Interview mit Ralf Loose "Rudi Völler hat Unrecht"

Liechtenstein gehört zu den Fußballzwergen, von denen Rudi Völler behauptet, es gebe sie nicht mehr. Der liechtensteinische Nationaltrainer und frühere Bundesligaspieler Ralf Loose sprach mit SPIEGEL ONLINE über das bevorstehende EM-Qualifikationsspiel gegen England, über programmierte Niederlagen und seine Bundesliga-Ambitionen.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Loose, erst am Dienstag gab die Uefa grünes Licht für das EM-Qualifikationsspiel gegen England – trotz Hooligans und Anti-Kriegs-Demonstrationen. Kann die 70-köpfige Polizeistaffel des Fürstentums Liechtenstein wirklich für Sicherheit garantieren?

Ralf Loose: Es gibt Verstärkung aus der Schweiz und aus Österreich. Es war eher eine finanzielle Frage, wer die zusätzlichen Einsatzkräfte bezahlt. Aber der Fußballverband wird nun die Kosten übernehmen, und damit ist das geregelt.

SPIEGEL ONLINE: Für ein so kleines Land wie Liechtenstein bedeutet ein Länderspiel nahezu die Ausrufung des Ausnahmezustandes ...

Loose: Da ist vollkommen richtig. Meiner Ansicht nach aber wird um die Sicherheit zu viel Theater gemacht. In anderen Ländern werden Zäune abgebaut, bei uns werden sie aufgebaut. Wir haben schon gegen viele große Nationen gespielt wie Spanien und Portugal. Oder wenn ich an die Iren denke, die eine ähnliche Begeisterung mitbringen wie die Engländer. Es waren immer friedliche Spiele, und das erwarte ich diesmal auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die sportlichen Erwartungen für das Spiel gegen England?

Loose: Zu Beginn meiner Amtszeit hatten wir große Probleme, weil viele Spieler nicht einmal konditionell in guter Verfassung waren. Da brauchte man schon Glück, um manche Phasen im Spiel zu überstehen. Das hat sich inzwischen gebessert. Gegen Spanien haben wir nur 0:2 verloren, das war schon eine tolle Leistung. Ich hoffe, dass es sich diesmal in einem ähnlichen Rahmen bewegt. Wenn es ein, zwei Tore mehr werden, ist es auch nicht schlimm. Und ich wünsche mir, dass wir selbst ein Tor erzielen. Für Liechtenstein ist das Spiel ein Großereignis. Wir sind eine junge Mannschaft mit acht Spielern unter 21 Jahren, die freuen sich natürlich sehr darauf. Ich hoffe nur, dass sie nicht so viel Respekt vor dem Gegner haben.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich auf Spiele freuen, wenn die Niederlage schon programmiert ist?

Loose: Das ist in Liechtenstein nichts Neues. Wir haben zurzeit noch einen relativ guten Schnitt, fast jedes dritte Spiel haben wir gepunktet. Das ist eine sensationelle Ausbeute. Wir sind sicher kein Kanonenfutter mehr wie früher.

SPIEGEL ONLINE: Aber sind die ständigen Niederlagen nicht deprimierend?

Sportlicher Entwicklungshelfer: Liechtensteins Nationaltrainer Ralf Loose
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Sportlicher Entwicklungshelfer: Liechtensteins Nationaltrainer Ralf Loose

Loose: Nein. Wer hier einen Vertrag unterschreibt, weiß, dass er meistens Niederlagen kassiert. Man muss sich an die Erfolge erinnern. Früher haben wir einen Profi gehabt, jetzt haben wir zwölf – das ist ein erheblicher Fortschritt innerhalb von fünf Jahren. Und ich trainiere ja nicht nur die A-Nationalmannschaft, sondern auch die älteste Nachwuchsmannschaft, die gegen die besten Clubs der Schweiz, gegen die Grashopper Zürich, Genf und Basel, spielt. Da sind wir zwei Mal Vizemeister geworden und im Jahr 2000 sogar Meister. Es ist also nicht so, dass ich ein Loser-Trainer bin, wie das mein Name vielleicht nahe legt.

SPIEGEL ONLINE: Rudi Völler behauptet, es gebe heutzutage keine Fußball-Zwerge mehr. Geben Sie ihm Recht?

Loose: Nein. Es gibt nach wie vor Fußball-Zwerge, und das wird immer so bleiben. Liechtenstein ist einer dieser Zwerge. Die Großen legen das nur so aus, weil sie Angst vor einer Blamage haben.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich also als Entwicklungshelfer?

Loose: Es gibt zwei Arten von Trainern: Die einen leisten Aufbauarbeit, müssen mit dem Spielermaterial, das sie zur Verfügung haben, arbeiten und aus schlechten Spielern bessere machen. Das tue ich hier. Es ist nicht wie in der Bundesliga, wo Spieler, mit denen man unzufrieden ist, einfach verkauft und neue eingekauft werden.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man einen Vergleich anstellt – in welcher Liga würde die Liechtensteiner Nationalmannschaft in Deutschland spielen?

Loose: In unserer Mannschaft gibt es vom besten bis zum schlechtesten Spieler eine relativ große Differenz. Ich würde aber sagen, dass wir im Schnitt eine mittelmäßige bis relativ gute Regionalligamannschaft wären.

SPIEGEL ONLINE: Wie fällt denn die persönliche Bilanz Ihrer Arbeit aus?

Im Jahr 2000 unterlag Liechtenstein der DFB-Elf mit 2:8
DPA

Im Jahr 2000 unterlag Liechtenstein der DFB-Elf mit 2:8

Loose: Ich bin damit sehr zufrieden. Nur im Nachwuchsbereich liegen viele Sachen im Argen. Vieles wird nicht so umgesetzt, wie ich mir das vorstelle. Dabei ist dort die Zukunft des Verbandes. Wenn sich keine Verbesserungen einstellen, wird der Liechtensteiner Fußball in einigen Jahren wieder einen erheblichen Rückschritt machen.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment wird Liechtenstein in der Fifa-Rangliste auf Platz 152 geführt. Wo sehen Sie das Fürstentum in einigen Jahren?

Loose: Wenn man auf dem Weg wie bisher weitermachen würde, wird man in Zukunft häufiger Siege feiern können. Man wird auch großen Nationen Punkte abnehmen können. Da bin ich optimistisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit der Fußballbegeisterung im Land aus?

Loose: In Liechtenstein ist Fußball die Sportart Nummer eins. Für die wenigen Vereine gibt es sehr viele Mannschaften. (In Liechtenstein gibt es sieben Fußballvereine mit rund 100 Mannschaften, d. Red.) Aber das Land ist nicht wirklich fußballbegeistert. Es gibt kein Fanwesen, jedes Heimspiel ist ein Auswärtsspiel.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie eigentlich Nationaltrainer von Liechtenstein geworden?

Loose: Ich habe mit 33 Jahren meine aktive Karriere wegen einer Verletzung beenden müssen und habe gleich darauf die Fußballlehrerlizenz an der Sporthochschule in Köln gemacht. Der Nationaltrainer in Liechtenstein war damals Dietrich Weise, mit dem ich in den DFB-Junioren Europa- und Weltmeister geworden bin. Er hat mich gefragt, ob ich nach Liechtenstein kommen möchte. Ich war dann zwei Jahre als Juniorennationaltrainer tätig und habe nach seinem Weggang die A-Nationalmannschaft übernommen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es keine anderen Angebote?

Loose: Zu diesem Zeitpunkt war ich Co-Trainer bei Mainz 05 in der 2. Bundesliga. Aber es hat mich gereizt, als Cheftrainer zu arbeiten. Es gab den Kontakt zu Herrn Weise. Wir schätzen uns gegenseitig, und ich habe das Angebot angenommen. Im Nachhinein muss ich sagen, es war für mich eine sehr lehrreiche Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, Sie würden die Arbeit hier als Entwicklungs- und Reifeprozess nutzen – im Hinblick auf welches Ziel?

Loose: Natürlich ist es mein Ziel, in der Bundesliga zu arbeiten, egal ob 1. oder 2. Liga. Aber es sollte ein Verein mit einer Führung sein, die dem Trainer den Rücken stärkt und wo sich etwas bewegen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihrer aktiven Zeit mehrere Jahre bei Borussia Dortmund gespielt. Würden Sie gerne dorthin zurückkehren?

Europäische Provinz: Das Fürstentum Liechtenstein
GMS

Europäische Provinz: Das Fürstentum Liechtenstein

Loose: Das wäre natürlich ein Traum. Aber dazu wird es wohl nicht sofort kommen. Erstmal würde ich wohl einen Verein übernehmen, der nicht in diesem absoluten Spitzenbereich ist. Ich bin noch relativ jung, habe zwar schon viel Erfahrung, auch international. Aber ich kann mit der A-Nationalmannschaft keine großen Erfolge einfahren. Das ist natürlich ein Handicap.

SPIEGEL ONLINE: In Liechtenstein betreiben Sie nicht gerade Eigenwerbung ...

Loose: Sicher bewegt man sich nicht so im Rampenlicht, vor allem in Deutschland nicht. Wobei, die großen Vereine wissen schon, wer wo arbeitet und welche Arbeit dort geleistet wird.

SPIEGEL ONLINE: Man hat Ihnen damals als Jugendnationalspieler eine große Zukunft prophezeit, dann ist alles ein bisschen anders gekommen. Sind Sie enttäuscht?

Loose: Was die Karriere betraf, hat man mich damals mit Beckenbauer verglichen. Das ist für einen jungen Spieler nicht gut. Ich bin dann zwar kein A-Nationalspieler geworden, aber ich war in jedem Verein Stammspieler. Deswegen bin ich mit dem Karriereverlauf zufrieden. Und als Trainer ist es momentan noch die Anfangsphase. Es werden sich Möglichkeiten eröffnen - und dann muss ich eben mein Können unter Beweis stellen.

Das Gespräch führte Sabrina Ebitsch



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