Interview mit Olaf Thon "Matthäus hatte mehr Frauen als ich"

Mit dem Pokalendspiel am Samstag gegen Leverkusen endet Olaf Thons Profikarriere. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Schalker über Abschiedsschmerz, schwere Verletzungen sowie seine ehemaligen Münchner Kollegen Lothar Matthäus und Stefan Effenberg.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Thon, am Samstag bestreitet der FC Schalke das Pokalfinale gegen Leverkusen. Sie werden nicht mit von der Partie sein. Traurig?

Olaf Thon: Nein, ich habe doch keine Chance mehr. Mein verletzter Fuß zwingt mich aufzuhören. Ich kann einigermaßen geradeaus laufen, an Fußball spielen ist im Moment nicht zu denken. Ich habe mich schon seit einem Jahr mit meinem Karriereende anfreunden können. In dieser Zeit habe ich gelernt, wie es ist, ohne Fußball zu leben. Zudem hatte ich das Erlebnis Pokalfinale auch schon voriges Jahr. Diesmal soll ein junger Spieler eine Chance bekommen, der sonst nur auf der Bank sitzt. Dessen Platz würde ich, auch wenn ich hundertprozentig fit wäre, keinesfalls blockieren. Meine Zeit ist unwiderruflich vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Wie fällt Ihre Bilanz aus? Trauern Sie Dingen nach, die Sie versäumt haben?

Thon: Eigentlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und uneigentlich?

Thon: Ich habe meine Zeit als Fußballer erlebt, mit Höhen, aber auch mit Tiefen. Diese Zeit geht nun zu Ende, etwas Neues beginnt. Ob Franz Beckenbauer oder Gerd Müller - sie alle mussten diesen Schritt gehen, und ich werde es auch tun. Ich war stets Realist, das kommt mir jetzt zugute.

SPIEGEL ONLINE: Aber hätten Sie da nicht schon vor zwei Jahren erkennen müssen, dass es Zeit für Sie ist, Ihre Karriere zu beenden? Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb damals: "Olaf Thon ist nicht mehr der König auf Schalke".

Olaf Thon (2001): "Ich habe doch keine Chance mehr"
DPA

Olaf Thon (2001): "Ich habe doch keine Chance mehr"

Thon: Nein, so wollte ich nicht abtreten. Ich wollte den Kampf gegen meine Verletzung aufnehmen und in die Form kommen, die es mir erlaubt hätte, noch einmal auf Bundesliga-Niveau spielen zu können. Heute kann ich mit bestem Gewissen sagen: "Ich habe bis zum Letzten gegeben, was mir möglich war."

SPIEGEL ONLINE: Hat sich diese Schinderei wirklich gelohnt? Sie haben kaum noch gespielt.

Thon: Auf jeden Fall. Ich wollte mir weder von mir selbst noch von den Fans, die mich jahrelang in ganz Deutschland immer wohlwollend aufgenommen haben, den Vorwurf gefallen lassen, ich hätte nicht alles versucht. Als ich nach dreimonatiger Schinderei gegen Stuttgart (9. März 2002 in der Arena "Auf Schalke"; die Red.) noch einmal gebraucht wurde, konnte der Trainer auf mich bauen. Zwar ist mir schon nach fünf Minuten die Sehne wieder leicht eingerissen, aber ich habe die Zähne zusammengebissen und mir gesagt: "Und wenn du nur auf dem Platz stehst, du gehst heute nicht raus!" 70 Minuten habe ich durchgehalten, und zum Glück haben wir 2:1 gewonnen. Aber ich wusste auch, dass es nach dem Spiel endgültig vorbei sein würde. Ich habe ich mich in diesen Minuten innerlich vom Fußball verabschiedet.

SPIEGEL ONLINE: 1997 führten Sie Schalke zum Gewinn des Uefa-Pokals. War dieser Titel das Highlight Ihrer Karriere?

Thon: Nein, das 6:6 im DFB-Pokal 1984 gegen die Bayern war mit Abstand das schönste Erlebnis. So ein Fußballspiel erlebt mancher Profi nie, und ich habe damals einen Tag nach meinem 18. Geburtstag auch noch drei Tore geschossen, mit dem Kopf, mit recht und mit links. Da kann dann selbst der Uefa-Cup und auch der Weltmeistertitel 1990 nicht mithalten. Im WM-Endspiel durfte ich schließlich auch gar nicht dabei sein.

SPIEGEL ONLINE: Wenn mit Ihnen der letzte "Urschalker" geht, bleibt dann auch die Identität des Clubs auf der Strecke?

Thon: Fraglos geht nun eine Ära zu Ende. Auch Jiri Nemec verlässt ja den Club. Aus der 97er Mannschaft ist dann nur noch Marc Wilmots dabei. Sorgen um die Identität des Clubs mache ich mir aber nicht. Schalke wird immer ein Verein zum Anfassen bleiben. Hier gibt es kein Geheimtraining, jeder Spieler steht den Fans nach den Einheiten für Autogramme zur Verfügung. Es sind diese Kleinigkeiten, die uns in der Summe noch immer von anderen Spitzenclubs unterscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren ja beim FC Bayern. Was haben Sie in München gelernt?

Olaf Thon (1999): "Etwas Neues beginnt"
DPA

Olaf Thon (1999): "Etwas Neues beginnt"

Thon: Vor allem den Umgang mit den Medien. In dem Jahr, in dem wir nur Zehnter wurden (die Saison 1991/92; die Red.), musste ich viel einstecken. Weil ich der Kopf der Mannschaft war, hatte sich "Bild" auf mich eingeschossen und mir dreimal hintereinander die Spielnote "6" gegeben. Damals habe ich begonnen, meine Außendarstellung zu überprüfen und habe, vielleicht früher als andere, begriffen, wie wichtig es ist, auf die Medien zuzugehen und sich nicht zu verschließen. Diese Erfahrungen habe ich später zurück nach Schalke mitgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei waren Sie schon vor Ihrer Zeit beim Rekordmeister ein erfahrenerer Fußballprofi.

Thon: Ich hatte bereits als 17-Jähriger das Glück, dass man mir großes Vertrauen entgegengebracht hat. Der damalige Trainer Diethelm Ferner hat mich aufgestellt, egal was passierte. So habe ich schon in meiner ersten Saison alle Spiele mitgemacht. Das hat mich so geprägt, dass ich schon mit 20 Kapitän der Mannschaft war.

SPIEGEL ONLINE: Ist so etwas heute noch denkbar?

Thon: Nein, die Veränderungen sind schon gewaltig. Der Druck auf die jungen Spieler ist heute sicherlich wesentlich größer als zu meiner Zeit. Man steht heute unter ständiger Beobachtung durch die Medien, das war früher zweifellos anders. Da hatte man den Kopf einfach freier und konnte viel unbekümmerter Fußball spielen. Vor allem haben junge Spieler wie ich damals tatsächlich auch gespielt. Es gab es nur einen oder zwei Ausländer pro Team, die Chancen für einen Nachwuchsspieler waren einfach größer. Heute ist das anders. Mit dieser unsicheren Situation muss ein 18-Jähriger erst mal zurechtkommen. Wenn er aber keine Erfahrungen sammeln kann und keine Schlüsselerlebnisse hat, wie soll ein junger Spieler dann reifen?

SPIEGEL ONLINE: Aber gibt es nicht auch Ausnahmen? Was ist etwa mit einem Michael Ballack?

Olaf Thon (2000): "Immer alles geben"
AP

Olaf Thon (2000): "Immer alles geben"

Thon: Ein Ballack scheint mittlerweile mit dieser permanenten Belastung fertig zu werden und gilt verdientermaßen als mit Abstand bester Spieler der abgelaufenen Saison. Er hat in den letzten Jahren sehr viel dazu gelernt. Aber wer hat es denn in den letzten Jahren außer einem Ricken, einem Deisler und einem Ballack wirklich geschafft?

SPIEGEL ONLINE: Hört sich wie eine Kampfansage von Ihnen an.

Thon: Mein großes Ziel ist es, das zu schaffen, was dem Verein seit 20 Jahren nicht mehr gelungen ist ...

SPIEGEL ONLINE: ... seit Sie selbst Profi auf Schalke wurden ...

Thon: ... genau, einen Spieler aus der eigenen Jugend nahtlos an die Profis heranzuführen und ihn zum Stammspieler auf Schalke zu machen, so wie es den Bayern jetzt etwa mit Owen Hargreaves gelungen ist. Seit mir hat das hier keiner mehr geschafft, das ist doch ein bisschen wenig.

SPIEGEL ONLINE: Spricht da der künftige Trainer Olaf Thon?

Thon: Es geht mir darum, dass wir den Nachwuchskräften etwas vermitteln müssen.

SPIEGEL ONLINE: Geht es etwas konkreter?

Thon: "Immer alles geben" war meine Maxime vom ersten Tag an. Ich erinnere mich an mein erstes Länderspiel 1984 auf Malta. In der Bundesligapartie zuvor war ich umgeknickt und hatte mir ein Band gerissen. Also habe ich den Fuß mit Tape stabilisiert, bin am Sonntag zum Treffpunkt der Nationalmannschaft gefahren und von dort nach Malta. Ich konnte zwar nur mit Riesenproblemen spielen, aber nicht ein Einziger hat gemerkt, was wirklich mit mir los war.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihre Botschaft an die heutige Fußballjugend: Du sollst auch mit einer schweren Verletzung spielen?

Thon: Nein, das nun nicht gerade. Niemand sollte riskieren, dass er später vielleicht nicht mal mehr laufen kann. Aber den Biss, alles zu geben, was möglich ist, den sollte ein Profi schon haben.

SPIEGEL ONLINE: Gab es auch Kollegen, die Ihnen zu bissig waren? Stichwort: Stefan Effenberg.

Olaf Thon (1998): "Habe immer versucht, mich ordentlich zu benehmen"
DPA

Olaf Thon (1998): "Habe immer versucht, mich ordentlich zu benehmen"

Thon: Soll ich jetzt schmutzige Wäsche waschen?

SPIEGEL ONLINE: Also, dicke Kumpel waren Sie in München nicht gerade.

Thon: Ich hatte mit ihm Probleme während meiner Bayern-Zeit. Das stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Effenberg polarisiert noch immer. Was halten Sie von seinen viel diskutierten Äußerungen über Arbeitslose?

Thon: Dafür will ich ihn hier nicht verurteilen, auch weil ich das besagte Interview gar nicht vollständig kenne. Ob ein Profi, dessen vornehmliche Aufgabe es ist, für seinen Club auf dem Platz Leistung zu bringen, auch verpflichtet ist, Bildung an den Tag zu legen, nur weil er in der Öffentlichkeit steht, weiß ich nicht. Das sollen auch andere beantworten. Ich jedenfalls habe immer versucht, mich ordentlich zu benehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten noch etwas über Effenberg sagen.

Thon: Natürlich hätte ich eine solche Aussage, wie die von Effenberg, nicht gemacht. Wie sollte ich denn auch wissen, welchen inneren Zwängen, aber auch welchen Auflagen ein Arbeitsloser unterliegt oder wie viel Geld ihm zusteht? Also halte ich doch wohl besser meinen Mund.

SPIEGEL ONLINE: So, letzte Chance, Herr Thon. Wenn Sie sich in punkto Fußballerkarriere rückblickend etwas wünschen hätten können. Was wäre das gewesen?

Thon: Ich bin wunschlos glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht besseres Genmaterial und damit weniger Verletzungen?

Thon: Okay, so wie Lothar Matthäus, der schwerste Verletzungen immer schnell weggesteckt hat. Lothar hatte allerdings auch mehr Frauen als ich. Vielleicht hat es bei ihm einfach nur daran gelegen.

Die Fragen stellte Andreas Kötter



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