Ismaëls EM-Prognose "Schönen Fußball sehen wir nicht"

Selbstherrlicher Trainer, schlechte Infrastruktur, langweilige Liga: Frankreich-Kenner Valérien Ismaël von Hannover 96 verrät SPIEGEL ONLINE, warum das französische Team auf der Stelle tritt. Vom Auftreten des Favoriten bei der EM erwartet er nicht viel - außer Erfolg.


"30 Spieler hat Raymond Domenech für das vorläufige EM-Aufgebot nominiert. Sieben davon werden noch nach Hause geschickt werden. Was man ihm lassen muss: Domenech ist immer für Überraschungen gut. Dass Bafétimbi Gomis von St. Etienne dabei ist, der bislang noch kein einziges Länderspiel bestritten hat, dass dafür David Trezeguet zu Hause bleibt - das alles war wohl für fast alle eine Überraschung.

Nicht, dass Gomis das nicht verdient hätte, der ist schon außergewöhnlich talentiert. Aber dafür David zu Hause lassen? Trotz der 20 Tore, die er in dieser Saison für Juve erzielt hat? Was auch immer Domenechs Gründe sein mögen - an der Leistung kann es jedenfalls nicht liegen. Aber der Trainer erläutert seine Gründe ja nur selten. Da ist es natürlich schwer, überhaupt über seine Maßnahmen zu diskutieren.

Domenech will immer alles geheim halten - wobei seine Motive für andere Leute sehr, sehr klar sind. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Die Presse kritisiert ihn jedenfalls nicht so hart, wie sie es wahrscheinlich täte, wenn seine Bilanz anders wäre. Seine Auswahlkriterien versteht auf jeden Fall nicht jeder. Aber mit der Vizeweltmeisterschaft 2006 hat er natürlich gute Argumente für seine Arbeit.

Ich persönlich habe das Kapitel Nationalmannschaft schon lange abgehakt, ich hatte Erfolg, habe bei Topvereinen gespielt, aber leider nie eine Chance bekommen. Die Nationalmannschaftskarriere wird also immer eine leere Stelle in meinem Lebenslauf bleiben. Aber was soll's? Um nominiert zu werden, muss vieles zusammen kommen. Wie bei Heiko Westermann, der im richtigen Moment eine Topleistung gezeigt hat. Alles eine Frage des richtigen Moments. Deshalb könnte auch Thierry Henry - das wiederum wird Sie überraschen - für mich zur Überraschung des Turniers werden. Der hat eine schlechte Saison bei Barca gespielt, deswegen traut ihm jetzt keiner etwas zu. Das könnte ein Fehler sein

Dass Franck Ribéry in Deutschland so viel Erfolg haben würde, hat mich nicht gewundert. Während der WM 2006 war ich beim Spiel Frankreich gegen Südkorea. Meine Verlobte, die Deutsche ist, hat von der Tribüne aus gesagt, der würde doch von seiner Spielweise gut zu Bayern passen. Und wenig später haben sie ihn geholt - ein Riesenzufall! Seine Art zu spielen, passt aber auch einfach zur Bundesliga. Dieses Unbekümmerte, ins Risiko zu gehen, nach vorne zu drängen. Da hat er genau die richtige Spielweise.

Die französische Liga ist meiner Meinung nach deutlich unattraktiver als in Deutschland, wo der Fußball offensiv ist und die Stadien voll sind. Wenn Lyon siebenmal hintereinander Meister wird, zeigt das, dass die Mannschaft stark ist. Klar. Es zeigt aber auch, dass Frankreich immer mehr Schottland ähnelt, wo jedes Jahr dieselben Teams Meister werden. Das ist so eintönig, dass das auch die Zuschauer nicht interessiert. Die Leute sagen dann, was für eine langweilige Liga, das schaue ich mir nicht an. Da muss sich etwas tun in Frankreich, und zwar in der Liga. Übrigens auch was die Infrastruktur angeht. Das ist bei ganz vielen Vereinen einfach nicht zu vergleichen mit englischen oder deutschen Standards.

Und dann sind noch die wenigen Traditionsvereine auf dem absteigenden Ast: Olympique Marseille krebst herum, von Paris St. Germain ganz zu schweigen, die laufen hinterher. Der FC Nantes war dieses Jahr in der Zweiten Liga, Racing Lens ist in dieser Spielzeit abgestiegen - das ist, als wenn hier Dortmund in der Zweiten Liga wäre.

Schwer zu sagen, was von der französischen Nationalmannschaft zu erwarten ist. Schöner offensiver Fußball jedenfalls nicht, das weiß man ja mittlerweile in Europa. Frankreich spielt aber auf jeden Fall sehr diszipliniert, die Räume sind eng, es ist verdammt schwer, ein Tor gegen Frankreich zu erzielen. Und man hat ja bei der WM gesehen, dass die Mannschaften, die die wenigsten Tore kassiert, ganz vorne landen. Die EM steht sportlich auf einem noch höheren Niveau als die WM. Frankreich spielt da sofort gegen starke Gegner wie Italien, Rumänien oder Holland. Schönen Fußball werden wir da sicher nicht sehen. Taktikfreunde können sich schon einmal freuen.

Ich bin mir übrigens ganz sicher, dass es eine Überraschung geben wird, ob jetzt durch Russland, die Schweiz oder eben durch Rumänien, denen ich durchaus zutraue, auf Platz eins oder zwei in der Gruppenphase zu kommen. Frankreich schafft es vielleicht unter die ersten vier des Turniers. Die fehlende Begeisterung für die Liga hat natürlich auch Auswirkungen auf die Nationalmannschaft. Eine gewisse Vorfreude ist schon zu spüren, die Leute wollen, dass Frankreich wieder ins Finale kommt. Von einer richtigen Euphorie kann man aber nicht sprechen. Das Gefühl, dass ein ganzes Land hinter der Mannschaft steht, hat man in Frankreich nur ganz selten. Das ist in Deutschland etwas ganz anderes."

aufgezeichnet von Christoph Ruf



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