Irakische Fußball-Nationalelf Gastspiel ohne Gäste

Wie der kleine Fußballclub aus Hamburg-Billstedt vom großen Sport träumte und bitter enttäuscht wurde. Bernd Stange und seine irakischen Nationalspieler mussten leider zu Hause bleiben, die Partie fiel aus.

Von Tobias Zick, Hamburg-Billstedt


Vergebliche Liebesmüh: Trainer Bernd Stange (l.) und Kapitän Husam Naji konnten doch nicht kommen
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Vergebliche Liebesmüh: Trainer Bernd Stange (l.) und Kapitän Husam Naji konnten doch nicht kommen

Die Jungs vom Motorradclub waren auch schon informiert. Hätte ja sein können, dass es Stress gibt, wenn die Iraker kommen. "Bei so 'nem großen Event musst du mit allem rechnen", sagt Ralph, 45, der Präsident. Er bestellt ein Pils, indem er die Hand auf den Tresen krachen lässt und den Daumen zum Mund hebt. Unter der Bomberjacke blitzt das Wappen der Biker-Gang hervor, ein Wespenschädel mit Hörnern.

Zu siebt sollten sie das kleine Fußball-Vereinshaus am östlichen Rand Hamburgs im Blick behalten, wenn am 11. Januar das irakische Nationalteam antritt. Zum Freundschaftsspiel gegen die Bezirksliga-Mannschaft vom SV Billstedt-Horn. "Man weiß ja nie", sagt Bea, die Tresenfrau, "reicht ja, wenn sich zwei Bekloppte in die Plünnen kriegen." Ihr Nachbar hat sogar gesagt, er werde an dem Tag nicht in der Stadt sein.

Die Sorgen waren umsonst. Die Iraker kommen nicht. Kein Sonntagsvergnügen. Am Tisch in der Ecke, unter den Pokalen, sitzen die fünf Männer vom Fußball-Vorstand, und Bea bringt noch eine Portion Grünkohl mit Kassler und Schweinebacke. "Schöne Scheiße", sagt Jens, 35, der Mannschaftskapitän mit dem kleinen Ring im Ohr, "das ist echt'n bitteres Gefühl." Eigentlich wollten sie an diesem Abend Nägel mit Köpfen machen; sie wollten die 55-Punkte-Liste absegnen, über der sie sich in den letzten vier Wochen die Köpfe heißgeredet haben. "Lautsprecheranlage: Schorsch/Siggi" steht auf Position 8, den Punkt "Nationalhymnen" haben sie gestrichen, und um Punkt 38 wollte sich Manne, der Vorsitzende mit der grauen Igelfrisur, gleich morgen kümmern: "Talkshow bei Beckmann/Kerner" heißt es da, noch mit Fragezeichen.

Nicht genug Geld für die Flugtickets

"Das wäre das absolute Highlight in der Vereinsgeschichte gewesen", sagt Jens. "Welcher Bezirksliga-Spieler kann schon behaupten, dass er mal gegen eine Nationalmannschaft angetreten ist?" Auf dem Tisch liegt ausgebreitet ein Poster, darauf steht Iraqi National Team. Die Männer auf dem Foto haben schwarze Haare und tragen grüne Trikots und heißen zum Beispiel Qussai H. Saleh und Haydar O. Jassim. Mittendrin steht ein lächelnder Mann mit grauem Schopf und deutschem Namen: Bernd Stange.

Der war mal Nationaltrainer der DDR und coacht jetzt das irakische Team. Er sitzt gerade in einem Hotelzimmer in Qatar. "Wir wären wahnsinnig gern nach Hamburg gekommen", sagt er durchs Telefon, "die Spieler haben sich unheimlich gefreut. Aber wir bringen einfach das Geld für die Flugtickets nicht auf." Allein um zum Flughafen zu kommen, hätten sie fünfzehn Stunden im bewaffneten Konvoi durch die Wüste fahren müssen, über die jordanische Grenze, nach Amman.

Die Zeit der schlaflosen Nächte beginnt für Jens an einem Montagmorgen im November. Da liest er in der "Bild"-Zeitung, die irakische Nationalmannschaft suche noch einen Partner für ein Freundschaftsspiel am Rande des Hamburger Hallenfußball-Turniers, gegen eine Spende von 2000 Euro. Noch in derselben Minute klingelt das Handy von Manne, dem Vorsitzenden. "Gib mir zehn Minuten", sagt der zu Jens, legt auf und ruft gleich darauf zurück und sagt: "Das machen wir, worauf wartest du?"

Nach der Arbeit rast Jens zu Sport Peterson, ins Geschäft des Veranstalters, und es platzt alles aus ihm heraus: Man werde die Umkleidekabine mit einem Banner in den irakischen Landesfarben schmücken. Man werde in der Halbzeit Bälle ins Publikum schießen, man werde nach dem Spiel ein gemeinsames Essen im Vereinshaus veranstalten, und überhaupt würden viel mehr als 2000 Euro zusammenkommen, weil jeder eine ganze Menge Kollegen mitbringt.

Nach einer halben Stunde legt Peterson ihm einen Vertrag vor die Nase. "Manne", sagt Jens danach mit bebender Stimme ins Handy, "du, ich hab' eigenmächtig was unterschrieben. Das darf ich doch eigentlich gar nicht." Sie treffen sich im Vereinshaus und trinken erstmal einen. In den nächsten Wochen wacht Jens oft mitten in der Nacht auf und setzt sich in die Küche zum Rauchen, und dabei kommen ihm die besten Ideen. Warum nicht Uwe Seeler zum Torwandschießen einladen?

"Da haben wir richtig einen genommen"

Als Geschenk für die Iraker lässt er ein Mannschaftsfoto vergrößern, rahmt es und klebt links oben das Vereinswappen auf, rechts die irakische Nationalflagge, dazwischen einen arabischen Schriftzug. "Das heißt 'Zur Erinnerung'", erklärt er, "hat ein Kollege von mir geschrieben, der kommt aus der Ecke." Einem Freund, der bei der Müllabfuhr arbeitet, hat er Plakate mitgegeben, damit er die bei seinen Touren durch ganz Hamburg in Cafés und Imbissläden verteilen kann.

Der Koch vom Vereinshaus sollte aus dem Internet ein irakisches Rezept heraussuchen, und Bea wollte für das Event extra ein paar von diesen modernen Biertanks zum Umschnallen mieten. Als Jens dann auf seinem Handy die Nummer von Peterson sieht, weiß er sofort: Scheiße, das war's wohl. Der Traum ist aus. Nach dem Gespräch ruft er Manne an, am Abend treffen sie sich im Vereinshaus. "Da haben wir richtig einen genommen", erzählt er.

"So ein Spiel wäre auch ein schönes Highlight für die Gegend hier gewesen", sagt Manne, "wir sind ja ein sozial schwacher Stadtteil." Zum Glück haben sie noch nicht allzu viel investiert. "Das Teuerste waren eigentlich die Runden hier", sagt Siggi, der Kassenwart. "Wenn du dir mit vier, fünf Leuten bis ein Uhr nachts die Köpfe heißredest, da hast du schnell hundert Euro auf der Uhr."

"Null Unterstützung von der Koalition der Willigen"

Als die Iraker im September für den Termin in Hamburg zugesagt haben, da hofften sie noch, dass alles besser würde. Es wurde schlimmer. Der Fahrer wurde im Auto beschossen, immer mehr Spieler lassen sich von ausländischen Teams abwerben, um ihre Familien zu ernähren. "Wir bekommen null Unterstützung von der Koalition der Willigen", sagt Stange, "es ist eine jämmerliche, erbärmliche Situation. Wir trainieren auf einer Ziegenwiese, da würde in Deutschland keine Kreisligamannschaft drauf spielen." Im Februar beginnt die WM-Qualifikation.

"Die Leute, die diesen Krieg gemacht haben", wettert er, "die müssen sich doch endlich einmal darauf besinnen, wie sie die Herzen der Menschen gewinnen können. Die Amerikaner geben jeden Tag eine Milliarde Dollar für Rüstung aus, und an 50 Millionen im Jahr für eine funktionierende Fußballliga ist gar nicht zu denken." Vor dem Krieg, sagt er, seien die Stadien voll gewesen, jetzt liegt alles darnieder.

Jens lässt die Medaille in der Hosentasche verschwinden, auf deren Rückseite er ein paar arabische Grußworte prägen lassen wollte. Die Gäste sollten sie am weiß-braunen Band - die Vereinsfarben von Billstedt-Horn - verliehen bekommen. "Die setz ich bei eBay rein", sagt er trotzig und leert sein Glas. Am Morgen wird er bei der Billstedter Polizeiwache anrufen und Bescheid geben: Auch die Männer vom MEK können sich für den Spieltag etwas anderes vornehmen.



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