Interview mit Rudi Völler "Den Adler nicht auf der Brust tätowiert"

Mit der Qualifikation für die Europameisterschaft haben Rudi Völler und die deutsche Nationalelf ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg zur WM 2006 im eigenen Land erreicht. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Teamchef über die Nachwuchsprobleme im DFB, die Kritik von Günter Netzer und den Konflikt mit den Bundesligavereinen.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Völler, wie gefällt dem Teamchef das "Das Wunder von Bern"?

 Rudi Völler: "Wir sind alle gläsern"
DPA

Rudi Völler: "Wir sind alle gläsern"

Rudi Völler: Ich habe den Film bereits zum dritten Mal gesehen, vor Monaten schon einmal in der Rohfassung, dann vor wenigen Wochen in einem Kino in Frankfurt und schließlich am Premierenabend. Das sagt doch alles. Ich bin ganz ehrlich, ein Tränchen musste ich mir schon verdrücken wie viele andere Zuschauer auch.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass es im nächsten Jahr vielleicht ein Wunder von Lissabon geben kann, das dann auch eines Tages verfilmt wird?

Völler: 1954 kann man mit unserer Situation nur schlecht vergleichen. Heute sind wir alle, die wir in diesem Geschäft arbeiten, doch sowieso gläsern, da muss man keinen Film mehr drehen. Über jeden Spieler ist doch alles bekannt, und jede noch so beiläufige Aussage wird kolportiert. Bei den 54ern war das anders. Von denen gab es außer den paar Bildern vom Endspiel kaum etwas zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: In der Tat ist das heute anders, Ihr öffentlicher Wutausbruch nach dem 0:0 auf Island war selbst bei Deutschlands Spitzenpolitikern Gesprächsthema Nummer eins.

Völler: Zu diesem Thema äußere ich mich nicht mehr, das ist vorbei. Ich weiß, dass das tagelang alle beschäftigt hat, jetzt aber wäre jedes weitere Wort einfach zuviel des Guten.

SPIEGEL ONLINE: Möglicherweise hat das Ihr Team aber in einer kritischen Phase zusammengeschweißt. Haben Sie selbst im Laufe der EM-Qualifikation Zweifel gehabt, dass es reichen würde?

Völler: Nein. Ich war mir absolut sicher, dass wir es packen würden. Allerdings war mir auch klar, dass man in jeder Partie am oberen Limit spielen muss. Das zeigen auch viele Ergebnisse in den anderen Gruppen. Letztlich haben wir es recht souverän geschafft, wenn man sich die Abschlusstabelle ansieht. Entscheidend dafür war wohl auch, dass wir es immer wussten, dass wir es aus eigener Kraft schaffen können.

SPIEGEL ONLINE: Welche Spieler haben Sie in der entscheidenden Phase positiv überrascht?

Völler: Ich hebe nicht so gerne einzelne heraus...

SPIEGEL ONLINE: ...bis auf Christian Wörns, dem Sie nach dem 3:0 im Rückspiel gegen Island eine Weltklasse-Leistung attestiert haben.

 Günter Netzer ist der anerkannteste Kritiker der Nationalelf
DPA

Günter Netzer ist der anerkannteste Kritiker der Nationalelf

Völler: Das hatte er sich auch verdient, gerade deshalb, weil er als Abwehrspieler sonst nicht so im Blickfeld steht. Als es darauf ankam, in Dortmund gegen Schottland und dann in Hamburg gegen Island, haben aber auch alle anderen ihre Leistung gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Besonders Michael Ballack.

Völler: Unbedingt! Seit dem Relegationsspiel gegen die Ukraine und der folgenden Weltmeisterschaft ist Michael nicht mehr derselbe, wie noch zwei Jahre zuvor. Nicht nur fußballerisch, sondern auch menschlich und charakterlich hat er eine enorme Entwicklung gemacht. Er ist heute ein wahrer Führungsspieler.

SPIEGEL ONLINE: Günter Netzer hat ihm vorgeworfen, er sei kein Führungsspieler; ärgert Sie diese Kritik?

Völler: Ich sehe das nicht so dramatisch. Entscheidend ist, dass ich weiß, dass Michael nicht nur ein exzellenter Fußballer, sondern eben auch ein Führungsspieler ist. Das hat er mittlerweile zur Genüge beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Vor dem entscheidenden Spiel gegen Island forderte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sie indirekt auf, Ballack zu schonen. Immer wieder kollidieren die Interessen der Vereine mit denen der Nationalmannschaft wie zuletzt bei der Abstellung von Ballack. Wünschen Sie sich mehr Gemeinsinn bei den Vereinen?

Völler: Der Stellenwert der Nationalmannschaft ist riesig, und dem tragen die Vereine letztlich auch Rechnung. Ich habe aber stets ein offenes Ohr und bin niemand, der alles nur durch die DFB-Brille sieht und den Adler auf der Brust tätowiert hat. Schließlich komme ich auch aus einem Verein und kenne die Sorgen der Verantwortlichen. Es muss und wird Kompromisse geben. Ich sehe diese Diskussion sehr gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Bereitet es Ihnen Sorge, dass deutsche Spieler, insbesondere junge, in der Bundesliga nur selten zum Einsatz kommen und stattdessen ausländische Akteure spielen?

 Führungsspieler: "Ballack ist nicht mehr derselbe wie zwei Jahre zuvor"
DDP

Führungsspieler: "Ballack ist nicht mehr derselbe wie zwei Jahre zuvor"

Völler: Wir sind nun einmal an geltendes EU-Recht gebunden. Allerdings hat man es in anderen europäischen Ligen auch geschafft, den eigenen Nachwuchs intensiv zu fördern, Deutschland nimmt da im Vergleich eher einen hinteren Platz ein. Ich hoffe, dass DFB und DFL eine Lösung finden, wie man jungen Talenten mehr Spielpraxis verschaffen kann. Denn Spielpraxis ist und bleibt das A und O!

SPIEGEL ONLINE: Also besser bei einem Zweitligisten auf dem Rasen, als bei einem Erstligisten auf der Bank?

Völler: Da ist sicher etwas dran. Mein Glück zum Beispiel war, dass ich als junger Spieler bei den Offenbacher Kickers unter Vertrag stand. Die hatten akute Finanzprobleme und konnten nicht einkaufen, so dass ich auch dann eingesetzt wurde, wenn ich vorher dreimal Käse gespielt hatte. Dennoch muss es natürlich das Bestreben sein, sich irgendwann auch in der Bundesliga durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Stuttgarts Trainer Felix Magath meinte in diesem Zusammenhang sogar, dass es ein heilsamer Schock gewesen wäre, sich einmal nicht für die EM zu qualifizieren.

Völler: Ich glaube, dass Felix im Nachhinein über sich selbst erschrocken ist. Nein, es muss immer das Ziel sein, an einem solchen Turnier teilzunehmen. Der bloße Erfahrungswert ist durch nichts zu ersetzen. Selbst ein misslungenes Turnier wie die EM 2000 ist besser, als gar nicht dabei zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Aussichten für 2004 sind ungleich besser, was trauen Sie Ihrem Team zu?

Völler: Wir haben eine gute WM, dann eine EM-Qualifikation mit Höhen und Tiefen gespielt und sind jetzt zurecht dabei. Die Leistungsdichte bei einer EM ist aber höher als bei einer WM, bei der immer einige Exoten dabei sind. Man kann sehr weit kommen, aber auch sehr früh ausscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie nachvollziehen, wenn Franz Beckenbauer verkündet: "Wir können Europameister werden"?

 EM-Favorit: "Die Franzosen haben ihr Tief überwunden"
REUTERS

EM-Favorit: "Die Franzosen haben ihr Tief überwunden"

Völler: Das gehört zum Geschäft. Franz ist Kolumnist. Das finde ich auch nicht schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Welche Titelfavoriten sehen Sie?

Völler: Sicherlich die Franzosen, die ihr Tief überwunden haben. Dann die Italiener, die Tschechen. Aber es gibt auch weitere Kandidaten, etwa die Spanier und die Niederländer, wenn sie sich in der Relegation durchsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie überrascht, dass sich die beiden nicht direkt qualifiziert haben?

Völler: Ein wenig schon, obwohl das meine Meinung gestützt hat, dass es die vermeintlich Kleinen nicht mehr gibt. Was Spanien betrifft: Otto Rehhagel hat mit den Griechen hervorragende Arbeit geleistet - wie übrigens Berti Vogts mit den Schotten auch. Möglicherweise aber hat es den Spaniern geschadet, dass sie nach dem Doppelspieltag im Juni noch weiter in der Meisterschaft antreten mussten, im Gegensatz zu allen anderen Ländern. In der Primera Division ging es damals noch um viel. Vielleicht haben die Spieler das bei den Qualifikationsspielen im Kopf gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Dass es keine Fußball-Zwerge mehr gibt, predigen Sie fast wie ein Mantra.

Völler: Wäre unsere Nationalmannschaft das einzige Team, dem es manchmal so geht wie gegen die Färöer oder Island, dann könnte man sagen: Was erzählt denn der Völler da, die anderen hauen ihre Gegner 8:0 weg, also muss er das mit seinem Team auch schaffen. Aber man sieht es ja jetzt auch im Uefa-Pokal, wo Hertha und der HSV gegen weitgehend unbekannte Mannschaften ausgeschieden sind. Oder Brasilien: Die gewinnen in Bestbesetzung mit Mühe und Not 1:0 gegen Jamaica. Solche Resultate sind mir dann schon eine kleine Genugtuung.

SPIEGEL ONLINE: Hängt es Ihnen manchmal zum Hals raus, den Journalisten dies immer wieder erklären zu müssen?

Völler: Nein, und ich werde es immer wieder tun, auch wenn das manch einem nicht passt. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir achtmal gegen Albanien gespielt und immer nur ganz knapp gewonnen. Trotzdem glaubt jeder immer aufs Neue, dass wir die mit 5:0 weghauen müssen. Das stimmt einfach nicht. Die können auch Fußball spielen. Würde man Eintracht Frankfurt ihre drei Albaner Skela, Cipi und Dragusha wegnehmen, dann hätte der Club ein Riesenproblem.


Das Interview führte Andreas Kötter



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