SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. März 2006, 11:52 Uhr

Interview mit USA-Coach Arena

"Wir sind nicht Deutschlands Aufbaugegner"

Wird seine Mannschaft die DFB-Elf noch tiefer in die Krise stürzen? SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Trainer des US-Nationalteams, Bruce Arena, über Klinsmanns amerikanische Trainingsmethoden, Aufbaugegner und seine Personalprobleme.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Arena, Jürgen Klinsmann hat nach seiner Amtsübernahme amerikanische Trainingsmethoden beim DFB eingeführt und dafür viel Kritik einstecken müssen. Wissen Sie, dass am Mittwoch unter Umständen sein Posten auf dem Spiel steht?

Bruce Arena: Das ist schade. Ich verstehe nicht, was an modernen Methoden verkehrt sein kann. Wenn sein Job wirklich in Gefahr ist, finde ich das ziemlich dumm und traurig. Ich kenne Jürgen aus persönlichen und beruflichen Situationen und habe einen riesigen Respekt vor dem, was er als Spieler geleistet hat und auch vor seiner Arbeit als Trainer.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Leistung besteht derzeit darin, eine Stammformation zu finden. Schließlich haben Sie im Januar noch 60 Spieler ins Trainingslager eingeladen.

Arena: Das Problem beginnt damit, unsere Termine zu koordinieren, weil meine Spieler über die ganze Welt verstreut sind. Unser Kader kommt erstmals im Trainingslager im April komplett zusammen. Ich habe natürlich eine relativ genaue Vorstellung davon, was ich mir wünsche. Aber gegen Deutschland etwa wird wieder die Hälfte meiner Stammspieler fehlen. Die meisten Ligen außer der Bundesliga geben ja den Spielern nicht frei.

SPIEGEL ONLINE: Also wird Ihr Team Aufbaugegner des WM-Gastgebers sein?

Arena: Überhaupt nicht. Auch wenn uns Leistungsträger wie DaMarcus Beasley, Claudio Reyna, Brian Mc Bride und Landon Donovan fehlen.Wir werden eine hoch motivierte Mannschaft erleben. Schließlich ist es für viele Spieler eine der letzten Gelegenheiten, sich noch für den WM-Kader zu empfehlen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich auf die deutsche Mannschaft ein?

Arena: Wir machen uns keine Gedanken über die anderen, wir konzentrieren uns auf uns selbst. Bei einem Spiel wie diesem, einem Freundschaftsspiel mit einem relativ zusammengewürfelten Haufen und knapper Anreisefrist ist es
Zeitvergeudung, zu viel über den Gegner nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht so, als wollten Sie mit aller Macht gewinnen?

Arena: Darauf kommt es momentan nicht an. Ihr alle, die Fans, die Medien, ihr legt ein viel zu großes Gewicht auf diese Vorbereitungsspiele.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen auf die Reaktionen nach der 1:4-Niederlage der DFB-Elf gegen Italien an. Ihr Team trifft bei der WM am 17. Juni in Kaiserslautern auf Buffon und Co. Die Partie dürfte Sie also auch interessiert haben.

Arena: Ich habe aus dem Spiel nur gelernt, dass die Italiener stark sind. Und das ist keine Überraschung. Außerdem hatten sie den Heimvorteil, der ist bei Länderspielen immer sehr groß.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit kommt ihre Mannschaft bei der WM?

Arena: Wir wollen aus der ersten Runde herauskommen.

SPIEGEL ONLINE: Ein bescheidenes Ziel für den Fünften der Fifa-Weltrangliste.

Arena: Darüber denke ich nicht nach. Ich konzentriere mich auf die Aufgabe, die ich jetzt habe, und das ist unsere Gruppe. Die ist bekanntlich mit Tschechien, Italien und Ghana sehr schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit ist denn die US-Nationalmannschaft im internationalen Vergleich?

Arena: Dafür gibt es nur ein Maß und das ist die WM. Deshalb bin ich sehr gespannt. Ich habe in Italien 1990 auf der Tribüne gesessen und den Kopf geschüttelt über unsere Mannschaft. Seitdem haben wir große Fortschritte gemacht. Einen Platz unter den Top-Fußballnationen müssen wir uns aber erst noch verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Spieler sollen es denn in Deutschland richten?

Arena: Wenn Sie auf Kasey Keller wetten, liegen Sie bestimmt nicht schlecht. Ansonsten herrscht auf allen Positionen ein harter Wettbewerb. Ich habe in den vergangenen Monaten festgestellt, dass wir eine erstaunliche Tiefe haben. Die Entscheidungen werden schwierig für mich.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn Sie das Achtelfinale erreichen, dürfte sich die Euphorie in der Heimat in Grenzen halten.

Arena: Wir haben eine wachsende, sehr treue Gemeinschaft an Fußball-Fans. Die große Öffentlichkeit hingegen wird nur von uns Notiz nehmen, wenn wir ins Endspiel kommen oder Weltmeister werden. So ist das nun einmal in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Amerikaner sind es nicht gewöhnt, Leidenschaft für ihre Nationalmannschaften zu entwickeln.

Arena: Das stimmt wahrscheinlich. Sie sind sehr auf ihre Profiligen fixiert und glauben, dass es weltweit keine relevante Konkurrenz gibt. Aber man hat ja jetzt bei der Baseball-WM gesehen, dass das nicht stimmt. Da sind die Amerikaner im Viertelfinale ausgeschieden. Ich hoffe, einige wachen ein wenig auf und erkennen, dass auch anderswo auf der Welt Sport getrieben wird.

Das Interview führte Sebastian Moll

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung