Interview mit Torwart Enke "Die Bundesliga ist ein Kindergeburtstag"

Robert Enke ist erst 28 Jahre alt, aber bereits viel herumgekommen in Europa. Mittlerweile spielt der Torwart bei Hannover 96. Im RUND-Interview spricht er über deutsche Touristen, geschlachtete Schafe und seine Hoffnung auf einen Einsatz im Nationalteam.


Frage:

Herr Enke, Ihre Bundesliga-Kollegen haben Sie vergangene Saison zum besten Torhüter Deutschlands gewählt. Womöglich wären Sie schon in der Nationalelf, wenn Sie 1999 nicht ins Ausland gegangen wären.

Enke: Die Erfahrungen würde ich dennoch nie im Leben gegen fünf Jahre Bundesliga eintauschen. Ich habe in wunderschönen Städten gelebt und bei großen Clubs gespielt. Ich weiß, wie es ist, Ausländer zu sein, sich zurechtfinden zu müssen. Ich kann mich auf Portugiesisch und Spanisch verständigen, habe neue Kulturen und sehr viele nette Menschen kennen gelernt. Wenn ich in Deutschland geblieben wäre, wäre ich heute vielleicht näher an der Nationalmannschaft. Vielleicht aber auch nicht.

Frage: Mancher Ihrer Kollegen lässt keine Gelegenheit aus, sich als Nationalkeeper ins Gespräch zu bringen. Sie wirken recht gelassen.

Enke: Realistisch betrachtet wird die Nationalmannschaft allenfalls nach der WM ein Thema für mich. Ich weiß außerdem, wie es auch laufen kann. Ich bin 2002 aus Lissabon zum FC Barcelona gekommen. Ein Jahr später war ich arbeitslos.

Frage: 1999 waren Sie im Aufgebot beim Confederations Cup in Mexiko. Im gleichen Jahr wechselten Sie zu Benfica Lissabon. War Ihnen klar, dass Sie damit in Deutschland von der Medienbildfläche verschwinden?

Enke: Das war mir damals nicht so wichtig. Ich würde es wieder so machen. Mich juckt es nicht, dass einem Verein wie Benfica hier in Deutschland nicht viel Beachtung geschenkt wird, obwohl es eigentlich unverständlich ist. Schließlich bedeutet Benfica Menschen in ganz Europa sehr viel. Das ist ein Weltclub. Egal, ob wir in Frankreich, den USA oder Afrika gespielt haben, überall waren zig Fans da.

Keeper Enke: "In Deutschland läuft man drei Wochen lang fast jeden Tag"
DPA

Keeper Enke: "In Deutschland läuft man drei Wochen lang fast jeden Tag"

Frage: Warum sind Sie damals gegangen?

Enke: Ganz ehrlich, es war finanziell ein sehr gutes Angebot. Der Hauptgrund war aber, dass Jupp Heynckes dorthin gegangen ist und ich unbedingt mal mit so einem Trainer mit Weltruf arbeiten wollte.

Frage: Was war in Barcelona und Lissabon fußballerisch anders?

Enke: Ich hatte dort in der Vorbereitung nicht einmal die Laufschuhe an. In Spanien und Portugal holt man sich die Kondition halt anders, auch bei José Mourinho in Lissabon war das so. Und ich glaube nicht, dass spanische oder portugiesische Teams eine schlechtere Kondition als deutsche haben. Trotzdem läuft man in Deutschland drei Wochen lang fast jeden Tag.

Frage: Sie dürften der einzige Bundesligaspieler sein, der je unter Mourinho trainiert hat. Was ist er für ein Typ?

Enke: Mourinho spricht Portugiesisch, Spanisch, Englisch, Französisch, alles fließend. Er ist ein sehr gebildeter Mann, der aber auch sehr von sich überzeugt ist.

Frage: Das kann man wohl sagen.

Enke: Die Arroganz ist allerdings nur Show. Das macht er, um von der Mannschaft abzulenken und Kritik auf sich zu ziehen. Er ist ein sehr guter Trainer und ein Supertyp. Man muss nur hören, was seine ehemaligen Spieler über ihn sagen: Sie sind alle voll des Lobes über ihn. Und er hatte in Lissabon von Anfang an eine natürliche Autorität, obwohl er damals als Cheftrainer noch nichts vorzuweisen hatte.

Frage: Welchen Status hat der Torwart in Portugal und Spanien?

Enke: In Deutschland wird ein guter Torwart schnell Publikumsliebling. In Spanien ist der Keeper eher geduldet, für das Spektakel sorgen die Mittelfeldspieler und Stürmer. Als Ausländer darf man sich in Barcelona sowieso keinen Fehler erlauben, als Torwart aber zählt nur Perfektion. Ich habe ein schlechtes Spiel gemacht und wurde von den Zeitungen in der Luft zerrissen. Gegenüber europäischen Spitzenclubs ist die Bundesliga ein Kindergeburtstag.

Frage: In Deutschland geht es eben etwas weniger leidenschaftlich zu.

Enke: Das ist eher umgekehrt. Bei einem ganz normalen Spiel im Camp Nou sind zwar 80.000 Leute. Aber wenn man sich das Spiel anguckt auf der Tribüne - dieses Vergnügen hatte ich ja auch mal - kommt man sich vor wie in der Oper. Die Leute essen Kürbiskerne und trinken Cola mit der Familie. Bis da Stimmung aufkommt, musst du schon gegen Real nach 20 Minuten 2:0 führen. So etwas erlebst du weder in Schalke, Dortmund, Hamburg oder Hannover - da hast du immer echte Fußballatmosphäre. Was die Stimmung angeht, kann Spanien mit Deutschland nicht mithalten.

Frage: Der FC Barcelona hat Sie dann zu Fenerbahce Istanbul ausgeliehen. Wie hat es Ihnen in der Türkei gefallen?

Enke: Schön.

Frage: Ihrem Tonfall nach zu urteilen so schön wie Migräne.

Enke: Ich habe in Istanbul natürlich ein Extrem mitbekommen, weil ich von vorneherein mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Ihr Torwart Rüstü ging damals nach Barcelona und ich kam von da. Für die Fans klang das so, als verkauften sie ihren Nationaltorwart und bekämen dafür eine Nummer drei zurück. Ich hatte dann eine Szene, in der ich nicht gut aussah und danach sind die Fans komplett ausgetickt. Sie haben mit Flaschen und Feuerzeugen nach mir geworfen. Da habe ich entschieden, dass es mir das nicht wert ist.

Torwart Enke (l., mit dem Nürnberger Mintal): "Was die Stimmung angeht, kann Spanien mit Deutschland nicht mithalten"
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Torwart Enke (l., mit dem Nürnberger Mintal): "Was die Stimmung angeht, kann Spanien mit Deutschland nicht mithalten"

Frage: Und dann wurde irgendwann vor dem Spiel ein Schaf geschlachtet.

Enke: Gut, dass meine Frau da nicht dabei war, die wäre wohl Amok gelaufen. Ich war drei Tage da, es war die Saisoneröffnung eines Zweitligisten mit einem Spiel gegen Fenerbahce. Und vorher wurde das Schaf geschächtet. Es ist angeblich in vielen kleinen Städten so, dass sich die Spieler vor dem Spiel mit Schafsblut zeichnen.

Frage: Sie haben dann nach zwei Wochen Ihren Vertrag aufgelöst. Mancher Experte hierzulande meinte, Sie hätten durchhalten sollen.

Enke: Ich kann verstehen, wenn Leute sagen, das sei unprofessionell. Aber Außenstehende kannten die Situation auch nicht. Die Folgen habe ich getragen, denn ich wurde für ein halbes Jahr gesperrt.

Frage: Nach Ihrem Entschluss mussten Sie irgendwie ein halbes Jahr rumkriegen.

Enke: Das war schwierig, zumal klar war, dass die großen Clubs nicht Schlange stehen würden. Den Haag und Kärnten waren die Letzten in ihren Ligen. Da bin ich lieber nach Teneriffa. Die spielten zwar in der Zweiten Liga, aber immerhin in einem großen Fußballland. Das war auch genau die richtige Entscheidung.

Frage: Und ein versöhnlicher Abschluss Ihrer fünf Jahre im Ausland. Inwiefern haben Sie sich verändert?

Enke: Ich weiß jetzt zum Beispiel, wie peinlich deutsche Touristen im Ausland sein können. Oder wenn man in einem Lissaboner Supermarkt ist und die Leute versuchen, mit Kreditkarten zu bezahlen, die alle nicht funktionieren: Es gibt eine lange Schlange, aber keiner regt sich auf. Bis auf einen selbst, am Anfang jedenfalls.

Benfica-Torhüter Enke: "Schönes Wetter im Süden"
AP

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Frage: Wollen Sie einmal zurück ins Ausland?

Enke: Ich bin gerne in Deutschland, es ist ein schönes Land. Ob ich später da leben werde, wage ich aber zu bezweifeln. Wahrscheinlich wird es uns ans Meer ziehen. Gerade in Spanien und Portugal hat es mir sehr gut gefallen, und wir beide können uns gut vorstellen, am Ende meiner Karriere wieder dorthin zu gehen. Meine Frau lag mir im Juli jeden Tag in den Ohren, wie schön das Wetter im Süden war.

Frage: Das Klima in Deutschland dürfte bei Ihnen derzeit kaum das beherrschende Thema sein. Ihre Tochter leidet an einer schweren Herzerkrankung.

Enke: Wir haben in Barcelona erfahren, dass Lara ein sogenanntes hypoplastisches Linksherzsyndrom hat, einen der schlimmsten Herzfehler, mit denen man zur Welt kommen kann. Deshalb waren wir auch sehr froh, dass sich der Wechsel nach Hannover ergeben hat: nicht nur wegen der sportlichen Perspektive, sondern weil es hier eine kinderkardiologische Spezialklinik gibt.

Frage: Wie schaffen Sie es, die private Belastung mit dem Profifußball zu verbinden?

Enke: Das größte Lob gebührt da meiner Frau. Das erste halbe Jahr in Hannover verbrachte sie fast komplett im Krankenhaus, weil es so viele Komplikationen gab. In der Klinik sieht man natürlich auch viele andere Kinder auf der Intensivstation, die es nicht schaffen. Das sind Erfahrungen, mit denen man erst einmal zurechtkommen muss. Einmal hatte Lara einen Herzstillstand und man versuchte über eine Stunde, sie wiederzubeleben. Wenn man um halb zwölf Uhr nachts einen Anruf bekommt, denkt man natürlich, dass es das war. Das kann man gar nicht beschreiben. Das war an einem Sonntag, am Dienstag hatten wir ein Spiel in Cottbus. Ich habe zu meiner Frau gesagt, dass sie entscheiden soll, ob ich mitfahre. Ewald Lienen hätte mir natürlich freigegeben. Aber sie sagte: Geh und spiel, es muss weitergehen. Wir haben da im Elfmeterschießen gewonnen, und ich habe einen Elfer gehalten. Es klingt hart, aber selbst wenn unsere Tochter gestorben wäre, hätte das Leben weitergehen müssen.

Die Fragen stellten Malte Oberschelp und Christoph Ruf

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