Interview mit Winnie Schäfer "Habe nur voll motivierte Oliver-Kahn-Typen"

Im möglicherweise entscheidenden WM-Vorrundenspiel am 11. Juni trifft die deutsche Fußball-Nationalelf auf Kamerun. Winfried Schäfer, deutscher Trainer des Afrika-Meisters, spricht über die Vorzüge seines Teams und seine Angst, von Stefan Raab vorgeführt zu werden.


Herr Schäfer, wer wird Weltmeister?


Winnie Schäfer nach dem Sieg beim Afrika-Cup
AFP

Winnie Schäfer nach dem Sieg beim Afrika-Cup

Winfried Schäfer: Frankreich, Argentinien oder Brasilien.


Warum nicht Kamerun? Sie gelten als Geheimfavorit.


Schäfer: Alle sagen, wir sind Geheimfavorit. Das muss man sich auch erst mal erarbeiten. Kamerun hat schließlich die letzten wichtigen Spiele alle gewonnen.


Also, was ist Ihr Ziel bei der WM?


Schäfer: Wir haben das Ziel, so etwas wie 1990, als wir mit Roger Milla ins Viertelfinale gekommen sind, wieder zu erreichen. So eine Euphorie wie damals wollen wir wieder erleben. Und gleichzeitig wollen wir 1990 vergessen lassen: Wenn man demnächst über Kamerun spricht, sollen die Leute nicht mehr über Milla, sondern über Mboma oder Song reden.


Schon in der Vorrunde treffen Sie auf Deutschland. Ist es für Sie persönlich schwer, gegen das eigene Land zu spielen?


Schäfer: Unmittelbar nach der Auslosung habe ich gedacht: Oh, Scheiße. Aber jetzt freue mich darauf. Aber das Spiel darf nicht das entscheidende werden - für beide Mannschaften nicht. Nicht, dass es dann heißt: Schäfer wirft Deutschland raus. Aber wenn es sein muss, werde ich es machen.


Und in Kamerun zweifelt niemand an Ihrer Loyaliät?


Schäfer: Ich habe die Frage selbst in Kamerun gestellt - auch in der Öffentlichkeit. Und die Antwort habe ich auch gegeben: Ich bin ein Löwe. Dann war das Thema vom Tisch.


Wie schätzen Sie die Deutschen ein?


Schäfer: Die Deutschen sind nicht so schlecht, wie viele Leute sagen. Natürlich fehlen ihnen Scholl und Nowotny. Aber der Rudi Völler muss jetzt sagen: Wir haben jetzt die besten verfügbaren deutschen Spieler zusammen, und wir schaffen es.


Kamerun hat zuletzt den Afrika-Cup gewonnen, 2000 holte das Team den Olympiasieg - und zuletzt gelang ein viel beachtetes 2:2 gegen Argentinien. Was macht die Mannschaft so stark?


Schäfer: Das Erfolgsgeheimnis der Mannschaft ist: Sie hat einen sehr guten Geist und einen sehr, sehr guten Charakter. Das Einzige, was gefehlt hat, das haben auch die Spieler selbst gesagt: die Disziplin. Man muss sie zügeln. Es macht so viel Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Ich habe hier nur voll motivierte Oliver-Kahn-Typen. Wir sind der FC Bayern Afrikas.


Und sie als Deutscher fühlen sich in Afrika schon fast zu Hause?


Schäfer: Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich bin froh, dass es geklappt hat. Ich möchte dem Land auch einiges zurückgeben. Wir müssen dem Land helfen, seine Infrastruktur zu verbessern. Wir wollen den Kindern in Kamerun ein Ziel bieten. Wenn das Land für den Fußball lebt, muss man ihm den Fußball erhalten.


Und dabei nehmen Sie auch einige Unannehmlichkeiten in Kauf, oder?


Schäfer: Wir haben in Hotelzimmern übernachtet, die es normalerweise gar nicht gibt. Und geflogen sind wir schon viermal mit alten Militärmaschinen, dabei war ich gar nicht bei der Bundeswehr. Aber es macht Spaß, wenn man die Begeisterung der Spieler sieht. Die trainieren sogar noch nachts unter Flutlicht und wollen gar nicht aufhören. Irgendwann schreibe ich ein Buch darüber.


Trotzdem wollen Sie nicht die Landessprache, also Französisch, lernen. Warum?


Schäfer: Fast alle Spieler sprechen englisch. Bei meinem ersten Training waren die Spieler zunächst wegen des Sprachproblems skeptisch. Dann habe ich ihnen gesagt: Braucht ihr einen Fußball-Trainer oder einen Französisch-Lehrer? Seitdem ziehen sie voll mit. Auch bei der WM werde ich alle Pressekonferenzen auf deutsch geben. Ich möchte nicht wie Trapattoni oder Lothar Matthäus bei Stefan Raab zu sehen sein.


Das Interview führten Rainer Kalb und Christian Pfennig, sid




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