Interview mit Manfred Breuckmann "Das Internet kann nicht mithalten"

Mit SPIEGEL ONLINE spricht Hörfunk-Fußballreporter Manfred Breuckmann über künstliche Hindernisse der Livereportage und die Vorzüge des Radios gegenüber Fernsehen und Internet.

Von Andreas Kötter


In unserer Reihe "Vision Fußball" befragen wir Protagonisten der Fußball-Szene zur Zukunft der Branche. Nach unter anderem Dortmunds Profi Otto Addo, TV-Reporter Marcel Reif, Schalkes Trainer Huub Stevens, Ligachef Werner Hackmann und dem Spielerberater Roger Wittmann folgt heute Hörfunk-Moderator Manfred Breuckmann.

SPIEGEL ONLINE: Herr Breuckmann, sind Radioreporter im Gegensatz zu den Kollegen vom Fernsehen die begabteren Fußball-Kommentatoren?

Manfred Breuckmann: Nein, das sind zwei Baustellen. Unsere Aufgabe ist es, Stimmung zu erzeugen und Spannung aufzubauen. Beim Fernsehmann ist eher die Analyse als die Beschreibung gefordert.

SPIEGEL ONLINE: Anders gefragt, wird im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch solider Sportjournalismus betrieben, während die privaten TV-Sendern allenfalls gute Unterhaltung bieten?

Breuckmann: Das möchte ich nicht behaupten. Denn dann würde ich eine ganze Reihe von durchaus fähigen Leuten beleidigen. Es ist sicherlich nicht so, dass man bei den Privaten vollkommen kritiklos im Sinne der Bundesliga berichtet. Kommt es aber zum Schwur, kann man von dieser Seite aus sicherlich keine Fundamentalkritik erwarten. Niemand von Premiere World oder von "ran" würde das Bundesligageschäft in Frage stellen.

SPIEGEL ONLINE: Vor dieser Saison hat ein Brief des DFB große Unruhe ausgelöst: ARD-Rundfunkanstalten dürfen sich vor der Halbzeitpause zwar live einblenden, müssen aber zeitversetzt kommentieren. Ist das der Anfang vom Ende der Bundesliga-Übertragung im Radio?

Breuckmann: Diese Regelung ist überhaupt nicht neu, die gibt es seit den achtziger Jahren. Bis zu dieser Saison aber hat der DFB stillschweigend akzeptiert, wenn wir doch immer wieder auch schon von der ersten Halbzeit live berichtet haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie damit zurecht, wenn ein Tor fällt?

Breuckmann: Gar nicht, weil das vollkommener Schwachsinn ist. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn ich auf Sendung bin und der Hörer mitbekommt, dass 40.000 Fans "Tor" schreien, ich mich aber leider nicht dazu äußern darf, außer: "Ich gebe zurück ins Funkhaus"? Manchmal warte ich dann einfach drei Sekunden, bin erkennbar verhalten und bestätige, dass gerade ein Tor gefallen ist. Das ist schlicht schikanös, mit einer solchen Regelung kann man auf Dauer nicht leben.

SPIEGEL ONLINE: Der DFB hat eben erkannt, dass auch mit den Hörfunk- und Internet-Rechten Geld zu machen ist.

Breuckmann: So ist es. Der DFB hat die Hörfunk-Übertragungsrechte fürs Internet an ein Berliner Unternehmen vergeben, das die Spiele im Internet überträgt. Eigentlich sind die gar keine Konkurrenz für uns, weil sie aus technischen Gründen gerade mal 25.000 Abrufe gleichzeitig haben können. Trotzdem bleiben wir in der ersten Halbzeit außen vor.

SPIEGEL ONLINE: Ist aber die klassische Radio-Übertragung im Internet-Zeitalter überhaupt noch zeitgemäß?

Breuckmann: Ich bin natürlich befangen, schließlich bin ich so eine Art "Radio-Dino". Im Augenblick aber halte ich unser Medium durchaus noch für zeitgemäß. Denn wir sind noch immer das beste Angebot für all diejenigen, die am Wochenende in ihrem Gartenhäuschen sitzen oder ihr Auto waschen oder das wöchentliche Bad nehmen. Solange ich nicht jederzeit über ein kleines Gerät, das ich mit mir führen kann, Zugriff auf www.bundesliga.de habe, kann das Internet nicht mithalten. Unser Produkt, vor allem die Schlusskonferenz von den wichtigen Spielen, halte ich für konkurrenzlos, dagegen kann nicht mal die TV-Konferenz auf Premiere World anstinken.

SPIEGEL ONLINE: Leo Kirch dürfte ein paar mehr Premiere-World-Abos absetzen können, wenn es die Radio-Schlusskonferenz nicht mehr gäbe.

Breuckmann: Das kann ich mir nicht vorstellen. Erst wenn Bundesligaspiele am Samstagnachmittag live im Free-TV übertragen werden, wäre das für uns ein schwerer Schlag. Premiere World aber ist nach wie vor zu teuer, als dass es ein Angebot für jedermann sein könnte. Und wenn Kirch glaubt, er käme damit durch, die Bundesliga erst am späten Abend im Free-TV zu zeigen, dann täuscht er sich gewaltig.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten zwei Wochen gab es in Bundesligastadien zum Teil erhebliche Fanproteste. "Erkaltet die Liebe der Fans", wie die "Bild"-Zeitung verängstigt fragt?

Breuckmann: Die Verzerrung des Spieltages ist eine Zumutung. Wie sollen Rostock-Fans an einem Sonntagabend zum Spiel nach Leverkusen kommen? Das geht einfach nicht. Und ich bin überzeugt, dass das schon bald indirekt auch auf die Fernsehsender durchschlagen wird. Denn die brauchen für die Vermarktung ein positives Produkt, das in der Öffentlichkeit glänzend dasteht. Wenn aber auf dem Bildschirm zu sehen ist, dass die Stadien leer sind, dann ist das Positive dahin. Die Arroganz den Fans im Stadion gegenüber ist also in jeder Hinsicht dumm.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Nase vom heutigen Fußball-Showgeschäft noch nie voll gehabt?

Breuckmann: Ich mache Fußball im Radio seit 1972, und ich habe immer dann genug, wenn es einfach zuviel wird mit der Schlagzahl, wenn also im Sommer Europameisterschaft ist und direkt im Anschluss Bundesliga. Dann habe ich in der Tat im Dezember die Schnauze voll.



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