Interview mit Oliver Kahn "Wir haben keine Primadonnen dabei"

In einem Interview äußert sich Kapitän Oliver Kahn über die WM-Aussichten der deutschen Nationalmannschaft, die fehlende Hierarchie in der Mannschaft und den sagenumwobenen Lagerkoller in der Hotelanlage.


Oliver Kahn in Miyazaki: "Alles was von außen reingetragen wird, ist Blödsinn"
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Oliver Kahn in Miyazaki: "Alles was von außen reingetragen wird, ist Blödsinn"

Herr Kahn, die deutsche Mannschaft ist mit argen Personalproblemen zur WM nach Südkorea und Japan geflogen. Wie beurteilen Sie nach ein paar Tagen Eingewöhnung in Miyazaki diese schwierige Situation?

Oliver Kahn:

Was heißt schwierig. Dass Jens Nowotny nicht dabei ist, ist sicherlich ein großer Verlust. Auch Mehmet Scholl. Aber das wissen wir ja jetzt schon seit längerer Zeit. Alles was von außen reingetragen wird, ist Blödsinn: 'Rumpftruppe' und was weiß ich. Der deutsche Fußball kann weiter aus einem großen Reservoir schöpfen.

Auch in der Abwehr ohne Nowotny und Christian Wörns?

Kahn: Wenn der Christian Wörns verletzt ist, spielt ohne Probleme ein Metzelder. Wir haben so viele Möglichkeiten. Wir haben noch Baumann nachnominiert. Ich sehe das nicht so dramatisch. Wir haben weiter eine schlagkräftige Mannschaft.

Verfügt die DFB-Auswahl auch über die nötige Hierarchie?

Kahn: Wir haben natürlich bei der Nationalmannschaft noch nicht die Hierachie wie wir sie vor drei, vier oder fünf Jahren hatten, wo die Struktur der Mannschaft ja relativ klar vorgegeben war. Ich denke, dass wird sich erst im Laufe der Zeit und im Verlauf des Turniers ergeben.

Rudi Völler muss die Hintermannschaft durch die Verletzungen neu zusammenstellen. Ist das für Sie als Torwart ein Problem?

Kahn: Ich sehe das nicht als Problem. Die Spieler sind heutzutage so intelligent, dass es da normalerweise nicht zu großen Problemen kommt. Wir haben bis zum Spiel gegen Saudi-Arabien noch Zeit zur Feinabstimmung.

Was bedeutet Ihnen die Kapitänsrolle und welche Aufgaben verbinden Sie damit?

Kahn: Das wird immer viel zu hoch gehängt. Als Kapitän ist man irgendwo in der Vermittlerrolle zwischen Trainer und Mannschaft. Man ist Ansprechpartner und sollte versuchen, ein Klima in der Mannschaft zu schaffen, um erfolgreich Fußball spielen zu können und dass sich gewisse Dinge nicht in negative Bahnen entwickeln.

Gibt es hierfür ein bestimmtes Rezept?

Kahn: Dazu braucht man viel Erfahrung, um frühzeitig gewisse Strömungen innerhalb einer Mannschaft erkennen zu können. Allerdings bin ich ein Mensch, der sehr intuitiv handelt. Ich glaube, ich habe ein sehr gutes Gefühl, mit welchen Leuten man Erfolg haben kann.

Wie fällt in diesem Zusammenhang Ihr Vergleich zur EM-Mannschaft 2000 aus?

Kahn: Das ist eine völlig andere Situation. Wir haben bei der WM eigentlich keine Spieler dabei, die Welt- oder Europameister geworden sind. Abgesehen von Oliver Bierhoff und Christian Ziege. Wir haben keine Primadonnen dabei, keine Weltklassespieler wie vielleicht andere Nationen. Aber wir haben Spieler, die noch hungrig auf einen Erfolg mit der Nationalmannschaft sind.

Wohin wird dies bei der WM führen?

Kahn: Was soll ich über WM-Chancen reden. Das weiß kein Mensch, was im Endeffekt dabei rauskommt. Ich weiß, dass uns nicht soviel zugetraut wird. Aber das motiviert einen zusätzlich. Wir können bei diesem Turnier viel über den Teamgeist erreichen. Ich denke, dass wir für eine Überraschung sorgen können.

Haben die Spieler von Bayer Leverkusen Ihr Vize-Trauma überwunden?

Kahn: Das Beste, was den Leverkusenern passieren konnte, ist, zur Nationalmannschaft zu kommen und sofort weiterzumachen. Du kannst dich sofort wieder auf neue Ziele fixieren. Du kannst das, was du erlebt hast, mit anderen Menschen, mit anderen Spielern, verarbeiten. Nicht verdrängen, sondern verarbeiten. Im Endeffekt ist es ein Riesenvorteil. Außerdem muss man wirklich mal die Kirche im Dorf lassen. Die Leverkusener müssen nun wirklich nicht mit gesenktem Haupt auftreten.

Apropos auftreten. Ihnen wurde zuletzt zum Beispiel von Andreas Möller oder Klaus Augenthaler vorgeworfen, arrogant geworden zu sein. Wie gehen Sie mit solchen Vorwürfen um?

Kahn: Damit beschäftige ich mich überhaupt nicht mehr. Das ist einfach so: Wenn du sehr erfolgreich bist, gibt es immer wieder Menschen, die mit diesem Erfolg gewisse Probleme haben. Obwohl ich die Dinge genauso mache, wie ich sie früher gemacht habe, werden sie plötzlich anders bewertet. Es berührt mich deswegen überhaupt nicht.

Inwieweit würde Sie ein frühzeitiges Scheitern bei der WM berühren, oder denken Sie daran gar nicht?

Kahn: Ich bin Realist und keiner, der irgendwelche Sprechblasen von sich gibt und sagt: Wir kommen jetzt da und da hin - oder ins Halbfinale. Ich setze mir immer Zwischenziele. Das heißt: Jetzt ist es erst mal primär die Aufgabe der Mannschaft, die Vorrunde zu überstehen und dort einen ansprechenden Fußball zu spielen. Und dann setzt man sich weitere Ziele. Wenn man die Vorrunde überstanden hat, steht man im Achtelfinale und versucht, das Viertelfinale zu erreichen. Und so hangelt man sich von Ziel zu Ziel. Aber jetzt davon zu sprechen: Das ist das Minimalziel, das muss man erreichen - das wäre verkehrt.

Es ist Ihre dritte WM-Teilnahme. Ist es auch Ihre letzte WM?

Kahn: Das ist abhängig von vielen, vielen Dingen. Das ist abhängig von der Gesundheit, das ist abhängig von meinem Kopf. Ob ich überhaupt noch bis 2006 spielen will. Ob ich überhaupt noch Spaß daran habe. Und wenn alles zusammenpasst und es weiterhin Spaß macht, kann man es sicherlich in Erwägung ziehen. Dann wäre ich in einem Alter wie der Andreas Köpke bei der letzten WM. Aber das lasse ich ganz locker auf mich zukommen.

Sie haben schon reichlich Erfahrung mit Trainingslagern. In Miyazaki ist erste Kritik am Quartier aufgekommen. Befürchten Sie einen Lagerkoller?

Kahn: Also, wenn ich das schon höre: Lagerkoller. Dann muss ich halt man lernen, mit mir etwas anzufangen. Etwas zu tun, sich für etwas zu interessieren. Es gibt ja auch noch andere Dinge, die man tun kann, wenn man jetzt hier ständig im Hotel ist. Für mich ist es auch ein Zeichen von Reife, dass man sich nicht unbedingt selbst in diese Situation von Lagerkoller hineinmanövriert.


Das Gespräch führten Jürgen Zelustek und Thomas Niklaus, sid



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