Italien "Irgendwoher müssen die Tore doch kommen"

Sie sind der unbeliebteste Halbfinalist bei dieser EM. Doch je mehr über die italienischen Fußballer genörgelt wird, desto geschlossener treten sie auf.

Von Katrin Weber-Klüver


Amsterdam - Langsam reicht es den Italienern. Über den grünen Klee sind die anderen Halbfinalisten, die Portugiesen und Franzosen und die Holländer, für ihren schönen Fußball in den letzten Wochen gelobt worden, nur an der Squadra Azzurra mäkeln alle herum. Die schlimmste Schelte kam aus der Heimat. "Zynischen Fußball", hat dort der ehemalige Nationaltrainer Arrigo Sacchi der Mannschaft unterstellt.

Dabei hat sie nichts anderes gemacht, als ihrer Tradition treu zu bleiben und auf Defensive und kontrolliert dosiertes Angriffsspiel zu setzen. Das ist der Mannschaft so gut gelungen, dass Italien den einzigen Halbfinalisten stellt, der in der Summe seiner bisherigen EM-Begegnungen nie die quantitativ bestimmende Mannschaft war. Exakt vermessen hatte Italien im Schnitt 43 Prozent Ballbesitz.

Allein: Nur mit Verteidigen kann man ein Spiel ja auch nicht gewinnen. Oder, wie es Trainer Dino Zoff leicht beleidigt sagt, wenn er auf die allseitige Kritik eine Antwort sucht: "Was soll das für ein Fußball sein, bei dem man keine Torchancen hat. Irgendwoher müssen unsere Treffer doch kommen."

Im Gegensatz zu Johan Cruyff, der sein Gemecker über das holländische Spiel in der Vorrunde nach dem 6:1 gegen Jugoslawien im Viertelfinale aufgegeben, nachgerade Abbitte geleistet hat, fühlt sich in Italien Arrigo Sacchi immer noch berufen, den Catenaccio zu geißeln, obwohl Italien mit seinem ökonomischen Spiel so unbestreitbar erfolgreich ist und - im Gegensatz etwa zu den Holländern - noch in keinem einzigen Spiel in Bedrängnis geraten ist. Die italienischen Spieler allerdings reagieren auf alle Anfeindungen von außen mit demonstrativer Geschlossenheit. Paolo Maldini hält Sacchi vor, der habe in seiner Zeit als Auswahltrainer doch auch nie seine Ideen in die Tat umsetzen können. Demetrio Albertini sagt mit müdem Lächeln: "Wenn ich Sacchi im Fernsehen sehe, schalte ich um." Und Fabio Cannavaro bündelt den Sacchi-und-Co-Effekt so: "Alle kritisieren die Art, wie wir spielen. Aber das macht uns als Gruppe nur stärker."

Den Teamgeist fördert der Betreuerstab noch zusätzlich, etwa mit netten Trainingseinlagen wie dem Fangen spielen, bei dem sich die Jäger an den Händen fassen und jeden Gefaßten in ihre Reihe mit aufnehmen. Masseur Claudio Bozetti beschreibt diese Maßnahmen zur Stärkung des Teamspirits mit großer Hingabe. Und er findet Gelegenheit, die Entwicklung des Teams in den letzten Jahren unter drei verschiedenen Trainern Revue passieren zu lassen: "Unter Sacchi war der Druck viel stärker, unter Maldini war eine gute Atmosphäre, hier haben wir die große Ruhe und Ernsthaftigkeit, die Zoff der Gruppe vermittelt."

Zu diesem Programm gehört es anscheinend auch, dass Zoff als Einzige der Halbfinal-Trainer ist, der nicht vorauseilend schon vom Finale spricht. Das Einzige was Zoff zum Stand der Dinge, vor dem heutigen Spiel gegen Holland in Amsterdam zu sagen hat, ist: "Das wichtigste Spiel ist immer das nächste. Das mag banal klingen. Aber das ist die einfache Natur des Sports."



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