Island-Trainer Sverrisson "Ich bringe mehr Pferde als Spieler in Deutschland unter"

14 Jahre hat Eyjólfur Sverrisson in der Bundesliga gespielt. Mittlerweile ist der ehemalige Stürmer von Stuttgart und Berlin Nationaltrainer Islands. Auf SPIEGEL ONLINE spricht der 38-Jährige über seinen ehemaligen Mitspieler Sebastian Deisler, die DFB-Auswahl und seine Pferdezucht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Sverrisson, in Deutschland hat man lange nichts von Ihnen gehört. Dabei haben Sie 14 Jahre in der Bundesliga bei Stuttgart und Hertha BSC Berlin gespielt.

Eyjólfur Sverrisson: Eine unvergessliche Zeit, doch als Nationaltrainer Islands hat es mich noch nicht nach Deutschland verschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Kontakte zu Ihren Ex-Clubs?

Sverrisson: Beim VfB Stuttgart kenne ich nicht mehr so viele. Zu Hertha besteht nach wie vor ein sehr enger Kontakt. Mit Michael Preetz und Dieter Hoeneß bin ich gut befreundet. Hertha ist und bleibt mein Club, der Verein liegt mir sehr am Herzen.

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SPIEGEL ONLINE: Sie beobachten den deutschen Fußball also immer noch?

Sverrisson: Natürlich verfolge ich die Bundesliga weiterhin. Auch die Spiele der Nationalmannschaft sehe ich regelmäßig.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist ihr Eindruck vom deutschen Auswahlteam?

Sverrisson: Die Deutschen spielen derzeit wieder guten Fußball. Sie haben viele junge Spieler. Ich traue Jogi Löw mit diesem Team im kommenden Jahr den EM-Titel zu. Der Sieg gegen die Tschechen hat Stärke demonstriert.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen ein Spieler dabei besonders aufgefallen?

Sverrisson: So einen wie Kevin Kuranyi könnten wir ganz gut gebrauchen. Der ist ja sensationell drauf. Viel lieber hätte ich aber eine so große Auswahl wie Jogi. Das ist bei uns in Island naturgemäß etwas anders - bei nur 300.000 Einwohnern.

SPIEGEL ONLINE: Das wirkt sich auch auf die Spielbeobachtung aus. Ihre Leistungsträger sind über ganz Europa verstreut.

Sverrisson: Ich bin fast jedes Wochenende unterwegs. Die meisten meiner Spieler sind in Skandinavien, Holland und England aktiv.

SPIEGEL ONLINE: Ihr bester Spieler spielt in Spanien beim FC Barcelona.

Sverrisson: Stimmt. Aber Eidur Gudjohnsen muss ich nicht beobachten. Ich weiß, was er kann. Er ist der unumstrittene Führungsspieler im Team und hat seinen festen Platz. Auf dem Papier ist er in einer anderen Liga, aber auf Länderspielreisen merkt man davon nichts. Er hat viele Freunde im Team und spielt gerne mit seinen Kumpels zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso findet man nur so wenige isländische Spieler in der Bundesliga? Sie haben doch noch einige gute Kontakte.

Sverrisson: Ich bin Nationaltrainer und kein Spielervermittler.

SPIEGEL ONLINE: Aber als langjähriger Berliner könnten sich doch sicher einige Spieler zur Hertha vermitteln?

Sverrisson: Ich will mich da nicht einmischen. Bislang hat mich auch noch keiner gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Auch kein Trainer aus England? Dort spielen schließlich viele ihrer Nationalspieler.

Sverrisson: Das stimmt, aber die Engländer scouten von jeher viel im skandinavischen Raum, die brauchen meine Tipps gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wieso zieht es so viele isländische Fußballer nach England? Die besten isländischen Handballer beispielsweise kommen nach Deutschland.

Sverrisson: Das liegt vermutlich auch mit daran, dass es in England keinen Handball gibt. Spaß beiseite. Die Premier League wird im isländischen Fernsehen übertragen – im Gegensatz zur Bundesliga übrigens. Viele junge Spieler wachsen mit Vereinen wie Liverpool oder ManU auf und haben nur einen Traum: einmal für ein englisches Spitzenteam spielen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Berlin noch mit Sebastian Deisler zusammengespielt. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Sverrisson: Der Rummel, als Basti von Gladbach nach Berlin kam, war sehr groß. Schließlich war er damals schon ein riesiger Fußballer und eigentlich immer gut drauf.

SPIEGEL ONLINE: Keine Spur von Depressionen?

Sverrisson: Nein, im Gegenteil. Er war ein super Typ, sehr lässig und trotzdem hat er sich auf seine Karriere konzentriert. Und er hatte verdammt viel Spaß am Fußball. Allerdings wollte er nie in der Öffentlichkeit stehen, aber das bleibt bei Bayern wohl nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren Freund und Mentor Ásgeir Sigurvinsson als Nationaltrainer im Oktober 2005 abgelöst. Sind Sie mit ihm im Reinen?

Sverrisson: Ásgeir hat mich als U21-Nationalspieler nach Stuttgart geholt. Die Entscheidung, sein Engagement als Nationaltrainer zu beenden, wurde vom Verband getroffen. Zwischen uns ist alles okay.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht ihre Zukunft aus? Sie haben sich ja bereits ein zweites Standbein aufgebaut.

Sverrisson: Mein Vertrag läuft bis zur EM, danach sehen wir weiter. Die Pferdezucht, die ich gemeinsam mit meinem Schwiegervater betreibe, macht mir große Freude. Ab und an verkaufen wir auch mal ein paar Tiere. Ich bringe auf jeden Fall mehr Pferde als Spieler in Deutschland unter. Es wird ein Leben nach dem Fußball geben.

Das Interview führte Mike Glindmeier



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