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20. August 2014, 17:57 Uhr

Isländer in Europa-League-Playoffs

Die Torjubel-Künstler

Von Tim Scholz

Durch extravagante Torjubel-Videos wurde der UMF Stjarnan weltbekannt. Nun sorgt der isländische Erstligist auch sportlich für Aufsehen: In den Playoffs der Europa League will das Team die Stars von Inter Mailand ärgern.

Hamburg - Das Nationalstadion in Reykjavik war in sechs Stunden ausverkauft. Es gab nur zehntausend Tickets, viele Isländer gingen leer aus. Ein ähnlicher Ansturm herrscht sonst höchstens, wenn die Fußball-Nationalmannschaft im Laugardalsvöllur spielt. Doch nun sorgt erstmals ein isländischer Erstligist für ein volles Haus: UMF Stjarnan.

Der Klub aus dem unscheinbaren Reykjaviker Vorort Gardabær ist bis in die Playoffs der Europa League vorgestoßen und empfängt im Hinspiel am Mittwoch Inter Mailand (23 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Noch nie ist eine isländische Mannschaft in einem europäischen Wettbewerb so weit gekommen. "Man merkt, dass wir und alle Leute um uns herum unglaublich gespannt sind, aber nicht nervös", sagt Trainer Rúnar Páll Sigmundsson, der das Team seit einem Jahr trainiert und ihm zu seinem Europapokal-Debüt verholfen hat.

Und jetzt kommt Inter. "Ein Traum wird wahr", sagt Verteidiger Daniel Laxdal. In diesen Tagen, erzählt er, eilt er von einem Interviewtermin zum anderen, schreibt vor und nach dem Training etliche Autogramme. Auch auf Facebook und Twitter gebe es kein anderes Thema. Und die isländischen Medien erheben Stjarnan zum "Märchenteam der Europa League". "Wir müssen jetzt einfach auf dem Boden bleiben und uns auf das Spiel konzentrieren", fordert Laxdal, der neben dem Fußballspielen Kinder in einer Schule betreut.

Solch große Aufmerksamkeit hat der 27-Jährige schon vor vier Jahren erlebt. Damals zelebrierten die Spieler ihre Liga-Treffer mit einstudierten Choreografien. Zu ihren gelungensten Nummern zählen etwa der Fisch, die Geburt und das Fahrrad. Die Videos wurden millionenfach im Internet angeschaut, und der UMF Stjarnan wurde weltbekannt. Ausländische Fernsehteams kamen nach Island, Laxdal und Co. traten unter anderem im ZDF-Sportstudio auf.

"Es war eine abenteuerliche Zeit", sagt Laxdal, der maßgeblich an den Torjubel-Einlagen beteiligt war, "wenig später hatten wir aber genug davon." Normalerweise ist es um die isländischen Vereine auch ruhiger bestellt. Die Fans begeistern sich vielmehr für die Nationalmannschaft mit Stars wie Gylfi Sigurdsson und Eidur Gudjohnsen oder die Spiele der englischen Premier League, die seit den Siebzigerjahren im isländischen Fernsehen übertragen werden.

Kein Kunstrasen, kein Vorteil

Von ausverkauften Rängen im Nationalstadion haben die Vereine bislang nur geträumt. Für Stjarnan wird es nun Wirklichkeit. Das liegt auch daran, dass das eigene Stadion mit rund tausend Plätzen zu klein und der zwei Jahre alte Kunstrasenplatz in dieser Spielrunde nicht zulässig ist. "Jetzt müssen sie auf diesen möglichen Vorteil verzichten", sagt der Journalist Vidir Sigurdsson von Islands größter Tageszeitung "Morgunbladid".

Die Heimspiele der drei Qualifikationsrunden hatte das Team aus Gardabær noch im eigenen Stadion bestritten und allesamt gewonnen. Zuerst schlugen sie den walisischen Klub Bangor City mit zwei 4:0-Erfolgen - das höchste Ergebnis, das ein isländisches Team jemals in einem internationalen Wettbewerb erreicht hat. Danach zerstörte Stjarnan auch die Europapokal-Hoffnungen des FC Motherwell aus Schottland und von Lech Posen aus Polen. Nach sechs Spielen sind die Isländer ungeschlagen.

Auch in der Liga - der Spielbetrieb begann bereits im Mai - hat die Mannschaft noch kein Spiel verloren und rangelt mit dem FH Hafnarfjördur um die Tabellenführung. Es sind vor allem die vielen talentierten Eigengewächse und dänischen Spieler, die Stjarnan derzeit so stark machen. Der Verein hat dank Torwarttrainer Henrik Bødker gute Kontakte nach Dänemark, seit 2010 standen in Gardabær elf Dänen unter Vertrag.

Doch am Mittwoch wird all das keine Rolle spielen. Journalist Sigurdsson hält es für "undenkbar", dass sich Stjarnan gegen Inter durchsetzt und die Gruppenphase der Europa League erreicht. "Das erwartet keiner von ihnen." Und Laxdal hofft mit ganz viel Glück auf ein 0:0 im Hinspiel. "Vielleicht können wir Inter ein bisschen ärgern", sagt er.

Nur acht Tage später laufen er und die anderen Halbprofis aus Gardabær ins Giuseppe-Meazza-Stadion ein.

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