Interview mit Thomas Brdaric "Wir haben kein spezielles Sturmproblem"

Vor dem entscheidenden Spiel morgen gegen Tschechien wird viel über die deutsche Angriffsschwäche debattiert. Kuranyi und Co. treffen einfach nicht. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der künftige Wolfsburger Stürmer Thomas Brdaric, weshalb sich das DFB-Team in der Offensive so schwer tut und dennoch weiterkommen wird.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Brdaric, die für das Toreschießen zuständigen Spieler des deutschen Fußball-Nationalteams müssen sich derzeit heftige Kritik gefallen lassen. Wie sehr trifft Sie das?

Thomas Brdaric: Es ist richtig, die Stürmer zu kritisieren, wenn sie nicht treffen. Aber wenn man nur einen Kurzeinsatz hatte wie ich gegen Lettland, ist jede Kritik unangebracht.

SPIEGEL ONLINE: Aber als Joker kann man doch eigentlich nur gewinnen.

Brdaric: Aber es ist super schwierig. Als Einwechselspieler weißt du vor dem Spiel gar nicht, was auf dich zukommt: Kommst du überhaupt rein? Wann kommst du rein? Wie steht es dann? Die Anspannung auf der Bank wächst von Minute zu Minute. Und wenn man dann eingewechselt wird, muss man erst ins Spiel finden, braucht Ballkontakte, was kaum möglich ist, wenn in der gegnerischen Abwehr alles dicht ist. Wenn du nur die letzten zehn Minuten eingesetzt wirst, musst du das Glück haben, dass dir ein Ball mal auf den Schlappen oder auf den Kopf fällt. Bei Miro Klose war es ja so.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nach dem 0:0 gegen Lettland geträumt, Sie hätten diese Großchance zum Sieg gehabt?

Brdaric: Solche Chancen wünscht man sich selbst. Aber natürlich hofft man auch, dass der Mitspieler das Tor macht, wir wollen ja als Team erfolgreich sein.

SPIEGEL ONLINE: In zwei EM-Spielen hat die deutsche Elf erst einen Treffer erzielt. Sind die deutschen Angreifer zu schwach?

Brdaric: Ich glaube nicht, dass wir ein spezielles Sturmproblem haben, sondern ein generelles Problem, Tormöglichkeiten zu kreieren. Ein Stürmer ist darauf angewiesen, in Szene gesetzt zu werden. Wenn wenig über außen gespielt wird und man keine zwingenden Chancen hat, kann man keine Tore schießen. Jürgen Klinsmann zum Beispiel hat früher so häufig getroffen, weil er so zahlreiche Möglichkeiten hatte, denn er hat auch viel versemmelt. Wir müssen allerdings auch mal ein Spiel gewinnen, nach dem man sagen kann, dass wir aus einer Chance zwei Tore gemacht haben. Da ist dann individuelle Klasse gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb fordert Rudi Völler jetzt, dass man Mittelfeldspieler Michael Ballack häufiger in Tornähe anspielen soll. Das ist für die deutschen Angreifer ...

Brdaric: ... ein Armutszeugnis?

SPIEGEL ONLINE: ... zumindest kein Vertrauensbeweis. Enttäuscht Sie das?

Brdaric: Der Teamchef hat seine Formation im Kopf. Weil sich in der Vergangenheit ein erfolgreiches Team entwickelt hat, versucht er natürlich mit diesem Stamm über die Runden zu kommen. Von denen, die bei der EM dabei sind, habe ich in der Bundesliga zwar die meisten Tore geschossen. Aber da ich als einer der Letzten auf den EM-Zug aufgesprungen bin, kann ich nicht plötzlich sagen, ich will von Anfang an spielen. Ich werde mich immer unterordnen und auch mit der Jokerrolle abfinden.

SPIEGEL ONLINE: Von den fünf deutschen Stürmern im EM-Aufgebot sind Sie zwar der Schnellste. Im deutschen Spielsystem ist Ihr Typ eigentlich nur verlangt, wenn, in Führung liegend, auf Konter gespielt wird. Im Holland-Spiel wäre Ihre Einwechslung deshalb sinnvoller gewesen als gegen die Letten, die massiv hinten drin standen.

Brdaric: Ja. Das Konterspiel ist meine Stärke. In Leverkusen aber habe ich vor zwei Jahren auch allein in der Spitze gespielt und dann Bernd Schneider und Michael Ballack hinter mir gehabt. Und da haben wir meistens selbst das Spiel gemacht wie gegen La Coruna, Liverpool oder Manchester United. Diese Saison habe ich in Hannover auch Tore im Strafraum aus dem Gewühl heraus erzielt. Doch wenn man erstmal in der Schublade steckt, ist es schwierig, da wieder herauszukommen.

SPIEGEL ONLINE: Ein echter Goalgetter sind aber auch Sie nicht. Frustriert Sie, dass Ihr Können stark angezweifelt wird?

Brdaric: Mich spornt das nur an. Als Spätberufener in die Nationalmannschaft habe ich keine Ansprüche. Ich versuche mich einzubringen und das Bestmögliche zu geben. Ich glaube, dass andere derzeit mehr gefordert sind.

SPIEGEL ONLINE: Wen meinen Sie?

Brdaric: Die Stürmer, die mehr spielen als ich.

SPIEGEL ONLINE: Wie scharf ist der Konkurrenzkampf unter den Leidensgenossen?

Brdaric: Wir verstehen uns untereinander ganz gut, aber jeder geht seinen eigenen Weg, auf dem er am besten mit der Situation zurechtkommt. Ich kann mich nur über Trainingsleistungen anbieten, mehr geht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie an Ihren Einsatz gegen Tschechien?

Brdaric: Das hängt vom Spielverlauf ab. Ich hoffe natürlich, von Anfang an zu spielen, aber bin Realist und sehe, dass im Moment andere mehr Vertrauen genießen. Aber so ein Turnier entwickelt sich. Wenn ich nach einer Einwechslung Glück habe, kann das im Spiel darauf schon ganz anders aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es überhaupt eine weitere Partie für die deutsche Mannschaft bei dieser EM gibt. Wie sehen Sie die Chancen gegen Tabellenführer Tschechien?

Brdaric: Nach dem Sieg über Holland sind die für mich Mitfavorit auf den Titel. Aber weil sie gegen uns voraussichtlich nicht in Bestbesetzung antreten, sind die Tschechen unberechenbar. Das Stadion in Lissabon wird uns besser liegen als das enge von Boavista Porto. Außerdem hat sich in unseren Köpfen fest verankert, dass wir mit einem Sieg hundertprozentig im Viertelfinale sind. Das gibt mir ein gutes Gefühl.