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08. Oktober 2015, 16:59 Uhr

DFB-Gegner Irland

Vorne lauert (immer noch) Robbie Keane

Aus Dublin berichtet

Wie gelingt die Wiederholung eines Achtungserfolgs? Irland kann mit einem Remis gegen Deutschland weiter von der EM-Teilnahme träumen. Die Hoffnungen ruhen noch immer auf denselben Spielern. Trainer Martin O'Neill hat Mühe, das zu ändern.

Verärgert ging Martin O'Neill die Journalisten an. "Ich habe mich nicht prostituiert", schnaubte der Trainer der Iren vor dem Spiel gegen Deutschland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Was den 63-Jährigen aufregte? Die Fragen der einheimischen Presse drehten sich nicht etwa um Spieler. Stattdessen wurde O'Neill wiederholt auf Jack Grealish angesprochen. Der hochtalentierte Flügelspieler von Aston Villa, der vor Monaten noch in der U21 für Irland spielte, hatte sich jüngst für England entschieden, nachdem sich der englische Trainer Roy Hodgson um seine Dienste bemüht hatte. Genau wie O'Neill.

Er habe sich keinesfalls zu stark um Grealish bemüht, der als Sohn irischer Auswanderer im englischen Birmingham geboren wurde, machte O'Neill verärgert klar. "Dass ihr teilweise von Prostitution sprecht, geht zu weit", raunzte er. Und überhaupt - es gäbe auch genügend Gegenbeispiele in den eigenen Reihen. Aiden McGeady und James McCarthy fallen im irischen Mittelfeld in der Tat nicht nur mit Dribblings sondern auch mit sattem, schottischen Akzent auf.

Eingebürgerte Helden haben bei den Iren schon immer eine Rolle gespielt. Ray Houghton, der 1988 in Stuttgart im EM-Spiel gegen den alten Rivalen England das Siegtor erzielte, stammt aus Glasgow. Tony Cascarino, der Schütze des ersten von zwei Toren beim 2:0 Sieg im Freundschaftsspiel gegen Deutschland 1994 in Hannover, hat einen breiten Londoner Akzent.

Die drängenden sportlichen Fragen rund um das irische Team sind vor dem Duell mit Deutschland in der EM-Qualifikation andere. Wer soll gegen den Weltmeister die Tore schießen? Und wer soll Müller und Co. vom Toreschießen abhalten? Die Antwort auf beide Fragen könnte dieselbe sein. John O'Shea hatte beim 1:1 im Hinspiel in Gelsenkirchen bewiesen, dass er sich durchaus auch in gegnerischen Strafräumen wohlfühlt. "Klar kann der das", bekräftigt auch Roy Keane. Der Assistent von O'Neill mahnt aber gleichzeitig auch zur Vorsicht: "John soll bei allem Drang nach vorne nicht seine Defensivaufgaben vergessen."

Hinten Shay Given, vorne Robbie Keane

Vorne hofft beim Dritten der Qualifikationsgruppe D alles auf Robbie Keane, 35. Der Kapitän kann mit einem Treffer in der Länderspielbilanz mit Gerd Müller (68 Tore) gleichziehen. Hinten soll es Shay Given richten, der seinen Rücktritt von der Nationalmannschaft wieder rückgängig gemacht hat. Bei der WM 2002 hatte Given gemeinsam mit Robbie Keane, der Oliver Kahn zum 1:1 Ausgleich bezwang, gegen Deutschland gespielt.

Bei Stoke City sitzt er zwar in der Premier League nur auf der Bank, dafür baut die irische Mannschaft auf seine Erfahrung. "Shay wird gegen die deutsche Offensive die nötige Sicherheit ausstrahlen, die die Jungs vor ihm brauchen", sagt Michéal Schlingermann, dessen Vater aus Duisburg stammt. Schlingermann ist Torwart beim irischen Erstligisten Drogheda United und vertraut voll auf sein Idol.

Mark Kinsella, ein ehemaliger irischer Nationalspieler, der gemeinsam mit Keane und Given bei der WM gegen Deutschland gespielt hat, gehört jetzt zum Trainerstab bei Drogheda United. Auch er weiß, wie wichtig Given mit seiner Erfahrung und seiner Präsenz ist: "Shay wird laut und dirigiert seine Vorderleute. Ich habe ihn auch im Mittelfeld immer gut hören können." Spieler wie Given, Keane und John O'Shea seien bei der langen Liste an gesperrten und verletzten Spielern gefragt, dem Rest der Mannschaft Stabilität zu geben.

Seamus Coleman wird in der Abwehr definitiv fehlen. Der leicht angeschlagene Spielgestalter Wes Hoolahan von Norwich City war hingegen im Abschlusstraining dabei. Hoolahan ist wichtig für eine Mannschaft, der es laut O'Neill nie an Moral gemangelt habe: "Wir sind bereit, die Deutschen auf die Probe zu stellen." Das beste Beispiel sei Robbie Keane, der gerade mal zwei Stunden nach der Geburt seines Sohnes quer durch die Welt gereist sei, um das grüne Trikot zu tragen.

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