Interview mit WM-Beauftragtem "Fußball ist keine Religion"

Die Evangelische Kirche will bei der Fußball-WM 2006 Präsenz zeigen. Hans-Georg Ulrichs ist ihr Beauftragter. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE redet der Pfarrer über religiösen Kitsch, Fußballgötter und Seelsorge für die deutsche Nationalmannschaft.


Ulrichs-Titel in der "Bild-"Zeitung: Großes Missverständis

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Zweimal schon wurde eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft von einem Pfarrer betreut: und wurde jeweils Weltmeister. Jetzt steht ihr wieder ein Geistlicher bei. "Pfarrer für den WM-Titel" jubelte "Bild" bereits. Leider ein Missverständnis. Der Geistliche Hans-Georg Ulrichs ist keineswegs zuständiger Seelsorger für die DFB-Mannschaft 2006 sondern kümmert sich für die Evangelische Kirche Deutschlands um die Verschmelzung der Themen Kirche und Fußball. Das ist etwas anderes als die Arbeit seiner Kollegen von 1974 und 1990, die regelrecht Mitglieder der DFB-Delegation waren. Zum WM-Team von 1990 in Italien gehörte der katholische Pfarrer Matthias Doll, der, so wird erzählt, zufällig gerade in Italien Urlaub gemacht haben soll.

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AFP

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SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie bei der Weltmeisterschaft?

Ulrichs: Ich bin nicht der zuständige WM-Pfarrer der deutschen Nationalmannschaft, wie es in Zeitungen zu lesen war. Die Kirchen überlegen sich im Vorfeld der Weltmeisterschaft, wie sie dieses Ereignis begleiten. Was können sie innerkirchlich tun, und wie können wir bei diesem Großereignis unser Land begleiten?

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also nicht der zuständige Seelsorger für die Spieler von Trainer Jürgen Klinsmann?

Ulrichs: Nein. Vielmehr bin ich der Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, kurz EKD, zur Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft.

SPIEGEL ONLINE: Und was sind Ihre Aufgaben?

Ulrichs: Wir planen für unsere Gemeinden Programme, wie dort die Weltmeisterschaft in der täglichen Arbeit aufgegriffen werden kann. Denn die WM ist jetzt schon Thema - und nach der Gruppenauslosung am 9. Dezember in Leipzig wird das Interesse noch zunehmen. Ich bin in der EKD verantwortlich für die Koordination von Ideen, wie die WM in der Gemeindearbeit aufgenommen werden kann. Dazu gehören zum Beispiel Entwürfe für Predigten, Konfirmandenunterrichte oder Schulgottesdienste. Auch beim Fußball-Projekt von "Brot für die Welt" bringe ich mich ein. Zudem bin ich für den Kontakt zu den Verbänden zuständig und bin Ansprechpartner für die jeweiligen Kirchenbeauftragten an den WM-Spielorten in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Fußball-Weltmeisterschaft und Gemeindearbeit lassen sich verknüpfen?

Ulrichs: Natürlich. In unseren Gottesdiensten nehmen wir ja oft Themen des alltäglichen Lebens auf. Und das funktioniert bei einer WM ja auch: Fairness, Niederlage, Glück, Vertrauen - ganz existentielle Erfahrungen. Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, hat Fußball als "ein starkes Stück Leben" bezeichnet, und dieses Leben muss in der Gemeindearbeit ja behandelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sähe denn eine seelsorgerische Betreuung von Nationalspielern aus? Wo würden Sie sich von einem Sportpsychologen abgrenzen?

Ulrichs: Abgrenzen will ich mich gar nicht, sondern das Eigene, das Kirchenspezifische profilieren. Seelsorge verstehe ich als die im Namen Jesu Christi und im Auftrag der Kirche geschehene Zuwendung zum einzelnen Menschen in dessen besonderer Situation - die natürlich bei einer WM wirklich besonders ist. Zur Seelsorge gehören Begleitung, Verkündigung und Beratung. Hier steht nicht der Erfolg, sondern der Mensch im Mittelpunkt. Und zwar immer der einzelne Mensch als Individuum. Deshalb wäre eine seelsorgliche Betreuung von Nationalspielern auch kein Thema für die Öffentlichkeit. Seelsorge ist eine Art Schutzraum und setzt Verschwiegenheit voraus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Beziehungen haben Sie persönlich zum Fußball?

Ulrichs: Ich habe in Jugendmannschaften gespielt und bin jetzt noch in der Pfarrauswahl der badischen Landeskirche aktiv. Beim Deutschen Kirchentag gibt es ja auch immer die deutsche Pfarrermeisterschaft, die "German Popen Open". Ich bin mit dem Fußball gut vertraut.

SPIEGEL ONLINE: Im Fußball werden immer mehr religiöse Akzente gesetzt. Dass sich Spieler vor dem Anpfiff bekreuzigen, ist gang und gäbe. Oft wirken diese Bekundungen allerdings bemüht und kitschig.

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Ulrichs: Mich rührt es durchaus an, wenn sich ein Sportler bei einem entscheidenden Moment an Gott wendet. Man kann sich zwar jahrelang auf einen Wettkampf vorbereiten, fühlt sich aber dann im entscheidenden Moment doch völlig auf sich allein gestellt. Da merkt man vielleicht, dass es noch mehr im Leben gibt, dass man einen Adressaten braucht für eigene Bitten, aber auch für den Dank. Spanier oder Italiener gehen damit viel offener um und bekreuzigen sich. Das finde ich persönlich durchaus sympathisch.

SPIEGEL ONLINE: Wann hört bei Ihnen die Sympathie auf?

Ulrichs: Die Brasilianer haben sich ja nach dem Sieg beim Confederations-Cup hingekniet. Ich frage mich, ob die Mannschaft das auch nach einer Niederlage getan hätte. Es ist nicht so, dass ich gleich jubele, wenn ein Fußballspieler sich bekreuzigt oder ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift "Jesus loves you". Manchmal frage ich mich, ob der Glaube nicht auch funktionalisiert wird: Gott liebt schließlich nicht nur den Sieger, sondern ganz besonders auch den "Verlierer", den verlorenen Sohn, um an eine wichtige biblische Geschichte zu erinnern. Manches ist mir von der Form her fremd, manches lehne ich aber auch inhaltlich ab, etwa fundamentalistisches Gedankengut.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie damit leben, dass vom Fußballgott gesprochen wird?

Ulrichs: Ja. Diesen Begriff hat ja meines Wissens erstmals der Reporter Herbert Zimmermann beim WM-Finale 1954 aufgebracht, danach wurden Spieler wie Jürgen Kohler oder Olaf Marschall so genannt. Das ist aber wirklich keine religiöse Ausdrucksform. Für mich sind das spielerische Formen, genau so wie das Fanmagazin "Schalke Unser". Gott lässt sich nicht auf einen "Fußballgott" reduzieren und Fußball ist keine Religion, sondern Lebenslust. Die Fans bedienen sich allerdings religiöser Formen - auch mit Ironie. Und damit kann ich leben.

Das Interview führte Steffen Gerth



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