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Stürmer Sigþórsson: Alkmaar, Ajax, Island

Foto: Michael Steele/ Getty Images

Islands Nationalstürmer Sigþórsson "Sind eine richtige Fußballnation geworden"

Island, das waren immer Geysire und unaussprechliche Namen. Neuerdings steht die Vulkaninsel auch für erfolgreichen Fußball. Im Interview spricht Nationalstürmer Kolbeinn Sigþórsson über den Siegeszug in der EM-Qualifikation und das Geheimnis des Aufstiegs.
Von Tim Scholz

Noch vor zwei Jahren lag Island auf Platz 131 der Fifa-Weltrangliste. Danach ging es plötzlich rapide bergauf, das Team von der Vulkaninsel scheiterte erst knapp in der WM-Relegation, inzwischen führt die Mannschaft des schwedischen Trainers Lars Lagerbäck ungeschlagen seine Gruppe in der EM-Qualifikation an - und hat sich in der Weltrangliste um über 100 Plätze verbessert .

Am Sonntag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wollen die Isländer in Tschechien ihre nächsten Punkte einfahren. Nationalspieler Kolbeinn Sigþórsson, 24, Angreifer von Ajax Amsterdam, gehört zu einer Generation junger Spieler, die für den Erfolg verantwortlich ist. Für ihn ist die Europameisterschaft noch weit entfernt, doch er glaubt an die große Chance.

SPIEGEL ONLINE: Das Volksmotto "þetta reddast" - das wird schon - steht für die Gelassenheit und den Optimismus der Isländer, aber auch den Glauben, alles erreichen zu können. Trifft das derzeit auch auf die isländische Nationalmannschaft zu?

Sigþórsson: Teilweise schon. Wir sind hervorragend in die EM-Qualifikation gestartet, wir spielen einen immer besseren Fußball. Aber daran arbeiten wir schon seit 15 Jahren hart. Im ganzen Land gibt es Fußballhallen, mit Lars Lagerbäck haben wir einen sehr erfahrenen Nationaltrainer, und wir werden intensiv über jeden Gegner informiert. Alles ist professioneller geworden. Wir haben uns schnell zu einer richtigen Fußballnation entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die ersten drei Qualifikationsspiele gewonnen, unter anderem die Niederländer mit 2:0 besiegt. Gibt es eine Erklärung für den Erfolg?

Sigþórsson : Da kommt vieles zusammen. Es ist der Mix aus Erfahrenen und einer Generation junger Spieler, die zum Teil seit der U17 zusammenspielt. Unsere Trainer haben eine neue Spielphilosophie eingeführt, wir beherrschen verschiedene Systeme, wir variieren kurze und lange Bälle und versuchen, auch die "zweiten Bälle" zu gewinnen. Wir sind sehr flexibel und machen es unseren Gegnern schwer.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Respekt anderer Länder gewachsen?

Sigþórsson : Auch wenn Island eine kleine Insel ist, begegnet uns jede Mannschaft im Moment respektvoll, sogar die Spitzenteams. Das war nicht immer so, noch vor zwei Jahren waren wir immer der Außenseiter.

SPIEGEL ONLINE: Der Ex-Hoffenheimer Gylfi Sigurðsson hat bereits vier Tore in der Qualifikation erzielt, sie als Angreifer nur eines. Stiehlt er Ihnen die Show?

Sigþórsson : (lacht) Er hat mit seinen Treffern eine wichtige Rolle gespielt. Dazu ist er ein großartiger Teamplayer, er glänzt mit Pässen, mit denen die Verteidiger nicht rechnen. Und wo er ist, kreieren wir viele Chancen. Das mag ich an seinem Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten isländischen Nationalspieler stehen im Ausland unter Vertrag. Sigurðsson spielt bei Swansea City, Sie bei Ajax Amsterdam. Warum haben Sie die Insel verlassen?

Sigþórsson : Als Talent wollte ich besser werden und bin daher mit 16 in die Niederlande gegangen. Als Isländer muss man diesen Schritt machen, wenn man sich fußballerisch weiterentwickeln will. Der heimische Fußball ist eher körperbetont, aber die Liga wird immer stärker. Hoffentlich wird sie einmal so gut sein, dass die Talente in Island bleiben. Für mich war es die richtige Entscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Wer vor wenigen Jahren in Island Länderspiele besucht hat, der konnte sich regelrecht verloren vorkommen.

Sigþórsson : Das stimmt. Vor zwei Jahren saßen noch 5000 Leute im Stadion, heute sind die Partien ständig ausverkauft. Bei den Heimspielen in Reykjavik ist die Stimmung fantastisch. Wir haben sogar einen eigenen Fanklub, immer mehr Menschen feuern uns an. Das spürt jeder Spieler auf dem Feld, das brauchen wir.

SPIEGEL ONLINE: Steigern die Reisen in die Heimat auch die Sehnsucht, irgendwann dorthin zurückzukehren?

Sigþórsson : Darüber habe ich mir wirklich noch keine Gedanken gemacht. Ich konzentriere mich immer auf das Hier und Jetzt und die nächsten Schritte meiner Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Und spielt die Europameisterschaft da schon eine Rolle?

Sigþórsson : Zurzeit ist die EM noch zu weit weg, wir wollen einen Schritt nach dem anderen machen. Dennoch wäre es etwas Großartiges, wenn wir uns dafür qualifizieren. Die ganze Insel würde vor Freude explodieren, der isländische Fußball würde sich verändern. Wir müssen in den nächsten Gruppenspielen so wie in den ersten Partien auftreten, dann haben wir eine große Chance.

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