Interview mit Otto Addo "Ich musste mich als Ausländer fühlen"

Otto Addo, 25, ist bei Borussia Dortmund zum unverzichtbaren Allrounder in der Offensive geworden. In Teil 1 der neuen SPIEGEL-ONLINE-Reihe "Vision Fußball" spricht der Ghanaer, der in Hamburg geboren wurde, über Rassismus, Nationalstolz und über Afrikas Fußball-Zukunft.

Von Andreas Kötter


In unserer neuen Reihe "Vision Fußball" stellen wir Protagonisten des Fußball-Geschäfts die Frage nach der Zukunft. Den Auftakt macht der Dortmunder Fußball-Profi Otto Addo. Interviews mit unter anderen dem TV-Reporter Marcel Reif sowie dem Schalker Trainer Huub Stevens werden folgen.

Otto Addo, Borussia Dortmund
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Otto Addo, Borussia Dortmund

SPIEGEL ONLINE: Herr Addo, obwohl Sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, spielen Sie nicht für die deutsche, sondern für die ghanaische Nationalmannschaft. Sie haben das damit begründet, dass Sie sich nicht als Deutscher fühlen können.

Otto Addo: Auf Grund meiner Hautfarbe haben mich die Leute nie als Deutschen, sondern immer als Ausländer angesehen. Da war es für mich nur logisch, dass ich mich auch als Ausländer fühlen musste.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen das Fußballspielen in Deutschland noch Spaß, wo sich hier derzeit wieder mal rassistische Übergriffe häufen?

Addo: Ich trenne das voneinander. Einerseits ist da das Leben in Deutschland, andererseits ist da das Fußballspielen. Fußball zu spielen macht mir generell Spaß, ob und was da auf den Rängen vor sich geht, bekomme ich heute nicht mehr so mit. Man wird als Bundesliga-Profi in einer Zeit, in der jeder Verein auch ausländische Spieler unter Vertrag hat, mit diesen Dingen auch nicht mehr so konfrontiert. Als ich jünger war und noch mit der Bahn oder dem Fahrrad unterwegs war, habe ich durchaus rassistische Parolen oder gar Angriffe erfahren müssen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt nicht mehr?

Addo: Ich kenne das schon noch. Und wenn ich dann Lust und Laune habe, versuche ich auch zu diskutieren, etwa mit der Verkäuferin, die mir dreimal sagt, wie teuer die Jacke ist. So als müsste sie mir klar machen, dass ich mir die sowieso nicht leisten kann. Manch einer entschuldigt sich dann sogar, und es stimmt mich dann positiv, wenn einer erkennt, dass er einen Fehler gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist es für einen schwarzen Fußballer schlimmer zu spielen, im Westen oder im Osten dieser Republik?

Addo: Ich kann heute, wenn ich mit Borussia in den Osten reise, nicht sagen, dass es dort besonders schlimm wäre.

SPIEGEL ONLINE: Es ist aber schon mal anders gewesen.

Addo: Vor drei Jahren hatte ich mit Hannover 96 ein Aufstiegsspiel zur Zweiten Liga in Cottbus. Damals sind mein Mannschaftskamerad Gerald Asamoah und ich dort aufs Übelste beschimpft worden, was für uns ein sehr schlimmes Erlebnis war. Heute scheint mir das besser zu sein. Natürlich ruft immer wieder mal einer irgendeine Beleidigung, aber im Großen und Ganzen ist es besser geworden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Rassismus auch schon von Seiten der Gegen- oder gar Mitspieler erfahren müssen?

Addo: In der eigenen Mannschaft gibt es das nicht. Mag sein, dass es auch da den ein oder anderen Spruch gibt, aber es ist ein Unterschied, ob ich einen nicht kenne oder ob ich mit ihm zwei oder drei Jahre gemeinsam Fußball spiele. Da weiß man dann genau, wie das gemeint ist.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist das dann gemeint?

Im Revierderby gegen Schalke 04 attackiert Addo (r.) den Schalker Goalgetter Ebbe Sand
AP

Im Revierderby gegen Schalke 04 attackiert Addo (r.) den Schalker Goalgetter Ebbe Sand

Addo: Wenn ich vor dem Training irgendwo aus einer dunkleren Ecke auf die Gruppe zugehe und einer sagt dann: "Hey, man sieht dich ja gar nicht", dann weiß ich das zu nehmen. Kommt das aber von einem, den ich nicht kenne, ist das ein Problem für mich. Rassistische Äußerungen von Gegenspielern, etwa um mich zu einer Tätlichkeit zu provozieren, habe ich in der Bundesliga noch nicht erfahren, in der Zweiten Liga und in der Regionalliga war das allerdings anders. Fast scheint es mir, als ob mit der Zugehörigkeit zu einem Top-Club wie Borussia Dortmund auch der Respekt der Gegenspieler gewachsen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Idee von Nationalmannschaften vor dem Hintergrund eines sich vereinigenden Europas und in einer globalisierten Welt überhaupt noch eine Zukunft?

Addo: Ich glaube schon. Länderspiele sind doch ein schönes Erlebnis, oft auch für Menschen, die sonst überhaupt keinen Fußball gucken. Es gibt nun einmal verschiedene Kulturen und Sprachen auf dieser Welt. Das wird immer so sein, also machen auch Nationalmannschaften Sinn. Besonders schön finde ich diese Idee dann, wenn Spieler verschiedener Hautfarbe in eine Mannschaft integriert sind, wie in Frankreich.

SPIEGEL ONLINE: Der Begriff "national" ist in Deutschland zwangsläufig negativ belegt. Wie verhält sich das in Ghana? Ist man stolz darauf, Ghanaer zu sein?

Addo: Weil ich in Deutschland aufgewachsen bin, bin auch ich sehr vorsichtig, wenn es um die Verbindung von "Stolz" und "Nation" geht. Vielleicht wäre ich stolz, wenn ich mit Ghana an einer WM teilnehmen würde.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen von den Olympiasiegen durch Nigeria 1996 und Kamerun 2000 ist dem afrikanischen Fußball der internationale Durchbruch bisher verwehrt geblieben. Warum klappt es bei Weltmeisterschaften nie?

Addo: Eine Weltmeisterschaft wird von vielen Ländern viel ernster genommen als ein olympisches Turnier. Häufig weigern sich Spieler, an Olympia teilzunehmen, weil sie statt dessen lieber für ihren Club spielen. Dazu kommt, dass man bei den Olympischen Spielen quasi mit einer Junioren-Auswahl antritt, und da haben die Afrikaner oft Vorteile, die sie dann bei den Männern nicht mehr bestätigen können.

SPIEGEL ONLINE: Welche Vorteile meinen Sie?

Addo: Bei den Männern, den Profis, steht nicht die Technik, die spielerische Eleganz an erster Stelle, sondern die Kraft und die Kondition. Wahrscheinlich kann man heute ein Spiel auch mit elf Manndeckern gewinnen, indem man alles einfach niederrennt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom deutschen Kraftmeier-Fußball.

Addo: Im Grunde ist es doch so, dass man sich ganz einfach dem vorherrschenden Stil anpassen muss, und der ist in der Bundesliga nun mal durch Kampf geprägt. Ich glaube, dass eine spielstarke Mannschaft, die in der spanischen Liga im unteren Tabellendrittel steht, hier schon vom Tempo her große Probleme bekommen würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie eigentlich die Entscheidung der Fifa aufgenommen, die WM 2006 nach Deutschland und nicht nach Südafrika zu vergeben?

Addo: Ich habe dem ganzen Trubel ziemlich neutral gegenübergestanden. Einerseits ist es für jemanden, der in Deutschland geboren ist, eine schöne Sache, dass die WM auch hier stattfindet. Für mich wäre es natürlich das Größte, wenn ich 2006 mit Ghana vor meinen deutschen Freunden spielen könnte. Andererseits ist es natürlich auch schade. Südafrika ist ein Land, das ziemlich weit ist in seiner Entwicklung und das daher sicherlich auch über die Infrastruktur verfügt, eine WM auszurichten.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass ein afrikanisches Land bei den Weltmeisterschaften 2002 oder 2006 Weltmeister werden kann?

Otto Addo: "Fühle mich als Ausländer"
DPA

Otto Addo: "Fühle mich als Ausländer"

Addo: Länder wie Kamerun oder Nigeria haben bewiesen, dass sie mit den ganz Großen mithalten können. Was noch fehlt, ist die Konstanz. Häufig wird einfach zu unbekümmert gespielt, und dann rennt man ins offene Messer. Das Potenzial aber ist auf jeden Fall da, die Spieler sind schließlich auch alle bei europäischen Top-Teams unter Vertrag.

SPIEGEL ONLINE: Ist das "Legionärstum" ein Problem für den afrikanischen Fußball?

Addo: Der afrikanische Vereinsfußball wird so natürlich geschwächt. Andererseits lernen die Spieler im Ausland, sich ans Weltniveau anzupassen, was dann auch wieder den Nationalmannschaften zugute kommt. Und schließlich ist es für jeden einzelnen in Europa tätigen Spieler ein Vorteil, weil er sich einen Namen machen und viel Geld verdienen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie den Fußball im Jahr 2010?

Addo: Die Dimensionen, die der Fußball und alles, was mit ihm zu tun hat, also Fans, Fernsehen, andere Medien, erreicht haben, sind gewaltig. Als Spieler profitiere ich natürlich von diesem Boom, und es scheint ja auch so, als sollten immer mehr Menschen den Fußball lieben. Ob diese Entwicklung gut ist, fragen Sie mich besser noch mal in ein paar Jahren.



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