Interview mit Sportpsychologe Strauß "Die Reaktion des WM-OK ist menschlich"

Es war das Thema der vergangenen Tage: Die Stadien-Studie der Stiftung Warentest. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Sportpsychologen Bernd Strauß über dünnhäutige WM-Organisatoren, Franz Beckenbauers Attacke und die Frage, was man überhaupt noch kritisieren darf.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Strauß, Verbraucherschützer kritisieren die Ticketvergabe, Franz Beckenbauer attackiert die Stiftung Warentest, die Studie zur Sicherheit in den deutschen Stadien und die Reaktion des WM-OK gehen um die Welt. Ist aus der WM-Euphorie eine Hysterie geworden?

Bernd Strauß: Eine Hysterie sehe ich nicht. Aber das Ereignis naht, deshalb sind immer mehr Augen darauf gerichtet. Und alle erwarten, dass die WM ein Erfolg wird. Für die Organisatoren ist das eine große Aufgabe - und jeder kennt das von sich, wenn man lange an einer Sache arbeitet, und plötzlich kommt Kritik auf.

SPIEGEL ONLINE: Das verstehen wir, aber muss man derart dünnhäutig reagieren?

Strauß: Vor dem Hintergrund der Größe des Ereignisses und der Anstrengungen, die dafür notwendig sind, ist die Reaktion verständlich, weil menschlich. Aber das OK hat auch die Aufgabe, sich mit der Kritik einer Institution wie der Stiftung Warentest auseinanderzusetzen - gerade bei einem so sensiblen Thema wie der Sicherheit. Hier wurde vielleicht Kritik manchmal zu sehr persönlich genommen.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem bei OK-Chef Beckenbauer haben wir keine Kritikfähigkeit feststellen können

Strauß: Mir hat auch nicht gefallen, dass Beckenbauer von "Nörglern" gesprochen und verbal so ausgeteilt hat. Damit signalisiert er, dass er sich mit der Kritik überhaupt nicht auseinandersetzen, sondern nur den "vermeintlichen Gegner" Stiftung Warentest abwehren will. Dabei ist das ja kein Gegner, sondern lediglich eine Institution, die Hilfestellung geben will.

SPIEGEL ONLINE: Dabei fiel das Wort Hilfe gar nicht, stattdessen war von Panikmache die Rede.

Strauß: Wir sprechen hier zwar von einem unwahrscheinlichen Fall, dem einer Panik im Stadion. Wenn der aber eintritt, kann er unglaubliche Folgen haben. Bei der eingestürzten Eishalle von Bad Reichenhall geht es ja mittlerweile auch um die Frage, ob man das vorher hätte wissen können. Deshalb soll man beim WM-OK auch froh sein, dass es öffentliche Instanzen wie die Stiftung Warentest gibt, die auf mögliche - wenn auch unwahrscheinliche - Probleme hinweist. Stellen Sie sich vor, es passiert wirklich was während der WM. Welche Debatte würden wir wohl dann führen!

SPIEGEL ONLINE: Umso fragwürdiger wirkt es, dass nahezu jeder, der warnt oder die WM ein bisschen kritisch sieht, als Vaterlandsverräter bezeichnet wird.

WM-OK-Chef Beckenbauer: Warentest ist kein Gegner
AP

WM-OK-Chef Beckenbauer: Warentest ist kein Gegner

Strauß: Vielleicht. Aber man muss auch verstehen, dass alle, die die WM seit Jahren vorbereiten, jetzt auch wollen, dass sie ein Erfolg wird. Und plötzlich hat das OK eine Sicherheitsdiskussion und muss sich im In- und Ausland dafür rechtfertigen, was es womöglich versäumt haben könnte. Dass das nicht auf Begeisterung bei den Verantwortlichen stößt, ist doch klar.

SPIEGEL ONLINE: Aber das WM-OK wirkt nervös. Sind vielleicht die Ansprüche zu hoch?

Strauß: Nein, diese Ansprüche müssen diese Leute haben. Die WM wird von Milliarden Menschen verfolgt, sie soll zum Ansehen Deutschlands in der Welt beitragen. Da genügen nur allerhöchste Ansprüche.

SPIEGEL ONLINE: Die WM ist eine Herkules-Aufgabe für Politik, Organisatoren und Polizei, sie wird aber auch von nahezu allen Gesellschaftsgruppen vereinnahmt. Angela Merkel lässt sich wie ihr Vorgänger Gerhard Schröder mit einem Fußball fotografieren, die WM soll die Konjunktur ankurbeln...

Strauß: Das finde ich aber durchaus der Bedeutung angemessen. In den kommenden 20, 30 Jahren wird es kein derartiges Ereignis mehr geben, und da halte ich es nicht für falsch, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte sich am Gelingen beteiligen. Man darf die WM nicht kleinreden.

Das Interview führte Christian Gödecke



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