Interview zum DFB im Dritten Reich "Anbiederung an die Nazis"

Der DFB hatte es nicht eilig. Erst seit kurzem liegt eine Studie über den Verband in der NS-Zeit vor. Im Interview spricht der Autor Nils Havemann über die Entfernung jüdischer Mitglieder, Radikalisierung und kühle Karrieristen.

Frage:

Herr Havemann, zu welchen Ergebnissen sind Sie in Ihrem Buch gekommen?

Havemann: Was ich herausgefunden habe, entspricht exakt dem, was sich auch über andere Organisationen sagen lässt: Es gab vor der "Machtergreifung" eine gewisse Skepsis gegenüber dem Nationalsozialismus, die dann nach 1933 sehr schnell in große Begeisterung umschlug. Aus dem einfachen Grund, weil der DFB als Sieger aus der nationalsozialistischen "Machtergreifung" hervorging.

Frage: Warum?

Havemann: Der DFB befand sich vor 1933 in einer sehr großen Krise. Er geriet in den Strudel der Weltwirtschaftskrise, dazu gab es den Kampf um die Einführung des Profitums. Für den DFB war dieser Kampf existenzbedrohend, weil das Profitum nach seiner Auffassung zu einer erheblichen Schwächung seiner Stellung geführt hätte. Dann hat sich nach wenigen Monaten herausgestellt, dass die Nationalsozialisten gegen den Profisport sein würden, worauf der DFB sich begeistert auf ihre Seite stellte.

Frage: Es gab beim DFB also, um eine berühmte Formulierung zu benutzen, vorauseilenden Gehorsam?

Havemann: Er hat sich sehr schnell angepasst und hat nicht im Geringsten versucht, Widerstand zu leisten. Absolute Priorität hatte, die eigene Organisation über den 30. Januar 1933 hinaus zu retten. Das ging einher mit Anbiederung und Gesten der Unterwerfung an die neuen Machthaber.

Frage: Und mit dem "Führerprinzip".

Havemann: Man hat die neue Zeit nach 1933 als Erleichterung aufgenommen. DFB-Präsident Felix Linnemann hat sehr schnell auf das "Führerprinzip" umgestellt, was die Verbandsoberen aber nicht als Belastung empfanden, sondern als Riesenvorteil. Man war es leid, immer wieder auf die Landesverbände und zigtausend Vereinsinteressen Rücksicht zu nehmen.

Frage: Nach dem Krieg trat auch beim DFB die berühmte Formel in Kraft, man habe nur Schlimmeres verhindern wollen.

Havemann: Das ist natürlich Unsinn. Es ging einzig und allein um den Machterhalt. Alles andere war sekundär. Um moralische Fragen hat sich der DFB bei seinem Urteil über die Nationalsozialisten nicht gekümmert.

Frage: Der DFB bezog im April 1933 gegen jüdische Mitglieder "in führenden Stellungen in Landesverbänden oder Vereinen" Stellung, obwohl es vom Reichssportführer gar keine Anweisung zum Ausschluss jüdischer Mitglieder gab. Warum?

Havemann: Diese Anordnung des DFB resultierte aus dem Streit um den Profifußball. Er hat darauf bestanden, jüdische Mitglieder aus führenden Stellungen zu entfernen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen Sportverbänden, die gleich alle jüdischen Mitglieder ausgeschlossen haben.

Frage: Warum gerade die Funktionäre?

Havemann: Der DFB betrachtete damals den Einfluss jüdischer Funktionäre auf den Verband als nachteilig. In vielen Vereinen, die den Profifußball befürworteten, waren jüdische Funktionäre an der Spitze.

Frage: Das riecht deutlich nach NS-Gedankengut: das jüdische Weltkapital, heruntergebrochen auf den deutschen Fußball.

Havemann: Vollkommen richtig. Dies war aber kein spezifisch nationalsozialistisches Gedankengut. Dieses hässliche Klischee vom Juden als "geldversessenem Kapitalisten" war während der Weimarer Zeit auch bei der politischen Linken und bei erklärten Gegnern des Nationalsozialismus weit verbreitet. Insofern wäre es falsch zu behaupten, dass der DFB Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie mit ihrem Rassendogma gewesen sei. Aber zweifellos war der Ausschluss der jüdischen Funktionäre der größte Sündenfall des DFB. Da hat er sich extrem schuldig gemacht.

Frage: Würden Sie sagen, dass das Verhalten des DFB repräsentativ war für das Verhalten der Deutschen?

Havemann: Ja, mit Sicherheit. Insgesamt wurde die "Machtergreifung" damals als eine Form von Erlösung wahrgenommen, ein stillschweigendes bis begeistertes Einverständnis mit diesem Umbruch. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Frage: Sind so die vielen NSDAP-Eintritte von DFB-Funktionären 1933 und dann wieder 1937 nach dem Aufnahmestopp zu erklären?

Havemann: Natürlich. Am Anfang war viel Opportunismus dabei, man wollte die Karriere absichern. Aber später war viel Begeisterung dabei. Bei den Sportfunktionären nahm die allerdings 1935/36 etwas ab - je nachdem, ob man noch etwas zu sagen hatte oder nicht. Denn nach den Olympischen Spielen hat der Reichssportführer die alten Funktionäre allmählich aus dem Verband gedrängt oder ihrer Kompetenzen entkleidet.

Frage: Und plötzlich gingen die Funktionäre wieder auf Distanz?

Havemann: Jedenfalls setzten sich Leute wie Pressewart Guido von Mengden, die nach 1936 noch Karriere machen konnten, bis zum Schluss begeistert für das Regime ein, während bei anderen die Begeisterung abnahm. Es ist erschreckend, wie sehr Beteiligung und Mitschuld von Karrieremöglichkeiten abhing. Daraus habe ich geschlossen, dass die Begeisterung für das Regime nicht in erster Linie ideologisch war. Die meisten beim DFB waren kühle Karrieristen.

Frage: Ihr Kollege Hubert Dwertmann zeichnete in einem Aufsatz der Zeitschrift "SportZeiten" ein anderes Bild des Präsidenten Linnemann. Er konstatierte eine "innere Radikalisierung", die 1940 in den SS-Beitritt mündete.

Havemann: Ich kann nicht feststellen, dass bei Linnemann eine innere Radikalisierung stattgefunden hat. Das geben die Quellen nicht her. Der SS-Beitritt war ein halb erzwungener, halb freiwilliger.

Frage: Ihr Kollege beschrieb außerdem eine Mitverantwortung Linnemanns an der Deportation von Sinti und Roma in die Vernichtungslager.

Havemann: Linnemann war als leitender Kriminalbeamter in Hannover zuständig für die Erfassung der Sinti und Roma, welche die Vorstufe zu ihrer Deportation nach Auschwitz bedeutete. Diese Erfassung fand 1939 auf Befehl von Heinrich Himmler statt, und Linnemann hat peinlichst genau diesen Befehl ausgeführt. Allerdings konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass er damit einen Beitrag zu ihrer späteren Ermordung leistete. Ab 1941 lässt sich seltsamerweise feststellen, dass er die Verantwortung für die Behandlung der Roma und Sinti auf andere Beamte umzuwälzen versuchte. Welche Motivation sich dahinter verbarg, lässt sich nicht mehr feststellen.

Frage: So oder so war er stärker belastet, als bisher bekannt.

Havemann: Fest steht, dass er sich mitschuldig gemacht hat. Vor allem hat er bis zum bitteren Ende seinen Job beflissen ausgeführt, obwohl er spätestens ab 1943 mit Sicherheit mehr als andere über die Verbrechen in den Konzentrationslagern gewusst hat.

Frage: Sie zeichnen ein sehr ausgewogenes Bild der DFB-Geschichte. Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, zu konservativ vorgegangen zu sein?

Havemann: Ich bin weder konservativ noch liberal, weder "links" noch "rechts", sondern lasse mich allein von meinem gesunden Menschenverstand leiten, der mal zu "linken", mal zu "rechten" Positionen führen kann. Und die historischen Quellen sind so, wie sie sind. Ich habe sie nach allen Seiten hin ausgeleuchtet und bin zu diesem Resultat gekommen. Und das ist wahrlich nicht sehr schmeichelhaft für den DFB. Deshalb halte ich die Diskussion, ob das nun ein konservativer oder ein linker Historiker aufarbeitet, für lächerlich.

Das Interview führte Malte Oberschelp

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