Interview mit Marcel Reif "Ich mag diese Heuchelei nicht"

Marcel Reif, 51, gilt vielen als der beste Fußballkommentator im deutschen Fernsehen. Für die Serie "Vision Fußball" stand er SPIEGEL ONLINE zum Interview bereit.

Von Andreas Kötter


In unserer Reihe "Vision Fußball" stellen wir Protagonisten des Fußball-Geschäfts die Frage nach der Zukunft. Nach Interviews mit dem Dortmunder Fußball-Profi Otto Addo und dem hier vorliegenden mit TV-Reporter Marcel Reif wird in den nächsten Tagen ein Gespräch mit dem Trainer von "Herbstmeister" Schalke 04, dem Niederländer Huub Stevens, folgen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Reif, vor einem halben Jahr noch lag Fußball-Deutschland nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft am Boden. Dann kam Rudi Völler, und jetzt soll alles wieder gut sein?

Marcel Reif: Natürlich geht es nicht so schnell, weil sich durch Rudi Völler weder der Charakter noch die Fähigkeiten der Spieler gleichsam über Nacht entwickelt haben. Nach dem Desaster bei der EM gab es ein paar klare Momente, sich vielleicht mal an den Franzosen zu orientieren und ein paar Jahre nur zweite Geige zu spielen. Alles schon wieder vergessen, und wer das anzweifelt, gilt als Miesmacher. "Rudi Riese, Adler Berti, Big Brehme", heißt es stattdessen. Das allein schon sagt alles über den Geist, der hier herrscht: Das ist Klippschulen-Niveau. Wenn ich so sprechen würde, würde mir mein Sohn ins Gesicht springen.

SPIEGEL ONLINE: "Die Bayern werden Meister, ganz locker", haben Sie vor der Saison gesagt. Danach sieht es nach der Hälfte der Saison nicht gerade aus.

Reif: Ich habe einfach unterschätzt, wie sehr sie in München auf die Champions League fixiert sind. Dennoch bleibe ich dabei: Wenn die Bayern wollen, wenn sich die Spieler konzentrieren und wenn sie alle Mann an Bord haben, dann werden sie auch wieder Meister. Bis jetzt war das Schwächeln noch kein großes Problem, weil die anderen das, was ihnen von den Bayern angeboten wurde, nicht angenommen haben. Erst jetzt wird es gefährlich, denn Schalke beginnt, auch grottenschlechte Spiele zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Überall wird die "Mehrfachbelastung" beklagt. Wie lange lässt sich die Schraube "Spiele, Spiele, Spiele" noch drehen?

Reif: Es ist in Mode gekommen, über diese "Mehrfachbelastung" zu jammern. Ich mag diese Heuchelei nicht. Jetzt schreien die am lautesten, die am ärgsten an dieser Schraube gedreht haben. Sie alle wollten die Champions League in diesem Umfang, jetzt aber werden sie die Geister, die sie gerufen haben, nicht mehr los. Man kann nun mal nicht die positiven Dinge mitnehmen wollen, dann aber gleichzeitig die negativen Begleiterscheinungen beklagen. Da passiert es dann, dass ein Torwart wie der Schalker Oliver Reck, dessen Club nicht im internationalen Wettbewerb vertreten ist, ein schlechtes Spiel mit der vermeintlichen Mehrfachbelastung erklärt. So sehr haben die Spieler das verinnerlicht.

SPIEGEL ONLINE: Mehrfach belastet wird auch der TV-Zuschauer. Montags zweite Liga, dienstags und mittwochs Champions League, donnerstags Uefa-Cup, freitags Bundesliga, obendrauf noch DFB-Pokal, Hallenturniere, selbst Freundschaftsspiele werden live übertragen. Wo soll das enden?

Reif: Der Fußball wird uns alle überleben. Was in anderen Sportarten längst zur Katastrophe geführt hätte, lässt den Fußball noch relativ unberührt. Dennoch fangen die Leute natürlich an zu murren oder schalten gar nicht erst ein, wenn man ihnen Spiele vorsetzt, bei denen es um nichts geht. Sie können den Leuten heute auch kein schlechtes Spiel mehr als gutes verkaufen, die merken das und wählen ganz genau aus, was sie sich ansehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel TV-Fußball mutet sich denn Marcel Reif in der Woche zu?

Reif: So wenig wie eben möglich. Und ich merke, wie stolz ich manchmal bin, wenn ich an einem Abend, an dem ein Spiel live übertragen wird, zu meiner Frau sage "Komm, lass uns heute Abend ausgehen!"

SPIEGEL ONLINE: Die Affäre um Christoph Daum hat heute einen größeren Nachrichtenwert als etwa der Nahostkonflikt. Gibt es Momente, in denen Sie sich fragen: Was mache ich hier eigentlich?

Marcel Reif: "Gerade im Fall Daum war es so, dass ich es nicht mehr hören konnte"
DPA

Marcel Reif: "Gerade im Fall Daum war es so, dass ich es nicht mehr hören konnte"

Reif: Jein, ich habe den Vorteil, dass ich von der Politik zum Sport gekommen bin und daher weiß, dass auch in der Politik-Berichterstattung nicht immer alles mit großem Tiefgang und mit großer Redlichkeit vor sich geht. Wenn Boulevard vernünftig gemacht wird, dann halte ich das für eine sehr hohe Kunstform, die ich durchaus genießen kann. Gerade im Fall Daum war es aber irgendwann so, dass ich es selbst einfach nicht mehr hören konnte. Die Affäre Daum, der daraus resultierende Streit zwischen Uli Hoeneß und Reiner Calmund - da kann ich nur noch sagen: "Hört auf, lasst mich in Ruhe und kickt endlich so, dass es Spaß macht!"

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst nehmen aber auch an einem Sendeformat wie dem DSF-Fußballstammtisch "Doppelpass" teil. Über das Konzept der Sendung hat die "Süddeutsche Zeitung" gehöhnt: "Schwatzen, Seiern, Seichen".

Reif: Ich könnte es mir leicht machen und sagen, dass dieses Format zur Senderfamilie dazu gehört und ich deshalb dort hin muss. Natürlich könnte ich auch mit der Begründung absagen: "Morgen hat meine Schwiegermutter Geburtstag" und beim nächsten Mal ist es dann mein Sohn. Ich will aber keiner von denen sein, die sich immer verweigern. "Doppelpass" ist auch von wechselnder Qualität, und als Zuseher bleibe ich am Sonntagmittag dann doch vor der Glotze hängen, obwohl ich es eigentlich nicht vorhatte. Und schließlich habe ich auch nicht vergessen, dass ich natürlich mit auf dem Boot bin. Der komische Außenseiter, der alles immer aus der Distanz betrachtet, bin ich einfach auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als Kommentator, der sein Handwerkszeug, die Sprache, liebt und kunstvoll einsetzt. Stört es Sie da nicht, dass an dieser Kunst nur so wenige teilhaben können?

Reif: Sie kreisen mich langsam, aber sicher ein. "Warum geht Reif zum DSF?", wollen Sie wissen und "Warum arbeitet er fürs Pay-TV, wo weniger zusehen als früher bei RTL?"

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Reif: Weil ich in einer Sackgasse war, als RTL die Champions League verlor, und weil Premiere mir eine Möglichkeit geboten hat, meinen Beruf auszuüben, und einen Haufen Geld dazu. Natürlich hätte ich sagen können, "Mit meiner Kunst will ich die Massen erreichen!", aber diesen Ehrgeiz habe ich heute nicht mehr. Das Maß an Eitelkeit, das mir sicher immer gegeben war, ist ein wenig kleiner geworden. Ich habe allerdings nie verstanden, warum man in solch einer eigenartigen Fußballsprache mit den Menschen reden soll. Natürlich fragen sich die Leute doch, "Warum spricht der so mit mir?", wenn einer was erzählt vom Strafraum, in dem es wieder mal lichterloh brennt. Zu viel von dieser Art Keilschrift und ich bekomme eine Identitätskrise, was meine Profession betrifft. Diese Hybris leiste ich mir.

SPIEGEL ONLINE: Erachten Sie es für wünschenswert, Spielern oder Trainern besonders nahe zu kommen?

Reif: Mit Spielern gibt es grundsätzlich zunächst mal einen Generationskonflikt. Ich bin 51 Jahre alt - worüber sollten wir also sprechen, wenn nicht über Fußball?! Und da beginnt das Problem. Denn selbst, wenn wir uns gut verstehen sollten, muss ich doch, wenn er am Abend schlecht spielt, während der Sendung auch darauf hinweisen. Ich überfordere einen jungen Menschen, wenn ich von ihm verlange, dass er das trennen kann. Ich selbst bin eitel genug, zu wissen, wie schwer das ist. Es kann gleichfalls nicht sein, dass ich die Weihnachtsfeier eines Clubs moderiere. Das habe ich dem ZDF-Kollegen Rolf Töpperwien immer gesagt: "Töppi, du stellst dir deine eigenen Fallen." Aber das wollte der nicht hören.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in der Fußballbranche, in der das Lügen nachweislich zum Geschäft gehört, jemanden, den Sie für unbedingt integer halten?

Marcel Reif: "Ottmar Hitzfeld ist integer - ohne Einschränkung"
AP

Marcel Reif: "Ottmar Hitzfeld ist integer - ohne Einschränkung"

Reif: Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld, ohne Einschränkung. Er hat ein Instrumentarium entwickelt, nichts preiszugeben, was er nicht auch preisgeben will, ohne dabei aber zu schwindeln, geschweige denn zu lügen. Hitzfeld ist das klassische Beispiel für jemanden, der alt genug ist, der alles gewonnen und viel verloren hat und der weiß, dass es am Ende Wichtigeres als Fußball gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie informieren Sie sich? Verfügen Sie neben dem, was Ihre Redaktion Ihnen zur Verfügung stellt, auch über ein Netz von Informanten?

Reif: Gnade der frühen Geburt, ich brauche das nicht. Ich muss in der Regel keine Interviews mehr führen, ich muss nicht jeden Tag etwas abliefern. Ich habe aber auch nie den Drang verspürt, gewisse Dinge zu wissen, und ich käme niemals auf die Idee zu sagen, "Ottmar, wir kennen uns doch so gut, erzähl mir doch mal dieses und jenes aus dem Club". Das geht mich nichts an, und das würde er auch nie machen.

SPIEGEL ONLINE: Werfen Sie bitte einen Blick in die Zukunft. Wie wird man uns in einigen Jahren Fußball im Fernsehen präsentieren?

Reif: Entschuldigung, aber jetzt muss ich dringend Politik für Premiere machen. Ich glaube nicht, dass das Angebot so bleiben kann, was die Live-Übertragungen im Free-TV betrifft. Pay-TV ist die ehrlichste Form. Wenn Sie etwas sehen wollen, dann müssen Sie auch dafür bezahlen. Den UI-Cup in seinen Anfängen den Menschen live näher zu bringen wollen, halte ich jedenfalls für lächerlich. Das alles wird sich aber regulieren. Auf welchem Niveau dann Fußball im Bezahlfernsehen läuft, das weiß ich allerdings nicht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle wird das Internet in diesem Zusammenhang spielen?

Reif: Alle mühsam austarierten Kartenhäuser könnten schnell zusammenbrechen, wenn das Internet TV-fähig ist. Denn dann kann man die Dinge genauso gut von den Cayman-Inseln aus machen. Ich glaube auch nicht, dass es in Zukunft noch einen fetten Computer und einen Fernseher geben wird, sondern nur noch ein Gerät. Wenn ich dann abends um zwölf Uhr nach Hause komme und die Highlights der Champions League in zwei Minuten sehen will, dann mache ich "tipp, tipp, tipp" und bekomme, was ich will. Und nach fünf Minuten kann ich schnarchen gehen. Das wird lebensgefährlich fürs Fernsehen, da wird die Branche sich etwas einfallen lassen müssen.



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