Interview mit Klaus Allofs "Das neue Transferrecht wäre eine Katastrophe"

Mit SPIEGEL ONLINE sprach Werder Bremens Sportdirektor Klaus Allofs über das Ausbluten von Bundesligavereinen, unvernünftige Spielerberater und die Modernisierung eines ehedem erfolgreichen Clubs.

Von Andreas Kötter


In unserer Reihe "Vision Fußball" befragen wir Protagonisten der Fußball-Szene zur Zukunft der Branche. Nach Dortmunds Profi Otto Addo, TV-Reporter Marcel Reif, Schalkes Trainer Huub Stevens, dem Bremer Bildungssenator Willi Lemke und Mönchengladbachs Trainer Hans Meyer folgt heute Werder Bremens Sportdirektor Klaus Allofs.

SPIEGEL ONLINE: Herr Allofs, an die großen Erfolge der so genannten "Ära Rehhagel" hat Werder Bremen sportlich und wirtschaftlich nie wieder anknüpfen können. Seit anderthalb Jahren versuchen Sie das als Sportdirektor zu ändern, mit bescheidenem Erfolg.

Klaus Allofs: Natürlich ist es richtig, dass in die "Ära Rehhagel" große Erfolge fallen, wie die zwei Meisterschaften, der Gewinn des Europa- und des DFB-Pokals. Macht man sich aber ein bisschen Mühe, dann stellt man fest, dass auch Otto Rehhagel seine Zeit gebraucht hat, bis sich solche Erfolge eingestellt haben. Natürlich möchten wir daran anknüpfen, und ich denke, dass wir in der letzten Saison für Bremer Verhältnisse eine sehr, sehr gute Runde gespielt haben. Sogar die Qualifikation zur Champions League lag lange im Bereich des Möglichen, und immerhin haben wir uns dann auch für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert.

SPIEGEL ONLINE: In der letzten Saison haben Sie mit der Verpflichtung von Pizarro und Júlio César richtige Entscheidungen getroffen. In dieser Saison sieht es weniger gut aus: Die Neuzugänge für 15 Millionen Mark haben nicht eingeschlagen.

Allofs: Die Einkäufe in dieser Saison sehe ich nicht als Fehleinkäufe: Frank Verlaat war lange verletzt. Erst wenn er spielt und der Abwehr dabei keine Sicherheit gibt, lasse ich mir diesen Vorwurf gefallen. Auch Ivica Banovic musste gleich operiert werde. Darüber, dass er ein Riesentalent ist, gibt es aber kaum zwei Meinungen. Mit Fabian Ernst, der seine Sache sehr gut gemacht hat, haben wir den Kapitän der deutschen U-21-Nationalmannschaft für einen vernünftigen Betrag geholt.

SPIEGEL ONLINE: Es ist also alles nur ein bisschen unglücklich gelaufen?

Allofs: Wissen Sie, in der Bundesliga sehe ich zehn oder elf Clubs, die sich wie wir für den internationalen Wettbewerb qualifizieren wollen. Von diesen Clubs aber haben mindestens sechs oder sieben bessere finanzielle Voraussetzungen als Werder. Also müssen wir Nischen auf dem Transfermarkt suchen, die nicht jeder kennt. Bei den Verpflichtungen von César oder Pizarro hat das wunderbar geklappt. Diese hundertprozentige Trefferquote jedes Mal zu erzielen, wäre zu schön, um wahr zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Die EU beabsichtigt ein neues Transferrecht einzuführen, das Fußballprofis erlaubt, ihre Arbeitsverträge binnen drei Monaten zu kündigen. Was halten Sie davon?

Allofs: Sollte es zu einem solchen Transferrecht kommen, wäre das eine Katastrophe für den Fußball. Denn ich bin nicht davon überzeugt, dass bei den Spielerberatern die Vernunft an erster Stelle steht. Die scheinen oft nicht daran zu denken, was getan werden muss, damit es auf lange Sicht weitergehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie teilen also die Ansicht von Uli Hoeneß, der "einen Kannibalismus, wie ihn der Fußball noch nicht erlebt hat", prognostiziert?

Allofs: Ja, denn wenn es zu dieser neuen Regelung kommt, ist alles möglich. Dann könnte ein Spieler, der sich für drei, vier Jahre an einen Verein gebunden hat, nach drei Monaten einfach wechseln. Jede Art von Planung wäre hinfällig, jede emotionale Bindung an einen Verein, zwischen Spieler und Fans wäre unmöglich. Die Clubs mit dem meisten Geld könnten die Konkurrenz ausbluten lassen.

SPIEGEL ONLINE: Würde Werder ausbluten?

Allofs: Was Werder betrifft, ist es jetzt schon schwierig genug. Auf Dauer wird man darüber nachdenken müssen, ob man in der heutigen Form weiterarbeiten kann oder über Allianzen nachdenken muss, wie sie andere Clubs schon geschlossen haben. Ich denke etwa an die Kooperationen von Hertha BSC Berlin oder des Hamburger SV mit dem Rechteverwerter Ufa. Auch ein Börsengang, wie ihn Borussia Dortmund vollzogen hat, ist natürlich eine Möglichkeit, Kapital zur Verfügung zu bekommen. Ob man mit der Unabhängigkeit von einem finanzstarken Partner, wie sie Werder heute noch vertritt, konkurrenzfähig bleiben kann, halte ich für fraglich.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren leistet Werder im vereinseigenen Internat gute bis hervorragende Jugendarbeit. Wieso fällt es Ihnen so schwer, junge Spieler in die Profimannschaft zu integrieren?

Allofs: Der Erfolgsdruck führt oft dazu, dass man auf gestandene und dann oft auch auf ausländische Profis zurückgreift und den sicheren Weg geht. Wenn es, wie das in Bremen der Fall ist, jede Saison ein oder zwei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in die erste Mannschaft schaffen, ist das schon ein sehr gutes Ergebnis.

SPIEGEL ONLINE: Bedauern Sie es manchmal, dass Sie nicht in der heutigen Zeit aktiv sind, in der man schon mit durchschnittlichen Fähigkeiten Multimillionär werden kann?

Allofs: Nein. Ich habe ja für damalige Verhältnisse auch schon sehr gutes Geld verdient. Mit Werder war ich sehr erfolgreich, wir hatten damals aber längst nicht die blendenden Zuschauerzahlen wie heute. Natürlich hätten wir damals auch sehr gerne vor so großem Publikum gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Ein Publikum, dass sich wünscht, bei der WM 2006 dabei zu sein. Hat das Weser-Stadion berechtigte Hoffnung Austragungsort zu werden?

"Wir rechnen uns durchaus Chancen als Austragungsort der WM 2006 aus"
AP

"Wir rechnen uns durchaus Chancen als Austragungsort der WM 2006 aus"

Allofs: Wir rechnen uns durchaus Chancen aus. Es ist geplant, dass die Bauarbeiten am Stadion, die den Komfort weiter erhöhen sollen, nach der Saison 2002/2003 beginnen. Zwar war Werder der erste Club in Deutschland, der geschlossene Vip-Logen anbieten konnte, doch die Entwicklung ist vorangeschritten, und es ist wichtig, auch auf diesem Sektor konkurrenzfähig zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Erste Ansätze gibt es bereits. Ihr Verein betreibt das eigene "Werder-TV" und hat gerade eine Kooperation mit dem Spartenkanal Eurosport abgeschlossen.

Allofs: Die Kooperation mit Eurosport soll uns helfen, das Medium Internet optimal zu nutzen. Was unser sonstiges Show-Programm betrifft, glaube ich, dass die Leute unterhalten werden wollen, sie wollen in der Halbzeitpause Bilder sehen von Toren oder von früheren Spielen. Über diese Bedürfnisse können wir nicht hinweggehen.

SPIEGEL ONLINE: Das größte Bedürfnis der Fans ist aber immer noch der Erfolg des eigenen Teams. Sollte Werder schlecht aus der Winterpause starten, werden wir Sie dann auf der Trainerbank sehen?

Allofs: Nein, auf gar keinen Fall. Das ist nicht der Weg, den ich hier bei Werder Bremen einschlagen möchte. Ich kann nicht ausschließen, dass ich irgendwann irgendwo mal wieder als Trainer arbeiten werde, hier in Bremen aber ist das mit absoluter Sicherheit kein Thema.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.