Interview mit Willi Lemke Bauchschmerzen und Bauarbeiter

Werders früherer Manager Willi Lemke war einer der Vorkämpfer einer modernen Bundesliga. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE für die Serie "Vision Fußball" sorgt sich der jetzige Bremer Bildungssenator um die Fans und die "Underdogs" unter den Vereinen.

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Vom Manager zum Senator: Willi Lemke
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Vom Manager zum Senator: Willi Lemke

In unserer Reihe "Vision Fußball" befragen wir Protagonisten der Fußball-Szene über die Zukunft der Branche. Nach Dortmunds Profi Otto Addo, TV-Reporter Marcel Reif, Schalkes Trainer Hubb Stevens und Werders ehemaligem Manager Willi Lemke folgt Hans Meyer, Trainer von Borussia Mönchengladbach.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Kauf von Tomas Rosicky für 25 Millionen Mark hat Borussia Dortmund einen neuen Transferrekord in der Bundesliga aufgestellt. Beim Poker zog Bayern München einmal mehr den Kürzeren - wie schon vorher bei Deisler, Ballack oder Kölns Timm. Übernehmen Leverkusen und Dortmund von den Münchnern die böse Rolle des übermächtigen, alles aufkaufenden Clubs?

Lemke: Mit diesem Transfer in der Tat hat eine neue Epoche begonnen. Das war ein Schritt in eine andere Dimension. Dortmund hat durch die Gründung einer Aktiengesellschaft so viel mehr Kapital, dass diese Investition leicht und locker gemacht werden konnte. Ich bekomme aber Bauchschmerzen angesichts dieser Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten es also auch für vernünftig, sich bei einem gewissen Preisniveau zurückzuziehen, wie es die Bayern behaupten getan zu haben - oder wollten Hoeneß & Co. schlichtweg eine Niederlage nicht eingestehen?

Lemke: Es war schlau, dass die Bayern das nicht mitgemacht haben. Der Rosicky-Transfer wird insgesamt zwischen 50 und 70 Millionen Mark kosten - man muss ja auch das Gehalt für fünf Jahre mit draufrechnen. Das ist eine Größenordnung, in die die Bayern offensichtlich nicht einsteigen wollten. Wenn die Bayern Rosicky unbedingt hätten haben wollen, wäre es für sie immer noch ein Leichtes, ihn zu kaufen, es hätte den Preis aber weiter hochgetrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Fifa demnächst möglicherweise die Ablösemodalitäten erneut verändert, können Spieler noch mehr verdienen, während die Vereine leer ausgehen. Was bedeutet das für einen "kleinen Verein" wie dem SV Werder?

Lemke: Seit dem Bosman-Urteil gibt es eine negative Entwicklung. Die Vereine sind ja fast entmachtet. Wenn die Spieler jetzt auch noch während einer Saison ohne Ablöse den Klub wechseln können, wäre das ein Unding. Man kann doch nicht ernsthaft so tun, als ob ein Fußball-Millionär durch die gleichen Kündigungsrechte geschützt werden muss wie ein Bauarbeiter. Das ist lächerlich.

SPIEGEL ONLINE: Ende nächster Woche endet die Winterpause: Bundesliga, Champions League, Uefa-Cup, vieles davon live im Fernsehen. Die Vereine verdienen durch die Übertragungsrechte horrende Summen. Die Zuschauer im Stadion fühlen sich aber im Gegensatz zu früher oftmals nicht mehr als wichtiger Bestandteil des Ganzen - zumal Anstoßzeiten nur noch nach TV-Rechten angesetzt werden. Ist die Leidensfähigkeit der Fans unbegrenzt?

Lemke: Der Zuschauer versteht langsam, dass er nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses steht. Das ist eine fatale Entwicklung, was ja auch die dramatisch gesunkenen Zuschauerzahlen in den europäischen Wettbewerben belegen. Ich habe noch zu meiner Zeit als Werder-Manager immer wieder moniert, dass zu viel auf das Fernsehen und zu wenig auf den Fan Rücksicht genommen wird.

SPIEGEL ONLINE: Auch im Weserstadion gibt es vor und während der Spiele immer mehr Entertainment. Stadion-TV gehört mittlerweile zum Standard. Manche Zuschauer empfinden die Show aber als zu aufdringlich, zu laut und zu sehr vom eigentlichen Hauptgeschehen ablenkend - dem Spiel...

Lemke: Das habe ich nicht so beobachtet. Ich glaube schon, dass der Zuschauer akzeptiert, wenn vor dem Spiel Unterhaltung geboten wird, wenn in der Halbzeit noch mal die Tore gezeigt werden. Wenn jedoch ausschließlich die Werbung im Vordergrund steht, nervt das natürlich.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Werders "Goldene Jahre" wie unter Otto Rehhagel angesichts der aktuellen Entwicklung im Fußball jemals zurückkehren werden?

Lemke: Das wünsche ich mir zwar unheimlich. Aber realistisch ist das nicht. Es ist so gekommen, wie ich es immer gesagt habe: Die Schere zwischen armen und reichen Vereinen klafft immer weiter auseinander. Ein Klub wie Dortmund kann sich mit 50 Millionen Mark gegen den Betriebsunfall Abstieg versichern. Das kann sich ein kleiner Klub gar nicht leisten. Wenn sich alles nur auf zwei, drei große Vereine konzentriert, besteht die Gefahr, dass die Bundesliga an Attraktivität verliert. Andererseits ist es aber auch gut, dass nicht immer nur die Bayern Meister werden können, sondern sich auch andere Vereine jetzt gut entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Welche meinen Sie?

Lemke: Dortmund hat jetzt eben viele finanzielle Möglichkeiten. Hoffentlich stürzt der Aktienkurs nicht ab, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Das Team ist ohne Frage zum Erfolg verdammt. Oder Schalkes erfreuliche Entwicklung, demonstriert in dem neuen Superstadion. Oder Leverkusen, das mit der mächtigen Unterstützung des Konzerns Flagge zeigt. Noch mal: Ich finde es gut, wenn viele Klubs an der Spitze mitspielen.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist ein ständiger Wechsel an der Spitze nicht auch ein Zeichen von geringer Qualität einer Liga? International kommen Bundesligaklubs neuerdings nicht mehr weit - mit Ausnahme der Bayern...

Lemke: Die allererste Adresse beim Fan ist die Bundesliga, nicht die Champions League, das sieht man ja an den Zuschauerzahlen. Und wenn jeder jeden schlagen kann, ist das kein Indiz für eine schlechte, sondern für eine spannende und starke Bundesliga. Es gibt anderswo viele schwache Ligen mit nur ein oder zwei starken Mannschaften - in Schottland zum Beispiel Celtic oder die Rangers. Wenn man im Europacup eines der restlichen Teams zugelost bekommt, kann man die leicht und locker ausschalten.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich eine Situation vorstellen, die eine Rückkehr zu Werder Bremen notwendig macht?

Lemke: Darauf kann ich keine verlässliche Antwort geben. Ich kann niemals etwas ausschließen. Ich habe jetzt einen Vertrag über vier Jahre - das nennt man bei uns Legislaturperiode - und den werde ich erfüllen, weil er mir die Aufgabe sehr viel Spaß macht.

SPIEGEL ONLINE: Sie galten jahrelang als "Anwalt der kleinen Vereine". Ist dieser Platz seit ihrem Rückzug verwaist? Wer sollte diese Rolle übernehmen?

Lemke: (Schweigt zunächst). Dazu kann ich schlecht etwas sagen. Die kleinen Vereine sollten sich schon verstärkt zusammenschließen, damit sie nicht nur das machen müssen, was die Großen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Werder hat das Weserstadion zusammen mit der Stadt großzügig ausgebaut. Wie groß sind die Chancen, dass Bremen WM-Austragungsort wird?

Lemke: Aus meiner Sicht sehr, sehr groß. Alles andere wäre eine Riesen-Ungerechtigkeit, denn wir haben als einer der ersten Vereine mit großer Eigenleistung unser Stadion WM-tauglich gemacht.



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