Interview mit Roger Wittmann "Die haben mit Fußball nichts am Hut!"

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Spielerberater Roger Wittmann über den schlechten Ruf seiner Branche, die Vorzüge des Internet und seine Angst vor der Änderung des Transferrechts durch die EU.

Von Andreas Kötter


SPIEGEL ONLINE:

Herr Wittmann, die Branche, in der Sie tätig sind, genießt keinen besonders guten Ruf.

Roger Wittmann: Ich bin nicht sicher, ob wir wirklich einen so schlechten Ruf haben.

SPIEGEL ONLINE: Lothar Matthäus hat behauptet, Spielervermittlern komme es auf "die eigene, schnelle Mark" an, weniger auf das Wohl ihrer Klienten.

Wittmann: Ich glaube kaum, dass Lothar während seiner Karriere zu seinem Berater gegangen ist und ihm aufgetragen hat, irgendetwas nur zum Wohlergehen des Vereines, nicht aber zum Vorteil von Lothar Matthäus zu tun. Ich glaube, dass es ein Geben und Nehmen zwischen Vereinen und Spielerberatern ist. Wir leben davon, dass wir ständig im Kontakt miteinander stehen. Im Übrigen: Jeder Verein hat einen Manager, warum sollte ein Spieler dann keinen haben?

SPIEGEL ONLINE: Welchen Service bieten Sie Ihren Kunden?

Wittmann: In der Rogon AG arbeiten unter anderem ein Wirtschaftsprüfer, ein Anwalt und auch ein Medienfachmann, der unsere Klienten im Umgang mit den Medien schulen soll. Dazu kommt selbstverständlich noch die Fußball-Fachkompetenz solcher Mitarbeiter wie Karlheinz Förster oder Bernd Cullmann. Zudem sind wir gerade eine Partnerschaft mit der Deutschen Bank eingegangen, die unsere Klienten bei der Kapitalanlage berät. All diese Spezialisten brauchen wir, wenn wir eine Karriereplanung vernünftig durchführen wollen. Unsere Manpower ist enorm.

SPIEGEL ONLINE: Experten behaupten, dass sich Beratungsagenturen für Sportler, wie die amerikanische IMG oder die skandinavische ISM, den Markt aufteilen werden.

Wittmann: Der Fußball ist in eine andere Dimension eingetreten. Als Einzelkämpfer wie beispielsweise Robert Schwan, der Franz Beckenbauer schon vor dreißig Jahren bei seinen Entscheidungen zur Seite stand, hat man heute keine Chance mehr. Alles spricht dafür, dass sich in Zukunft einige wenige Firmen, wie eben ISM oder auch unsere Rogon AG, den Markt teilen werden.

SPIEGEL ONLINE: Der DFB fürchtet, dass die Vereine einem solchen Machtpotenzial hilflos ausgeliefert sein könnten, etwa wenn mehrere Spieler eines Clubs bei ein und demselben Berater unter Vertrag stehen.

Wittmann: Bei uns sind 120 Spieler aus der ersten, zweiten und dritten Liga unter Vertrag. Natürlich passiert es da auch, dass mehrere Spieler eines Vereins dabei sind, wie etwa die Lauterer Mario Basler, Dimitrios Grammozis, Harry und Georg Koch. Ich sehe da aber kein Problem, denn wir leben davon, dass wir ein Vertrauensverhältnis zu den Vereinen haben. Nur wenn gegenseitiges Vertrauen da ist, können wir auch langfristig gute Geschäfte machen.

SPIEGEL ONLINE: Gute Geschäfte machen Sie doch aber vor allem dann, wenn ein Spieler den Verein wechselt. Ihr Klient Christian Timm aber ist beim 1. FC Köln geblieben, obwohl Sie ihm einen Wechsel zu Bayern München nahe gelegt haben.

Wittmann: Die finanzielle Komponente wird überschätzt. Ich habe Christian aus rein sportlichen Gründen zum Wechsel geraten, und ich bin auch heute noch hundertprozentig überzeugt, dass er der sportlichen Herausforderung gerecht geworden wäre. Ich kann aber andererseits auch seiner Argumentation folgen. Christian sagt: "Ich brauche das Erlebnis Bundesliga jeden Samstag. In München haben sie das Rotationsprinzip, also bleibe ich zunächst in Köln."

Roger Wittmann: "Der Fußball ist in eine andere Dimension eingetreten"

Roger Wittmann: "Der Fußball ist in eine andere Dimension eingetreten"

SPIEGEL ONLINE: Mit Timm wollen Sie "Big Brother" spielen. Bei ihm zu Hause soll eine Kamera aufgestellt werden, die rund um die Uhr Bilder für Timms Internetseite liefert.

Wittmann: "Big Brother" ist ein sehr populäres Thema, und wenn wir wollten, hätten wir in der Tat die technischen Möglichkeiten, so etwas zu machen. Es geht uns in erster Linie um die Anbindung an die Fans. Durch das Medium Internet hat der Fan das erste Mal die Möglichkeit, permanenten Zugang zu seinen Helden zu bekommen. Während der Spieler früher nach dem Training in sein Auto gestiegen ist und dann für den Fan unerreichbar war, kann der jetzt mit dem Spieler chatten, ihn persönliche Dinge fragen - wie etwa auf den Homepages, die wir mittlerweile für 50 unserer Klienten eingerichtet haben.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie weitere Entwicklungsmöglichkeiten im Internet, etwa im B2B-Bereich?

Wittmann: Eine solche Informationsplattform werden wir in etwa sechs Monaten anbieten. Wenn sich der Trainer X dann für den Spieler Y interessiert, erhält er von uns ein Passwort und bekommt exakte Daten, wie er sie noch nie in seinem Leben gesehen hat. Also Laktatwerte, Schnelligkeit auf den ersten zehn, den ersten zwanzig, den ersten dreißig Metern, Stand der Verletzungen und vieles mehr. Dieses Instrumentarium wird unsere Arbeit revolutionieren.

SPIEGEL ONLINE: Müsste es, gerade auch angesichts des sich ständig erweiternden Berufsbildes des Spielerberaters, nicht eine richtige Ausbildung für diesen Job geben?

Wittmann: Vor zehn Jahren hätte ich Ihre Frage verneint. Heute aber sind wir für die Karriereplanung der jungen Spieler zu einem so großen Teil mitverantwortlich, dass es mit bloßem Handeln nach bestem Wissen und Gewissen nicht getan ist. Schließlich hängen meist gleich mehrere Menschen an einer Entscheidung: Wenn ein Spieler nach einem Wechsel unglücklich ist, dann ist auch seine Familie unglücklich. Feste Strukturen sind notwendig, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, und diese Strukturen könnte eine Ausbildung sicher am besten schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Neue Strukturen schaffen will auch die EU, die beabsichtigt das geltende Transferrecht zu ändern. Das dürfte den Einfluss Ihrer Branche noch steigern, zu Lasten der Vereine.

Wittmann: Auch wenn Sie diese Aussage enttäuschen mag: Sollte die EU mit ihren Forderungen nach einer vielleicht sogar nur dreimonatigen Kündigungsfrist von Spielerseite durchkommen, dann wäre das der Tod des Fußballs. Natürlich würden wir kurzfristig sehr gut verdienen, schon mittelfristig aber würde das gesamte System kollabieren und alle kleinen Vereine würden zerstört werden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wittmann, Sie sind ja ein richtiger Altruist!

Wittmann: Wenn die Politik sich durchsetzt, wird es das, wovon der Fußball immer gelebt hat, die Identifikation der Fans mit den Spielern, nicht mehr geben. Warum hat denn etwa der Betzenberg diese ganz besondere Aura? Weil es dort Spieler gab und gibt, die immer oder zumindest sehr lange dort waren, Spieler wie "Atze" Friedrich, Seppl Pirrung oder auch Hans-Peter Briegel. Und noch heute verbindet jeder mit dem HSV einen Uwe Seeler, mit Borussia Mönchengladbach einen Günter Netzer oder mit Eintracht Frankfurt einen Jürgen Grabowski. Wenn den Politikern nichts Besseres einfällt, als dieses neue Transferrecht zu verzapfen, dann weiß man, dass diese Leute nie etwas mit dem Fußball am Hut hatten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Angst, dass die Politik sich durchsetzt.

Wittmann: Ich befürchte, dass die Spieler klagen, wenn die Politiker scheitern. Ob der Fußball das dann aushalten wird, steht in den Sternen. Was wir brauchen, sind Ideen. Warum geben wird den Fußballern keinen Künstler-Status? Dann würden die Profis beispielsweise auf eine Million Mark Gehalt lediglich zehn Prozent Steuern zahlen, so dass in der Folge auch die horrenden Gehälter heruntergeschraubt werden könnten. Warum geht das in Spanien, aber hier nicht?



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