DFB-Remis in Italien Die Rückkehr der deutschen Tugenden

Die deutsche Nationalelf konnte ihre Negativserie gegen Italien zwar nicht beenden, doch das Team verkaufte sich in Mailand gut. Dabei zeigte die Löw-Mannschaft plötzlich andere Qualitäten als Show und Spektakel. Ganz im Sinne des Bundestrainers.

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Aus Mailand berichtet


Es musste wohl ein Gegner wie Italien kommen, bis der Bundestrainer unvermittelt die guten alten deutschen Tugenden wiederentdeckte. Seine Mannschaft habe "um jeden Meter Boden gekämpft", sie habe "mit hoher Intensität verbissen gefightet" und "wahnsinnig gut in der Defensive gestanden". Solche Nachspiel-Analysen hätte man bis dato eher seinen Vor-Vorgängern Berti Vogts oder Rudi Völler zuerkannt, aber nicht dem vermeintlichen Offensiv-Schöngeist Joachim Löw.

Das 1:1 von Mailand war eine verdiente Punkteteilung, aber es war außerdem eine Rückbesinnung darauf, worauf es im Fußball auch ankommt. Es sah in dem berühmten Betonklotz San-Siro-Stadion zeitweilig so aus, als hätte die Nationalmannschaft nicht nur neue Trikots verpasst bekommen, sondern eine neue Haltung gleich mit dazu: Eine Grätsche ist kein Verbrechen! Dazu passte es, dass sich mit Philipp Lahm und Toni Kroos zwei Spieler Gelbe Karten verdienten, die normalerweise überhaupt nicht zur rustikalen Fraktion gehören. Kroos stand kurz vor dem Abpfiff im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung mit nahezu dem gesamten italienischen Team; die Rangelei hätte einem Torsten Frings zur Ehre gereicht.

Den Angriffswirbel, den Offensivrausch bewahrt man sich auch besser für andere Teams auf als für diese Italiener, die in Mailand erneut zeigten, dass sie jederzeit in der Lage sind, aus wenig viel zu machen. Es dauerte bis zur 28. Minute, bis die Azzurri ihre erste Chance bekamen - und die nutzten sie durch Ignazio Abate gleich gnadenlos zum Ausgleichstreffer.

Experiment mit Lahm nur begrenzt gelungen

Zuvor hatte das deutsche Team das Geschehen durchaus dominiert, war früh durch einen Kopfball von Mats Hummels im Anschluss an einen Eckball in Führung gegangen und war dadurch gestärkt die tonangebende Elf. Sami Khedira traf noch den Pfosten, und ohnehin lief der Ball vor allem durch das deutsche Mittelfeld bis zum Gegentor scheinbar wie von selbst.

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Italien gegen Deutschland: Pfostentreffer und Rudelbildung
Ein Mittelfeld, das Löw überraschend durch Philipp Lahm verstärkt hatte. Der Bayern- und DFB-Kapitän rückte wegen des verletzungsbedingten Fehlens der Stammkräfte Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan auf die Sechser-Position, die ihm sein Vereinstrainer Josep Guardiola in München schon mehrfach anvertraut hat.

Ein Experiment mit Folgen, guten allerdings nur für das Mittelfeld. "Wir hatten dadurch in der Zentrale durchaus ein Übergewicht", erkannte Löw, und der Kapitän spulte seine Rolle auch in bewährter Manier ab. Aber Lahms Fehlen auf der Außenposition machte diesen Positiveffekt wieder mehr oder weniger zunichte. Löw weiß das genau und betonte auch, dass er "für die WM und dauerhaft mit ihm auf der Position hinten rechts plane". Er habe Lahm lediglich in die Mitte beordert, um dort "noch ein bisschen mehr Erfahrung hereinzubringen".

Letzte Szene sinnbildlich für Ära Löw

Da Löw auch den Dortmunder Marcel Schmelzer auf der linken Abwehrseite schonte, mühten sich auf den Verteidigerpositionen Marcell Jansen und Benedikt Höwedes ab. Beides ordentliche Abwehrspieler, beide jedoch ohne jeglichen Esprit, das Spiel gestalterisch zu beeinflussen. Jansen und Höwedes, zwei grundsolide, artige Backups, die man gern in der Hinterhand hat. Aber eben nur dort.

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DFB-Elf in der Einzelkritik: Lahm fehlerlos, Schürrle blass
Es bleibt also auch nach Mailand dabei, dass Deutschland gegen die Italiener einfach nicht gewinnen kann, seit 18 Jahren hält diese Serie jetzt an. Löw erkannte immerhin das "klare Signal, dass wir auch hier in San Siro absolut mithalten konnten".

Womit er sicher recht hatte, denn beinahe hätte sein Team sogar in allerletzter Sekunde den Sieg davontragen und die Bilanz gegen die Italiener endlich aufhübschen können und müssen. Aber die beiden Einwechselspieler Lars Bender und Marco Reus behinderten sich nach einer sehenswerten Kombination und einem Pfostentreffer von Höwedes gegenseitig, statt den Abpraller ins leere Tor zu schieben.

Es war eine Szene, die ein bisschen sinnbildlich für die Ära Löw und ihre nunmehr 100 Länderspiele steht. Die Ära mit der Überschrift: Immer kurz davor. Bis zuletzt wunderschön durchgespielt, eine wahre Freude, es anzusehen, aber dann wird der finale Moment ungenutzt gelassen, das Ziel verpasst.

Aber jetzt kommen ja die deutschen Tugenden hinzu.

Italien - Deutschland 1:1 (1:1)
0:1 Hummels (8.)
1:1 Abate (28.)
Italien: Buffon - Abate, Barzagli (71. Ogbonna), Bonucci, Criscito - Marchisio, Montolivo, Pirlo (82. Cerci), Motta - Osvaldo (53. Candreva), Balotelli
Deutschland: Neuer - Höwedes, Boateng, Hummels, Jansen - Lahm, Khedira (67. S. Bender) - Müller (87. L. Bender), Kroos, Schürrle (59. Reus) - Götze (59. Özil)
Schiedsrichter: Benquerenca (Portugal)
Zuschauer: 30.000
Gelbe Karten: Marchisio, Motta - Lahm, Kroos

insgesamt 120 Beiträge
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horst87 16.11.2013
1. Ordentliches Spiel
Die Defensive hatte nur einen einzigen Aussetzer und da hatten die Italiener auch etwas Glück. Ansonsten war's ein solides Länderspiel, bei dem ein richtiger Stürmer gefehlt hat, dann hätte man einen Konter evtl. auch mal klassisch über die Außen mit einer hohen Flanke zur Mitte abschließen können. Mit Götze da vorn waren die Spieler ja geradezu gezwungen, alles spielerisch zu Ende zu bringen. Aber ich glaube Löw wollte einfach etwas anderes trainieren und dafür sind Testspiele ja da. Ein bisschen Pflichtspielstimmung kam ja dann mit der Rudelbildung auch noch auf. Ach so: bescheidene Stimmung bei Länderspielen scheint kein rein deutsches Phänomen zu sein.
Kauzboi 16.11.2013
2. Ahrens' Artikel
Ein Artikel der Marke "siehste!" aber ohne fundierten Unterbau. Immerhin scheint er die "deutschen Tugenden" nicht mehr mit dem deutschen Rumpelfussball gleichzusetzen. Denn das will niemand mehr sehen. Und haben wir gestern zum Glück auch nicht. Was man gesehen hat, ist ein gereifter Mannschaftsgeist, der sich von einem starken und unangenehmen Gegner nicht mehr ins Bockshorn jagen lässt. Liegt vielleicht auch daran, dass neben den 6 Bayern Spielern, die ja jetzt wissen wie man einen grossen Titel gewinnt, zumeist auch noch auf Vereinsebene international erfahrene Spieler dabei sind, die zuweilen auch in den anderen grossen europäischen Ligen Stammkräfte sind. Diese Abgeklärtheit hat der deutschen Nationalmannschaft jahrelang gefehlt - und jetzt scheint sie langsam aber sicher Einzug zu halten. Leider hat man dreimal Alu getroffen, sonst hätte Italien durchaus verdient verloren.
frank_w._abagnale 16.11.2013
3.
Leider war es mal wieder Hummels, der ein Gegentor zumindest mitverschuldet hat. Die Innenverteidigung ist die größte Baustelle von Jogi Löw. Hummels hält auf dem Niveau einfach nicht mit. Zu flatterhaft, zu viele Fehlpässe. Leider...
uksubs 16.11.2013
4. löw hats doch schon gesagt
es war hinten sehr passabel, aber nach vorn....! es war halt ein freundschaftsspiel, auch wenn es keiner verlieren wollte. in der letzten konsequenz wurde nicht gespielt, und man kann sich wünschen, dass es um wahre punkte auch mit mehr drang gespielt wird
spon_2294391 16.11.2013
5. Mit Löw nie!
Wer unsere Gruppengegner als starke Mannschaften hoch redet und in solch einem Prestige-Duell auf zig Positionen "testet", hat nichts verstanden. Die Aufstellung hatte schon die Ausrede, wir haben ja heute viel ausprobiert. Wer in solch einem Spiel Reus auf der Bank lässt, sollte schnellstens verschwinden. Mit dem wird das nie was!!!
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