Interview mit Kopfballtrainer "Muskelkater in der Stirn"

Ingo Wollenberg, 36, ist Deutschlands einziger Kopfballtrainer. Er betreut den Nachwuchs von Bayer Leverkusen, wo er mit den Profis trainierte, aber nie spielen durfte. Eines aber konnte er besser als die anderen: Köpfen. Im "RUND"-Interview verrät er seine Tricks.


Frage: Herr Wollenberg, woran erkennen Sie einen guten Kopfballspieler?

Wollenberg: Ein guter Kopfballspieler kennt keine Angst. Überhaupt keine Angst. Er muss mit vollem Risiko in den Ball reingehen, ob er ihn trifft oder nicht. Das ist Grundvoraussetzung.

Fomvollendeter Kopfballspieler: "Frage von Intelligenz"
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Fomvollendeter Kopfballspieler: "Frage von Intelligenz"

Frage: Sie versuchen den Jungs die Angst zu nehmen?

Wollenberg: Ja, das muss man üben. Manchmal mache ich Schweinetraining, da verlieren die Spieler ganz schnell ihre Angst. Die kommen oft auf den Platz mit Gel in den Haaren, gestylt von oben bis unten. Dann nehme ich den Matsch vom Rasen, schmiere ihn den Jungs in die Haare und sage: So, und jetzt zack!

Frage: Klingt brachial. Worauf kommt es technisch an?

Wollenberg: Als Fußballspieler muss ich den Ball möglichst immer vorne mit der Stirnplatte treffen, nicht mit der Seite. Nur so kann man gut kontrollieren, wohin er geht. Bei Kopfbällen mit der Stirn kann man auch immer die Augen auflassen und bis zum letzten Moment genau schauen, wohin der Ball muss.

Frage: Bevor es so weit kommt, muss man die Flugbahn vor dem Gegenspieler erkennen, damit man zuerst an der richtigen Stelle steht. Wie früh kann man das sehen?

Wollenberg: Das sieht man normalerweise an den ersten zwei Metern der Flugbahn des Balls. Das sind Hundertstelsekunden. Ein guter Kopfballspieler kann das. Das ist auch eine Frage von Intelligenz.

Frage: Brummt den Jungs der Schädel, wenn Sie mit ihnen fertig sind?

Wollenberg: Brummen nicht, das ist wie Muskelkater in der Stirn. Da sind ja auch überall Muskeln, und wenn man das wochenlang macht, spürt man gar nichts mehr.

Frage: Es fällt auf, dass die Flanken in der Bundesliga oft ein erschreckendes Niveau haben. Woran liegt das?

Wollenberg: Gute Frage. Vielleicht wird es zu wenig trainiert. Aber mit Flanken ist das so ähnlich wie mit dem Kopfball. Es gibt einfach Leute, die das können, und andere, die können üben, üben, üben bis zum Umfallen, und es wird trotzdem nichts.

Frage: Ist der frühere Dortmunder Stürmer Jan Koller so einer, der es nicht kann? Seine Größe von 2,02 Metern hat ihm enorme Vorteile verschafft, seine Kopfbälle aufs Tor wirkten aber oft kläglich.

Wollenberg: Manche Spieler bekommen die Bewegungen vom Körperbau nicht so gut hin. Koller kann von der Statur her nicht druckvoll köpfen. Es liegt schon irgendwo in den Genen, ob man das kann oder nicht.

Frage: Sie sind Deutschlands einziger Kopfballtrainer. Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Übungen?

Wollenberg: Im Osten wurde früher sehr intensiv Kopfball trainiert. Die standen jeden Tag am Pendel, davon profitiert beispielsweise auch Michael Ballack. Als die Mauer dann gefallen war, hat man die Pendel fast überall abgebaut, auch im Westen. Erst in den letzten Jahren trainiert man wieder mehr mit dem Gerät, ich arbeite sehr viel am Pendel.

Frage: Ein Phänomen ist Miroslav Klose. Der hat in seinen ersten Bundesligajahren in Kaiserslautern und in der Nationalmannschaft Kopfballtore am Fließband gemacht, er wurde dafür sogar verspottet. Dann ging er nach Bremen und traf plötzlich nur noch mit dem Fuß. Jetzt köpft er auch wieder Tore. Wie kann man das erklären?

Wollenberg: Es kommt eben auf die Mitspieler an, und das sind in Bremen andere als in Kaiserslautern. Bei uns hier im Jugendbereich ist das Gefüge nicht sehr günstig für den Kopfballspieler. Es wird mehr spielerisch gemacht. Früher hieß es immer, man müsse zur Grundlinie kommen und flanken. Heute ist alles mehr auf das Fußballerische ausgerichtet, da sind mehr Spieler dabei, die einfach keine Schweine sind. Du musst ein Schwein sein, wenn du da vorne reinmarschierst.

Die Fragen stellte Daniel Theweleit



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