Interview mit Werner Hackmann "Die Bayern brauchen die Liga"

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der neue Ligachef Werner Hackmann über die Fernsehpläne der Proficlubs und den Sonderstatus des FC Bayern München.

Von Till Schwertfeger und Clemens Gerlach


In unserer Reihe "Vision Fußball" befragen wir Protagonisten der Fußball-Szene zur Zukunft der Branche. Nach unter anderem Dortmunds Profi Otto Addo, TV-Reporter Marcel Reif, Schalkes Trainer Huub Stevens und Gladbachs Coach Hans Meyer folgt heute Ligachef Werner Hackmann.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hackmann, wieso hat es bis zur Eigenständigkeit der Liga fast vier Jahrzehnte gedauert?


Werner Hackmann: Das liegt daran, dass es innerhalb des Profifußballs einen Selbstfindungsprozess gegeben hat. Vor ein paar Jahren sind die Proficlubs noch klassische Vereine gewesen, die sich in den Strukturen des DFB wiedergefunden und wohlgefühlt haben.


SPIEGEL ONLINE: Und heute?


Hackmann: Heute sind die Proficlubs Wirtschaftsunternehmen und müssen sich marktgerecht, das heißt auch schnell und flexibel, entscheiden. Das passt nicht mehr in die traditionellen Strukturen des DFB.


SPIEGEL ONLINE: Mit Blick auf die anderen europäischen Ligen, die der Bundesliga den Rang abgelaufen haben - hat der DFB eine Entwicklung verschlafen?

Hackmann: Diese Ansicht teile ich nicht. In Spanien herrscht zwischen Verband und Profifußball das blanke Chaos. Auch das, was England vollzogen hat, ist kein Vorbild. Ich glaube, dass die Proficlubs davon leben, dass die Verknüpfung zwischen Jugend, Amateuren und Profis erhalten bleibt. Europa schaut mit einem gewissen Neid auf die neuen Strukturen in Deutschland.


SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?


Hackmann: Wir haben im Grundlagenvertrag mit dem DFB festgelegt, dass die Berichterstattung im Free-TV zeitnah zu erfolgen hat. In England kann der normale Fußballkonsument, der nicht den Pay-TV-Sender BskyB empfängt, erst am nächsten Tag die Spiele verfolgen. Das ist eine Fehlentwicklung. Sie führt dazu, dass man entweder ins Stadion gehen oder Pay-TV haben muss. Das können sich aber viele Kinder und Jugendliche nicht leisten und erschwert erheblich die Verknüpfung zwischen Profifußball und Jugendarbeit. Durch die vollständige Unabhängigkeit der Liga ist man in England total dem Gelde verfallen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der pure mediale Manchester-Kapitalismus?


Hackmann: Ja.


SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es ähnliche Tendenzen, obwohl die Eigenständigkeit unter dem Dach des DFB vollzogen werden soll.


Werner Hackmann und der designierte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: "Fußball muss ein Massengut sein"
OnlineSport

Werner Hackmann und der designierte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: "Fußball muss ein Massengut sein"

Hackmann: Sat.1 hat dementiert, dass es Überlegungen gäbe, die Fußballsendung "ran" auf den späten Samstagabend zu verlegen. Es ist klar, dass Herr Kirch, der die Bundesliga-Rechte bis Juni 2004 hält und viel Geld in einen Pay-TV-Sender wie Premiere World investiert hat, seine Ausgaben refinanzieren muss. Wir wollen aber nie unser Ziel aus den Augen verlieren: Fußball muss ein Massengut sein. Die Bundesliga darf nicht erst um 22 Uhr frei zu empfangen sein, weil dann die Jugendlichen nicht mehr zuschauen können.


SPIEGEL ONLINE: Wäre es da nicht viel angenehmer, unabhängig zu sein?


Hackmann: Wichtig ist, dass nicht Monopole geschaffen werden. Solch eine unselige Entwicklung verhindert man, indem man beispielsweise die Idee forciert, einen eigenen Ligasender aufzubauen - zusätzlich zu den bestehenden Angeboten. Die Pläne liegen in der Schublade. Unser Ziel ist es, dass die Liga Ende 2002 technisch und finanziell die Möglichkeit dazu hat. Dann wird entschieden, ob die Liga ab 2004 ihren eigenen TV-Kanal haben will.


SPIEGEL ONLINE: Was würde dann auf den Fan zukommen?


Hackmann: Das Liga-Fernsehen muss nicht zwingend Pay-TV sein, es ist auch eine werbefinanzierte Mischform denkbar. Es gibt weit entwickelte Vorstellungen, aber über die Details reden wir, wenn wir soweit sind und nicht bei SPIEGEL ONLINE. Sonst könnten wir uns die Verhandlungen ja gleich sparen.


SPIEGEL ONLINE: Aber das Liga-Fernsehen hat in Ihrer Arbeit Priorität?


Hackmann: Das Liga-TV ist am wichtigsten.


SPIEGEL ONLINE: Wäre es für die Vereine mit ihren Millionenumsätzen nicht ebenso wichtig, wegen der finanziellen Sicherheit in einer Liga nach US-amerikanischem Vorbild zu spielen?


Hackmann: Wenn wir das wirtschaftliche Risiko begrenzen wollen, indem wir Auf- und Abstieg abschaffen, einen objektiven Oberschiedsrichter einführen und möglichst viele Werbepausen, dann machen wir den Fußball kaputt. Am Ende würde diese wirtschaftliche Unabhängigkeit dazu führen, dass das Produkt nichts mehr wert ist.


SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie verhindern, dass Ihr neues Produkt, die Liga, zu einer Ramschware wird?


Hackmann: Eine Marke zu kreieren und zu etablieren, das dauert. Zur Weiterentwicklung der Liga gehört ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl, als wir es bisher hatten. Am wichtigsten ist aber, eine vernünftige Endkundenbeziehung herzustellen. Genau deshalb ist ein eigener Sender sehr reizvoll. Man braucht einen Stamm von Kunden, dem man nicht nur das Fernsehbild nach Hause schickt, sondern auch eine Reise oder ein Trikot anbieten kann. Wenn dann ein eigener Sender drei Millionen Abonnenten hat, dann hat man auch ebenso viele Kunden ...


SPIEGEL ONLINE: ... die sich, wie gehabt, vornehmlich den großen Clubs zuwenden werden. Wie wollen Sie die wachsende Kluft zwischen armen und reichen Vereinen schließen?


Werner Hackmann: "Wichtig ist, dass nicht Monopole geschaffen werden"
DPA

Werner Hackmann: "Wichtig ist, dass nicht Monopole geschaffen werden"

Hackmann: Durch den neuen Verteilungsschlüssel bei den Fersehgeldern aus dem Bundesligageschäft haben wir es geschafft, dass die Schere nicht zu groß wird. Aber die Vereine, die die Champions League ständig erreichen, laufen denjenigen Clubs weg, die nur selten oder gar nicht in solche Sphären vorstoßen. Das ist ein Punkt, über den wir uns in den nächsten Jahren unterhalten müssen.


SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom FC Bayern München. Wird dem deutschen Rekordmeister eine Extrawurst vom Ligaverband gebraten?


Hackmann: Die Bayern haben in mehrfacher Hinsicht einen Sonderstatus. Sie sind wirtschaftlich absolut unabhängig. Sie sind die Mannschaft, die den deutschen Fußball über Jahre hinweg international vertreten hat. Aber auch die Bayern brauchen die Liga. Sie haben im eigenen Interesse darauf zu achten, dass die Schere nicht so groß wird und sie nicht Abonnementsmeister werden. Das würde auch die Bayern langweilen.


SPIEGEL ONLINE: Mit großer Spannung wird derzeit die Diskussion über die Beschränkung von Nicht-EU-Ausländern unterhalb der ersten Liga verfolgt. Halten Sie diese Reglementierung für eine sinnvolle Maßnahme, um, wie die Initiatoren behaupten, den deutschen Sportnachwuchs zu fördern?


Hackmann: Ich halte den Beschluss der Innenministerkonferenz und das Vorpreschen der sächsischen Landesregierung für falsch. Die Vorschläge sind überholt: Die EU verhandelt derzeit mit vielen Staaten über einen Beitritt - da kann man nicht gleichzeitig Spieler wegen ihrer Nationalität ausschließen. Das hat nichts mit der Förderung des hiesigen Nachwuchses zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Könnte eine "Lex 2. Liga" das Problem nicht entschärfen?


Hackmann: Nein. 1. und 2. Liga gehören zusammen. Eine "Lex 2. Liga" würde auf unseren erbitterten Widerstand treffen. An den Nicht-EU-Ausländern wird der deutsche Fußball nicht kaputt gehen. Unser Bestreben muss es vielmehr sein, die Integration von Ausländern zu fördern. Ein herrliches Beispiel ist Otto Addo von Borussia Dortmund. Der spricht breitestes Hamburgisch, ist aber kein Deutscher und auch kein EU-Bürger. Das ist alles ein Witz.

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.