über den Platz.

Am Ende hatte die deutsche Elf auch mehr Kraft, oder?

Kahn: Wir hatten einfach diese zehn Prozent mehr, weil Paraguay einen Tag weniger Erholung hatte. Ich habe in der letzten Viertelstunde immer gebrüllt: Geht nach vorne, geht nach vorne, die sind kaputt, die sind platt, wir können das noch in der regulären Spielzeit schaffen.

Was ist jetzt noch möglich bei dieser WM?

Kahn: Jetzt ist sehr viel möglich. Jetzt kommen wir gegen Mexiko oder die USA, warum sollen wir uns da nicht durchsetzen? Wir können jetzt auch bis ins Finale durchlaufen. Ich rede das nicht nur so in den Wind. Ich bin davon überzeugt, dass man mit dieser Mannschaft auch ins Finale kommen kann.

Braucht die Mannschaft jetzt einmal ein, zwei freie Tage?

Kahn: Ja, sicher. Wir haben jetzt fast eine Woche Pause, da kann man voll regenerieren. Aber es wäre ein Fehler zu glauben, es ist ein bisserl was erreicht. Gar nichts ist erreicht. Jetzt haben wir eine Riesenmöglichkeit, die wollen wir beim Schopf packen.

Gegen Kamerun hatte es nach der Pause mit der Viererkette gut geklappt, jetzt mit der Dreierkette. Wie ist das zu erklären?

Kahn: Es ist immer anders. Da sieht man auch, dass ein System im Fußball auch abhängig vom Gegner ist. Man muss immer flexibel sein. Entscheidend ist die Mentalität der Spieler, der Charakter, der Wille bei einer Weltmeisterschaft.

Sie haben in vier Spielen erst ein Tor kassiert. Ist die Abwehrleistung die Basis für den Erfolg bei der WM?

Kahn: Ja, aber ich muss auch ein Kompliment an die Mannschaft aussprechen. Wir stehen ganz gut. Wir arbeiten gut im Mittelfeld. Die Defensivspieler machen relativ wenig Fehler. Jeder arbeitet am Mann optimal.

Was fehlt noch zum ganz großen Wurf?

Kahn: Wir müssen natürlich noch mehr Fußball spielen und kombinieren, noch kälter die Chancen verwerten. Man muss sich immer ein bisschen verbessern, weil die Gegner jetzt auch immer besser werden und immer weniger Fehler verzeihen.

Letzte Frage, Herr Kahn. Wie war das beim Freistoß von Paraguays Torwart Jose Luis Chilavert eine Viertelstunde vor Spielende?

Kahn: Das hat mich schon die ganzen Tage vorher gequält, dass er gute Freistöße schießt. Ich glaube, wenn er mir einen reingeschossen hätte, hätte ich sofort aufgehört mit Fußball spielen.


Die Fragen stellte Klaus Bergmann, dpa



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