Israelischer Pokalsieger Triumph der Ausgegrenzten

Bnei Sakhnin hat im israelischen Fußball für eine Sensation gesorgt. Als erster arabischer Verein holte das Team den Landespokal. Der Erfolg stürzte die Stadt in einen Freudentaumel und brachte ein Stück Politik in den Fußball. Doch die Aussichten des Clubs sind trotz des Pokalsieges düster.

Von Philipp von Wussow


Jubel beim Sakhnin-Team: Historischer Erfolg
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Jubel beim Sakhnin-Team: Historischer Erfolg

Die Straßen von Sakhnin waren Mitte Mai völlig verstopft. Die ganze Nacht lang strömten immer mehr Menschen in die 22.000-Einwohner-Stadt im Norden Israels, um einen Sieg zu feiern, den viele als historisch bezeichneten: Bnei Sakhnin, die "Söhne Sakhnins", hatten soeben als erster arabischer Verein den israelischen Landespokal gewonnen. Noch zur Pause hatte Hapoel Haifa mit 1:0 geführt. Doch am Ende gab es kein Halten mehr: Bnei Sakhnin entschied das Endspiel mit 4:1 für sich. Die Mannschaft spielt diese Saison im Uefa-Cup. Premierminister Ariel Scharon gratulierte umgehend: "Ich bin sicher, Sie werden Israel in Europa ehrenvoll repräsentieren." Das Erstrundenspiel gestern ging mit 0:2 bei Newcastle United verloren.

Die Brisanz dieser Ehre hängt eng mit der politischen und gesellschaftlichen Lage in Israel zusammen. Denn es gibt nicht nur einen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, der fast täglich Tote auf beiden Seiten fordert, sei es durch Selbstmordattentate in israelischen Städten, sei es durch Übergriffe der Armee in den besetzten Gebieten. Es gibt auch etwa 1,5 Millionen israelische Araber, die keiner der beiden Seiten zuzuordnen sind. Während sie für die Palästinenser nicht anti-israelisch genug sind, gelten sie in Israel als Sicherheitsrisiko oder als "tickende Zeitbombe".

Sie haben keine vollen Bürgerrechte und leben überwiegend in armen Verhältnissen, und sie werden meist nur dann wahrgenommen, wenn es Ärger mit der Staatsmacht gibt. Der Meistertitel für Bnei Sakhnin verlieh diesen Menschen eine Stimme. Ihre Botschaft war unüberhörbar: Ab heute sind auch wir jemand in Israel! "Dieser Erfolg ist wie ein Neuanfang, eine neue Zeitrechnung für israelische Araber", sagte Kapitän Abbas Suan. Dabei hat Bnei Sakhnin alle Versuche zurückgewiesen, sich für einen arabisch-palästinensischen Nationalismus vereinnahmen zu lassen.

Der Erfolg ist das Ergebnis einer ungewöhnlich friedlichen Koexistenz verschiedener Kulturen. Das zeigt schon die Zusammensetzung der Spieler: Die Mannschaft besteht aus zwölf Arabern, sieben Juden und vier ausländischen Spielern - "eine unmögliche Mischung", wie der jüdische Trainer Eyal Lahman erklärte. Seine stereotype Antwort auf die Fragen nach möglichen Interessenkonflikten ist: "Ich bin Fußballtrainer." Nach diesem Muster haben auch die Spieler alle politischen und religiösen Differenzen ausgeklammert und sich ganz auf den Fußball konzentriert.

Gerade dadurch sind sie schließlich zu einer Art Familie geworden. "Wir haben einen Zustand erreicht, wo die Beziehung zwischen jüdischen und arabischen Spielern derjenigen von Brüdern gleicht", sagt Verteidiger Tomer Eliahu. Die Fans haben das begriffen. Ihnen bietet der Fußball eine der wenigen Möglichkeiten zur Integration in die israelische Gesellschaft, und dies gilt noch dann, wenn aus der gegnerischen Kurve die "Tod den Arabern"-Rufe erschallen.

Zum Symbol dieses sportlichen wie gesellschaftlichen Ausnahmezustands ist Vereinspräsident Mazen Ghanaim geworden, der die Idee der Integration und Koexistenz so vehement vertritt. Er hat den Verein 1993 in der untersten Spielklasse übernommen und seitdem alle zwei Jahre eine Klasse höher geführt, bis vor einem Jahr völlig überraschend der Aufstieg in die erste Liga gelang. Dort hat die Mannschaft mit dem kleinsten Budget knapp überlebt. Selbst für das Genre der "Underdog"-Geschichten sind die Verhältnisse in Sakhnin ungewöhnlich. So müssen die Heimspiele in Haifa ausgetragen werden, weil das eigene Stadion nicht den Anforderungen des Profifußballs genügt.

Premier Scharon: "Israel in Europa ehrenvoll repräsentieren"
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Den größten Rückstand zu den anderen Vereinen weist Bnei Sakhnin aber beim Trainingsgelände auf. Die ausländischen Spieler trauten ihren Augen kaum, als sie zur ersten Übungseinheit erschienen und einen von Ziegen umgebenen Olivenhain vorfanden, der auf Privatinitiative notdürftig umgerüstet und der Mannschaft zur Verfügung gestellt wurde. Selbst diese bescheidenen Verhältnisse sind nur möglich, weil die ganze Stadt dem Fußball verfallen ist. Viele leben ohne Wasseranschluss und Kanalisation, doch sie ertragen es, damit das Geld für ein neues Stadion gespart werden kann. Das Budget, umgerechnet etwa 1,6 Millionen Euro, stammt hauptsächlich aus privaten Spenden.

Während die ganze Vereinsführung ohne Bezahlung arbeitet, wurde das wenige Geld vor allem in ausländische Spieler investiert. Abwehrspieler Ernest Etchi aus Kamerun, der in der Vorsaison noch in Belgien spielte, kam nach Sakhnin, um "neu anzufangen". Nach europäischen Standards verdient er dort so wenig, dass er mit feiner Ironie erklärt, er spiele "auf freiwilliger Basis". Offenbar gibt es andere Attraktionen, die einen Spieler in die israelische Provinz locken. Komoku Kamara, Nationaltorwart von Guinea und die Kultfigur der vergangenen Saison, wurde kurzerhand vom örtlichen Schalata-Clan adoptiert. Sein Nachfolger ist der 21-jährige Energy Murambadoro aus Simbabwe, der beim Afrika-Cup auf sich aufmerksam machte und für zehn Monate ausgeliehen wird.

Israelischer Triumph: Spieler von Maccabi Haifa 2002 nach dem Erreichen der Champions League
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Außer dem polnischen Vielläufer Dariusz Jaskewicz agiert noch der brasilianische Stürmer Gavriel Lima. Gerüchten zufolge hat er neuerdings eine israelische Freundin und will sich einbürgern lassen, um demnächst für die israelische Nationalmannschaft aufzulaufen. Er bildet die eine Hälfte der von den Fans so benannten Torfabrik "Assulima". Die andere Hälfte ist der jüdische Spieler Lior Assulin, einer der Stars im israelischen Fußball, der für eine Saison auf Leihbasis kam. Trotz solcher Verstärkungen war die Mannschaft nur dank der bewährten Underdog-Tugenden überlebensfähig. Trainer Eyal Lahman hat seinen Spielern nicht nur beigebracht, hinter jedem Ball herzulaufen. Sie können auch richtig zutreten. Auf dem Spielfeld hat Bnei Sakhnin neue Maßstäbe in punkto Aggressivität gesetzt. "Man nennt uns nicht umsonst die Könige der Gelben Karte", sagt ein Fan stolz.

Nach dem mehrwöchigen Delirium ist Ernüchterung in der kleinen Stadt eingekehrt. Die Vorbereitung auf die neue Saison lief äußerst schleppend an. Die erste Hürde war, mit der neu gewonnenen Publicity endlich einen Trikotsponsor zu finden. Nachdem alle großen israelischen Lebensmittelkonzerne ihr Desinteresse bekundet hatten, einen arabischen Verein zu unterstützen, erwog man in Sakhnin zwischenzeitlich einen Boykottaufruf unter der arabischen Bevölkerung gegen diese Unternehmen. Er hätte vieles von der mühsam erarbeiteten Popularität wieder zerstört. Im Uefa-Cup wird Bnei Sakhnin kaum eine Rolle spielen. Und nach vielen Abgängen ist davon auszugehen, dass der Verein große Schwierigkeiten haben wird, eine weitere Saison in der israelischen Liga zu überstehen.

Packendes Duell: Haifa-Profi Katan (l.) gegen den Leverkusener Schneider
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Doch der Pokalsieg wird sich in das kollektive Gedächtnis eingraben. Was der Fußball dabei wirklich verändern kann, diese Frage ist unabweisbar in einem Land, wo Sport und Politik so eng miteinander verflochten sind. Glaubt man einigen Kommentatoren, so könnte der Fußball die alte Idee eines Weltbürgertums verwirklichen. Michael Cohen, Co-Produzent einer Dokumentation über Bnei Sakhnin, fand dafür große Worte: "Fußball ist der einzige wirkliche gemeinsame Nenner der Welt geworden. Im Namen des Fußballs wurden Kriege erklärt, beendet oder unterbrochen, und immer wieder hat der Sport bewiesen, dass er die scheinbar unversöhnlichsten Feinde zu vereinen vermag."

Mit diesem Optimismus steht Cohen nicht allein. "Es ist mehr als ein Fußballspiel", sagt auch Mazen Ghanaim. "Wir sind die Botschafter der arabischen Bevölkerung in Israel." Doch vieles spricht dafür, dass der Erfolg vor allem deren Selbstbewusstsein stärkt und ihnen sagt, "dass sie ein Teil dieses Landes sind", wie Sammy Smooha von der Universität Haifa formuliert. Jegliche Hoffnungen, sie würden nun tatsächlich in die israelische Gesellschaft integriert, seien dagegen übertrieben. "Ich sehe nichts davon. Es ist kein Wendepunkt." So wird sich durch sportliche Erfolge wenig an der politischen und wirtschaftlichen Situation ändern. "Ich glaube nicht, dass es die Makro-Situation beeinflussen wird", sagt Lutfy Mashour, Herausgeber der Wochenzeitung "As Seenara", die in arabischer Sprache erscheint, "es wird keine Türen öffnen und keine Gräben schließen. Letztlich ist es doch bloß Fußball."



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